"Kein Englisch!" – Seite 1

Ruth Fehse verkauft Haushaltswaren. Seit der Wende tut sie das, acht Stunden täglich, samstags meist auch. Die 62-Jährige hat kurze Haare und Lachfalten unter den Augen. Sie kennt jeden Teller, jeden Hersteller, jede Herstellernummer in ihrem Laden in der Innenstadt von Gardelegen in Sachsen-Anhalt. Die Rente wartet Ende 2017 auf sie – nach 45 Jahren Arbeit.

Sie könnte sich freuen, doch Ruth Fehse hat Angst. Angst, weil weniger Kunden kommen als früher, weil die Stadt schrumpft. Angst davor, noch kurz vor dem Ruhestand ihren Job zu verlieren. Angst, wer dann die Rechnungen zahlt. Und Angst, dass bald alles teurer wird, unbezahlbar für sie. Sie sieht ja in den Nachrichten all die Flüchtlinge, die jetzt kommen. "Das muss alles der Steuerzahler bezahlen – und das sind wir", sagt sie hinter ihrer Ladentheke. "Ich weiß nicht, wie das funktionieren soll, dass die alle bleiben."

Kaum zwei Kilometer  entfernt sitzt einer von denen, die bleiben wollen, auf einer wild gemusterten Neunziger-Jahre-Couch: Nebras Bi. Er ist 37 Jahre alt und syrischer Flüchtling. Seit drei Monaten lebt er in Gardelegen, mit drei Freunden teilt er sich zwei Zimmer, Küche, Bad. Sein Wohnhaus ist ein schlammfarbener Kasten, 50 Meter vom Bahnhof entfernt.

Angst hat auch Nebras Bi. Angst um seine Frau und seine Kinder, die noch in Damaskus sind. Jeden Morgen und jeden Abend telefoniert er mit ihnen. Sie erzählen vom Strom, der ausfällt, vom Wasser, das fehlt, von den Bomben, die fallen. "Das sind die schönsten Momente des Tages", sagt Bi über diese Gespräche. "Dann weiß ich, dass sie in dem Moment okay sind." Am Leben.

Ruth Fehse und Nebras Bi sind sich noch nie begegnet. Dabei besteht die Innenstadt von Gardelegen nur aus drei Straßen. Die Einheimische und der Flüchtling leben im selben Ort, aber nebeneinander her. Einerseits stirbt die Stadt aus und könnte neue Bewohner daher gut gebrauchen. Andererseits will Gardelegen die Flüchtlinge nicht. Und die Flüchtlinge wollen nicht in Gardelegen sein.

Eine schöne, eine sterbende Stadt

Das Rathaus im Zentrum von Gardelegen ist beinahe 800 Jahre alt. © Valerie Schönian


Gardelegen ist eine schöne Stadt: ein Rathaus, fast 800 Jahre alt, umrahmt von Fachwerkidylle. Es gibt ein altes Stadttor und einen Park, der fast einmal rund um den Ortskern läuft. Die Hansestadt liegt in der Altmark im nördlichen Sachsen-Anhalt. Seit vor fünf Jahren 18 Gemeinden eingegliedert wurden, hat sie 49 Ortsteile und ist von der Fläche her die drittgrößte Stadt Deutschlands. Nur weiß das außer den Menschen hier kaum jemand. Gardelegen ist auch eine sterbende Stadt: Sie schrumpft seit Jahren und wird weiter schrumpfen. Von 1990 bis 2013 ging die Einwohnerzahl laut der Landgesellschaft Sachsen-Anhalt um 13,5 Prozent zurück, auf heute rund 23.500.

Ruth Fehse merkt das. Wenn sie zur Mittagspause durch ihre Stadt läuft, über die vom Rathausplatz abgehenden gepflasterten Straßen, sieht sie Schaufenster, in denen Gemälde stehen, Pflanzen, Möbel. Es sind Täuschungen. Sie sollen Leben simulieren, wo kein Leben mehr ist. Die Läden hinter den Fenstern haben längst dichtgemacht. Der Elektroladen, das Modehaus, das Kino. Hat sich nicht gelohnt, der Besitzer ist verstorben oder zu alt, jemand Neues hat sich nicht gefunden. "Das ist schon ein komisches Gefühl", sagt sie, "aber dagegen kann man eben auch nichts machen."

