Eines hat Pegida in den vergangenen 15 Monaten ganz gewiss bewiesen: die eigene Hartnäckigkeit. Zunächst mit medialer Aufmerksamkeit überschüttet, von der Politik erst geschmäht, dann mit Dialogangeboten bedacht, im Sommerloch totgesagt, sind die "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" jeden Montag auf die Straße gegangen, in fast konstant hoher Zahl. Sie sind da, ungeachtet dessen, ob man sie ignoriert oder Schlagzeilen mit ihnen füllt. Diese Konsequenz, diese Verbissenheit ist eigentlich typisch für erprobte Demonstranten; für erfahrene, organisierte Protestprofis.

Doch genau das sind die Pegida-Teilnehmer nicht. Das ist die erste Besonderheit dieser Demonstranten. Über 40% derer, die da so trotzig stehen, haben sich vorher nie an politischem Protest beteiligt. Das zeigt eine neue Umfrage des Göttinger Instituts für Demokratieforschung, die am 30. November 2015 in Dresden bei einer Pegida-Demonstration durchgeführt wurde und an der rund 3.500 bis 5.000 Demonstranten teilnahmen, die einen Fragebogen mit frankiertem Rückumschlag erhielten und zurücksenden konnten.

Hier zeigt sich: Pegida mobilisiert in beträchtlichem Ausmaß, vor allem diejenigen, die bisher nicht als feste Größe in der öffentlichen Wahrnehmung aufgetreten sind – die bisher zur unsichtbaren, schweigenden Mehrheit gehörten. Gerade sie stehen nun Montag für Montag auf dem Dresdner Theaterplatz.

Noch ein Ergebnis ist bemerkenswert: Der Rücklauf der Umfrage zeigte, dass die Pegida-Teilnehmer nicht wortkarg sind, sondern auskunftsbereit: Entgegen bisheriger Erfahrungen, Pegida rede nicht, erhielten wir von den rund 1.800 verteilten Bögen 610 zurück. Wir konnten mit Pegida sprechen – und zwar sehr ausführlich. Damit erhöhte sich unsere Rücklaufquote im Vergleich zur Onlineerhebung im Januar 2015 um das Dreifache und zeigt, dass Protestforschung auch in diesem Umfeld möglich sein kann. Nach wie vor gilt: Die Studie ist nicht repräsentativ. Unsere Ergebnisse sagen nur etwas über die aus, die sich entschieden haben, uns zu antworten.

Von diesen, so ein Kernergebnis der Umfrage, gaben fast 80 Prozent an, bei der nächsten Bundestagswahl die AfD zu wählen. Bisher war das Verhältnis von Pegida und AfD zumindest in Dresden nach außen hin distanziert. Doch nun deutet sich eine Kehrwende an, die Pegida möglicherweise aus der bisherigen Position als lokales und weggelächeltes Dresdner Phänomen hinaushelfen könnte: eine festere Allianz mit der AfD.

Gerade vergangene Woche hat Tatjana Festerling, die Frontfrau Pegidas, bei einem "Spaziergang" dazu aufgefordert, bei den anstehenden Landtagswahlen die "Wahlurnen qualmen zu lassen" und die AfD zu unterstützen. Ein derart konkreter Aufruf ist ein Novum bei Pegida. Dieser Schulterschluss hat vor allem strategischen Charakter und er fußt auf einer gemeinsamen Wahrnehmung: Das Land befindet sich demnach in einer dauerhaften Krise, die nun ein Möglichkeitsfenster öffnet für Parteipolitik und die selbsternannte außerparlamentarische Opposition von der Straße, sich zu verbinden.

Zur Lösung der proklamierten Krise, so ein weiteres Ergebnis der Umfrage, bevorzugt Pegida autoritäre Krisenlösungen. Schließung der Grenzen, die Bedeutung von Recht und Ordnung und eine starke Führerpersönlichkeit erhielten hohe Zustimmungswerte. Mit der grundlegenden Kritik an dem Credo des "Wir-schaffen-das" steht Pegida längst nicht mehr alleine da, sondern in der Mitte der Gesellschaft.

Besonders interessant werden die Erkenntnisse über die Pegida-Teilnehmer, wenn man sie mit dem vergleicht, was man über ihre Gegner weiß.

Fast ebenso lange, wie Pegida auf die Straße geht, gibt es die NoPegida-Proteste. Hier sammeln sich protesterfahrene Bürger, die zivilgesellschaftlich eingebunden sind und teilweise auf sehr ausführliche Protestbiografien blicken. Sie stellen sich mit Konzerten, großen Bühnen und erprobten Rednern und Bündnissen gegen Pegida. Dennoch: Trotz dieser eingespielten Strukturen, auf die NoPegida in vielen Städten zurückgreifen konnte, waren die Proteste in Dresden zahlenmäßig stets in der Unterzahl. Auch in anderen Städten gelang es selten, sie konfliktfrei und konsequent umzusetzen.

