Bürgerinitiative. Reichstagsgebäude. Standesamt. Wappen. Vier von 100 Schlüsselbegriffen, die nötig sind, um Deutschland zu verstehen, wenn es nach dem Curriculum für einen bundesweiten Orientierungskurs geht. Dort legt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) fest, welches Wissen für die Integration nötig ist: Kultur, Geschichte, Alltag, Recht. Deutschland auf 40 Seiten.

Der Orientierungskurs ist, zusammen mit einem Sprachkurs, Teil des Integrationskurses, den es in Deutschland seit 2005 gibt. Er richtet sich sowohl an Neu- also auch Altzuwanderer, also an Menschen, die schon vor dem 31. Dezember 2004 in Deutschland eingereist sind, aber die Sprache noch nicht völlig beherrschen. Anerkannte Asylbewerber sind zur Teilnahme verpflichtet. Auch Deutsche, die Arbeitslosengeld II beziehen und nicht gut Deutsch sprechen, können verpflichtet werden. Für Flüchtlinge aus dem Iran, dem Irak, Eritrea und Syrien gilt derzeit eine Sonderregelung, sie dürfen den Kurs auch schon besuchen, wenn ihr Verfahren noch läuft. Die Kosten für sie übernimmt der Bund. Ansonsten werden Teilnehmer in der Regel mit einem Betrag zwischen 1 Euro und 1,55 Euro pro Stunde an den Kosten beteiligt.

Was in den Orientierungskursen vermittelt wird, entscheidet das Bamf, genauer gesagt das dortige Referat für Fragen der sprachlichen und politischen Bildung. Bis das erste Curriculum feststand, sagt Referatsleiterin Carola Cichos, war es "ein aufwendiger und langwieriger Prozess". In der sogenannten Bewertungskommission, die das erste Konzept 2007 erarbeitete, saßen 17 Personen: Uni-Professoren, Linguisten, Volkshochschullehrer, Vertreter von Verbänden wie der baden-württembergischen Landeszentrale für politische Bildung und dem Goethe-Institut sowie aus dem Bundesarbeitsministerium, -bildungsministerium und dem deutschen Städte- und Landkreistag.

Sie diskutierten Fragen wie Werte, Einstellungen, Handlungsvoraussetzungen – und wie man diese vermitteln kann. Bamf-Mitarbeiter lasen diese Entwürfe, machten Vorschläge, strichen, ergänzten, sagt Cichos. Offiziell dauerte es bis zum ersten Curriculum 2007 ein Jahr, de facto wurden allgemeine Grundsätze schon 2005 gelegt, als die Kurse als Grundlage zur Integration gesetzlich festgeschrieben wurden.

Die Arbeit der Kommission erfordert Sensibilität, schließlich geht es auch um die Lebensführung der Kursteilnehmer. "Die Menschen kommen als Erwachsene oft mit einem gefestigten Wertesystem zu uns", sagt Cichos. An diesen werde im Orientierungskurs gerüttelt. "Das ist nicht irgendein Kurs. Das berührt den inneren Kern eines Menschen."

Der Orientierungskurs ist in drei Module unterteilt: "Politik in der Demokratie", "Geschichte und Verantwortung" sowie "Mensch und Gesellschaft".  

Laut Curriculum lernen die Teilnehmer im ersten Modul die politischen Strukturen Deutschlands kennen und die Möglichkeiten, sich selbst daran zu beteiligen. Auf dem Stundenplan stehen Grundgesetz und -rechte, die Bundesländer, die Parteien. Außerdem geht es um Bürgerpflichten: Steuern zahlen, zur Schule gehen, Gesetze einhalten.

Im Geschichtsmodul geht es vor allem um den Zweiten Weltkrieg, den Nationalsozialismus, die DDR und die Wende. Auch die europäische Integration wird behandelt.

Der Lehrplan wird ständig überarbeitet

Das wohl sensibelste Modul ist "Mensch und Gesellschaft". Es soll vermittelt werden, dass Behinderte die gleichen Rechte haben wie alle anderen; dass Männer Männer und Frauen Frauen lieben dürfen; dass Frauen mit Respekt zu behandeln sind, egal was sie tragen, und dass sie arbeiten dürfen, wenn sie das wollen; dass man hier jede Religion ausleben darf und die der anderen tolerieren muss.

Es ist auch das Modul, in dem es am meisten um die Teilnehmer selbst gehen soll: Sie sollen von ihrem eigenen Leben erzählen. Sie diskutieren über Erziehungsfragen, Formen des interkulturellen oder familiären Zusammenlebens oder die Bedeutung von Bildung.

In solchen Kursen passiert es dann, dass ein Mann aus Syrien mit Frauen aus Serbien, Weißrussland und Spanien darüber diskutiert, wer die Küche putzt.

Die 40 Seiten Curriculum sind daher durchzogen mit Wörtern wie "entwickeln", "befähigen", "wecken", "vermitteln". Die Absicht: Der Integrationsprozess endet nicht mit dem Kurs, sondern läuft zu Hause bei jedem einzeln weiter. "Die Teilnehmer sollen nicht nur Fakten lernen, sie sollen diese mit eigenem Wissen vergleichen und so ihre Normen und Werte hinterfragen", erklärt Cichos.   

Aber das Curriculum wird ständig überarbeitet, sagt Cichos. Ihr Referat arbeite Feedback von Lehrkräften und Teilnehmern ein. So sei beispielsweise die Stundenzahl des Kurses erhöht und Zeit für Exkursionen geschaffen worden. "Es ist ein lebendiges System", sagt Cichos. Die hohe Zahl neu angekommener Flüchtlinge sei Anlass, das Curriculum nun noch einmal komplett zu überprüfen.

Am Ende des Orientierungskurses steht der Test "Leben in Deutschland". Gemeinsam mit dem "Deutsch-Test für Zuwanderer", den die Teilnehmer nach dem Sprachkurs ablegen, erhält man ein Zertifikat über den bestandenen Integrationskurs. Dieses kann als Grundlage für eine spätere Einbürgerung dienen und diese nach sieben statt normalerweise acht Jahren ermöglichen. Cichos betont, dass es sich bei dem Kurs um einen Wissens-, nicht Gesinnungstest handle, nur Fakten würden abgefragt werden. 

Und die Menschen machen den Test und sind dann integriert? "Wer ist schon perfekt integriert", fragt Cichos. Der Orientierungskurs sei ein Anfang. "Wissen ändert Einstellungen", sagt die Referatsleiterin. "Und Einstellungen verändern Handlungen."

Flüchtlinge - "Integration bedeutet für mich berufliche Integration" Fuad Abu Sameer flüchtete vergangenes Jahr von Damaskus nach Deutschland. Inzwischen macht der Informatiker am Forschungszentrum Desy in Zeuthen ein Praktikum. Die Helmholtz-Gemeinschaft macht solche Angebote Geflüchteten.