Sie mag ihre Stadt, ihre Altmark. Sie liebt es, im Wald zu spazieren, der direkt hinter ihrem Haus beginnt. Sie hat ihre Familie in der Nähe, ihr Sohn ist ihr Nachbar, ihre Tochter lebt mit ihrer Familie  nur eine Fahrradfahrt entfernt. Jeden Mittwoch kommen ihre Enkelinnen auf den Hof. Sie füttern die Kaninchen, spielen Karten, schauen Disney-Filme. Bis 2006 lebte auch ihre Schwiegermutter hier. Ein Heim kam nie in Frage. Sie kümmerten sich bis zu ihrem Tod um sie. Neben der Arbeit, auch nachts. Ruth Fehse ist da für ihre Familie.

Auch für ihre Freunde und Bekannten. In jeder Mittagspause trifft sie jemanden, mit dem sie sich unterhalten kann. Sie mag die Leute hier und die mögen sie. Zu Weihnachten kamen zwei ihrer Stammkunden und schenkten ihr Kerzen. Darüber hat sie sich die ganzen Feiertage gefreut; dass jemand an sie gedacht hat, einfach so.

Gerade so leben

Ruth Fehse ist zufrieden mit ihrem Leben hier. Aber wenn sie in den Supermarkt geht, kann sie ihre Lieblingspralinen nicht einfach kaufen, sie muss erst überlegen, was diesen Monat noch besorgt werden muss. Sie muss für alles sparen: für die neuen Jeans, den Urlaub sowieso, die Enkelinnen. Und es darf nichts schiefgehen, keine kaputte Wasserleitung, keine zu hohe Stromrechnung.

Wenn Ruth Fehse jetzt von Politikern hört oder in Medien liest, die Deutschen sollten Flüchtlinge aufnehmen, schließlich gehe es ihnen doch gut, dann fragt sie sich: Ja, wem denn? "Für mich ist Deutschland nicht reich. Wir können leben, aber es reicht gerade so", sagt sie.

Könnten die vielen Flüchtlinge nicht eine Chance sein, die Innenstadt wieder zu beleben? Könnten sie die Läden nicht irgendwann übernehmen? Ruth Fehse kann sich das nicht vorstellen. "Sie müssen erst mal unsere Sprache lernen. Und wie das Geschäft funktioniert." Das würde dauern, zu lange, meint Fehse. Denn bis dahin kostet es Geld, ihr Geld.    

Nebras Bi grüßt keinen mehr

Angst vor der Arbeitslosigkeit hat Ruth Fehse schon seit der Wende. Alles wurde privatisiert, und wenn das Geschäft mal schlecht laufen sollte, dann hat immer der Einzelne das Problem, kein Kollektiv, das ihn auffängt. Das ist der Kapitalismus, sagt Ruth Fehse. Genau davor hätten die Lehrer in der DDR immer gewarnt. "Und jetzt erleben wir es selbst." Vor der Wende haben sie besser gelebt.

Du bist anders, ein Ausländer

Nebras Bi hat auch mal besser gelebt. Damals, vor der Flucht, mit seiner Familie in Damaskus. Er wollte nie weg, bis er musste, um nicht in den Krieg hineingezogen zu werden. Jetzt sitzen er und seine Freunde die meiste Zeit auf ihrem bunten Sofa, in seinem Wohnzimmer mit der Vitrine in der Schrankwand, dem Couchtisch mit Kurbel an der Seite und dem alten Röhrenfernseher. Es sieht eher nach deutschem Rentner aus als nach syrischem Flüchtling. Eher nach Frau Fehse als nach Herrn Bi. Nur die Wände sind sehr kahl.

Oft schauen die Flüchtlinge zusammen Nachrichten – über sich, die Flüchtlinge. Während sie darauf warten, dass ihre Asylanträge bewilligt werden. Nebras Bi ist dankbar, der deutschen Regierung und den deutschen Menschen. Das betont er. Er wolle wie sie sein, die Deutschen, die Gardelegener: hart arbeiten und Steuern zahlen. "Es ist ihr Land, wir sind Fremde. Sie haben gearbeitet, Steuern bezahlt und wir bekommen das Geld umsonst." Deswegen, sagt Nebras Bi, könne er schon verstehen, dass die Deutschen wütend werden.