Erste Studie über die NoPegida-Bewegung

Zentral ist für alle NoPegida-Proteste das Motto: "Refugees welcome". Doch setzen die Demonstranten das selbst um? Wie steht es um ihr eigenes langfristiges Engagement, dessen es bedarf, um die anstehende Integrationsaufgabe zu meistern?

Die erste Studie überhaupt zu NoPegida, ebenfalls vom Institut für Demokratieforschung, die im März 2016 erscheinen wird, hat mittels einer Onlineumfrage (mit über 700 Teilnehmern), teilnehmender Beobachtungen, Experteninterviews und Fokusgruppen diese Bewegung untersucht und unter anderem den Motiven des Engagements nachgespürt. In vier unterschiedlichen Städten wurden in der ersten Hälfte des Jahres 2015 insgesamt acht Fokusgruppen mit insgesamt 54 Teilnehmern durchgeführt und so quantitative mit qualitativen Methoden verbunden.

Hier zeigte sich, dass die NoPegida-Protestierenden auf der Straße keinesfalls deckungsgleich sind mit den in der Flüchtlingshilfe engagierten Deutschen. Vielmehr war es rund ein Drittel aus unserem qualitativen Untersuchungssample, das schon im Mai 2015 selbst in der Flüchtlingshilfe aktiv war. Die meisten von ihnen waren Frauen aller Altersgruppen, die angetrieben von Hilfsbereitschaft und Mitmenschlichkeit ihre Tatkraft in den Dienst den Geflüchteten stellten und somit auch die langfristige Integrationsaufgabe annahmen.

Das bedeutet, dass sich die restlichen zwei Drittel eher über punktuelles Engagement definieren. Entweder, so zeigte die Intensivstudie, blicken sie von einer eher analytischen Perspektive auf Pegida und ihr eigenes Engagement. Sie wollen "Flagge zeigen" gegen Pegida, sehen dies als ihre Bürgerpflicht an, engagieren sich aber nicht unbedingt darüber hinaus. Diesen Zugang wählen vor allem ältere, meist männliche NoPegida-Aktivisten.

Viele junge Aktivisten wiederum, die überwiegend links wählen, kämpfen für ihre politische Einstellung und verteidigen diese im öffentlichen Raum, auf der Straße. Ihnen geht es vor allem um ihre Rechte und Wertvorstellungen. Sie sehen sich an vorderster Front gegen Pegida, das ist für sie Ehrensache.

Trotz dieser unterschiedlichen Motivationen eint die NoPegida-Bewegung vor allem ihre Selbstwahrnehmung: Dass sie für Demokratie eintritt, dass sie diese aktiv gestaltet, sie verteidigt, aber Pegida teilweise auch aus der Demokratie ausschließt. Pegida ihrerseits, so zeigt die Umfrage, lehnt in zunehmendem Maße die Demokratie an sich ab. Fast 20 % der Befragten äußerten sich in dieser Richtung.

Ob Pegida-, AfD- oder NoPegida-Anhänger – sie alle gehen seit Monaten auf die Straße, um zu protestieren. Das widerlegt die Thesen jener Analysten, die in den letzten Jahren über einen "neuen Konformismus" in den vermeintlich entpolitisierten, konsumkapitalistischen Gesellschaften lamentierten. Nicht nur für sie überraschend war, dass die massiven Sozialproteste nicht von links kamen. Pegida gelang und gelingt es, bemerkenswert konstant für ihre Kundgebungen zu mobilisieren, gerade diejenigen, die vorher nicht sichtbar waren, politisch unzweifelhaft auch übersehen wurden. In der Parlamentsgeschichte ist das der idealtypische Moment für eine alternative Parteiformation: Neue gesellschaftliche Probleme, neue soziale Akteure, dazu ein Wahrnehmungsdefizit und Kompetenzmangel bei den alten Parteifamilien. Vernachlässigte Lebenswelten suchen und schaffen sich dann neue politische Vertretungen.

Im Grunde kann man das unaufgeregt betrachten. Es gehört zu den Vorzügen offener Demokratien, dass sie auch lange ignorierte gesellschaftliche Transformationen aufnehmen und sich dadurch verändern können, dass sie elastische Offenheit für lange ignorierte gesellschaftliche Transformationen bieten. Hätten sie diese Fähigkeit nicht, hätten wir in der Tat die rohe Selbstermächtigung des Protests jenseits des rechtsstaatlichen Rahmens zu befürchten. Der reale Parlamentarismus sozialisiert diese Bewegungen und ihre Akteure dann auf seine Weise.