Was er nicht verstehen kann, sind die Blicke, die ängstlichen, die skeptischen, denen er auf der Straße begegnet. Dort, wo Ruth Fehse ihre Bekannten trifft. Blicke, die ihm zeigen: Du bist anders, ein "Ausländer". Das ist das einzige Wort, das er nicht auf Englisch, sondern auf Deutsch sagt.

Keiner, der Englisch spricht

Deswegen verlässt er das Haus nur zum Einkaufen und geht selten in die Stadt. Wenn, dann sieht er meist nur wenige Menschen auf der Straße, viele alt. Vor Gardelegen war er in Stendal, 35 Kilometer weiter östlich. Dort hat er die Leute anfangs auf der Straße gegrüßt. Sie grüßten nie zurück. In Gardelegen hat er das deshalb nicht mehr probiert.

Fragt man Bi nach den Menschen in Gardelegen, bekräftigt er, sie seien sehr nett, freundlich, sie hätten sie ja aufgenommen. Obwohl er überhaupt keinen kennt. Er findet hier niemanden, der Englisch spricht. Er sucht eigentlich auch nicht mehr. Wenn er mal eine Frage hat, im Supermarkt zum Beispiel, bekommt er meist zu hören: "Kein Englisch."

"Kein Englisch" entgegnet auch Ruth Fehse, als einmal drei Männer in den Haushaltswarenladen kommen. Die sagen etwas, das sie nicht versteht. Sie sagt: "Ich habe nur Russisch gelernt." Das wiederum verstehen die Männer nicht. Sie gehen durch den Laden, schauen Töpfe an, Salzstreuer, schütteln mit dem Kopf, gehen wieder. "Die haben sich keine Mühe gegeben, mich zu verstehen", sagt sie.

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Ruth Fehse tut das leid mit dem Krieg, "doll leid". Vor allem für die Kinder sei es schlimm, die könnten doch nichts dafür. Sie habe ja auch nichts dagegen, dass ihnen geholfen wird. Aber es seien so viele: "Es gibt doch schon für uns so wenig." Sie muss doch jeden Pfennig umdrehen. Und die Flüchtlinge bekommen Geld, ohne hier je etwas getan zu haben. Das ist es, was sie wütend macht. "Daher kommt der Hass bei den Leuten", glaubt sie.

Den Hass, den konnte Bi einmal sehen. Eines Abends sitzt er auf der Couch und schaut aus dem Fenster, er sieht eine Handvoll Menschen auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Sieht die Masken, die sie sich über das Gesicht gezogen haben. Und wie sie das Plakat aufhängen: "Deutschland den Deutschen" – auf Arabisch, so dass die Botschaft sicher ankommt. Da hat Nebras Bi entschieden, zu gehen. In Syrien hatte er Angst – er war nicht nach Deutschland gekommen, um auch hier Angst zu haben.

Jeder trägt sein Päckchen

Am letzten Sonntag im Februar packt Nebras Bi seine Sachen. Er geht die 50 Meter zum Bahnhof und steigt in den Zug nach Düsseldorf. Er will arbeiten, als Medizintechniker. In Düsseldorf hat er zwar keinen Job, aber er will dort einen Deutschkurs machen und bleiben. Weil da ein Freund ist. Und weil da mehr Muslime sind. Dorthin will er auch seine Frau holen, seine beiden Söhne. Was er noch nicht weiß, als er das entscheidet: Der Bundestag hat beschlossen, dass er das für die nächsten zwei Jahre nicht darf.

Wenn man Ruth Fehse von Nebras Bi erzählt, hat sie Mitleid. Ein Bedürfnis mit ihm zu reden, hat sie nicht, wie auch mit keinem anderen Flüchtling. Sie sieht keinen Sinn darin. "Wir könnten uns ja nur gegenseitig von unserem Leid erzählen. Aber jeder hat sein Päckchen zu tragen im Leben."

Als Nebras Bi an einem Sonntag sein Sofa in Gardelegen in Richtung Düsseldorf verlässt, sitzt zur gleichen Zeit auf einem anderen Sofa Ruth Fehse mit ihrem Mann und ihrer Schwägerin und schaut Tatort. Wie jeden Sonntag.