Erstens: Der Islam hat je nach Land eine völlig unterschiedliche Ausprägung. Deshalb muss man zunächst fragen: Welchen Islam wollen wir reformieren?

Den Islam in Indonesien (249 Millionen Einwohner), wo eine Frau zur Ministerpräsidentin gewählt wurde und der Islam sehr offen, tolerant und in keiner Weise militant ist? Oder den Islam in Saudi-Arabien (28 Millionen Einwohner), ein Land, das seit den 1930er Jahren ein wichtiger Partner der USA ist, dank seines Öl-Reichtums eine enorme globale Macht hat und wo Frauen heute nicht einmal Auto fahren dürfen?

Übrigens ist Saudi-Arabien weltweit das einzige Land mit einer mehrheitlich muslimischen Bevölkerung, in dem eine solch bizarre Regelung, Frauen das Autofahren zu untersagen, als islamisch angesehen wird.

Die Frage also, was der Islam ist und welche fundamentalen Regeln ihm zugrunde liegen, kann auf sehr unterschiedliche Art und Weise beantwortet werden. Im Sinne des Islams kann es richtig sein, dass Bürger die Freiheit haben, zu wählen und sogar eine Frau zur Staatschefin zu ernennen. Oder es kann die Überzeugung entstehen, dass Gott Frauen nicht am Steuer eines Autos sehen will.

Dass unterschiedliche Interpretationen der heiligen Schriften auf das jeweilige Verständnis einer Religion zurückwirken, zeigt sich freilich in allen Glaubensrichtungen. So gibt es Christen, die es für zulässig halten, dass auch Frauen und Schwule Priester werden können, während andere Gläubige dies ausdrücklich ablehnen.

Leila Ahmed, 1940 in Kairo geboren, ist eine ägyptisch-amerikanische Autorin und Wissenschaftlerin. Sie lehrt als Professorin für Frauenstudien und Religion an der Harvarduniversität und forscht vor allem zum Islam und zu Gender. © privat

Zweitens: Was der Islam ist, kann sich im Laufe der Geschichte fundamental verändern. Allein im Laufe meines eigenen Lebens habe ich enorme Veränderungen in den Auffassungen bezüglich des Islams beobachten können. Das sieht man beispielhaft an der Rückkehr der Verschleierung in Ägypten. Wenn jemand den Leuten aus meiner Generation, also den Menschen, die in Ägypten in den 1950er und 1960er Jahren aufgewachsen sind, gesagt hätte, dass am Ende des 20. Jahrhunderts die meisten ägyptischen Frauen ein Kopftuch tragen werden, hätten wir solch eine Vorstellung als völlig absurd abgetan.

Es gibt im Internet ein Video, das diese Entwicklung hervorragend illustriert. Darin sieht man eine Rede des einstigen ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser in den 1950er Jahren. Nasser berichtet seinem Publikum von einem Treffen mit dem Anführer der Muslimbruderschaft, dem Murshid, mit dem der Staatschef eine Übereinkunft finden wollte. Der Murshid habe eine lange Liste mit Forderungen, sagt Nasser. Seine wichtigste Forderung sei es, einen Kopftuchzwang für die Frauen in Ägypten einzuführen. Als er diese Worte ausspricht, bricht das gesamte Publikum in Lachen aus und jemand ruft: "Lass ihn doch selbst ein Kopftuch tragen!" Nasser lächelt und berichtet, was er dem Murshid antwortete. Er, Nasser, wisse zufällig, dass dessen Tochter, die an der Universität studiere, sich weigere, ein Kopftuch zu tragen. "Sie können noch nicht einmal Ihre eigene Tochter dazu bringen, ein Kopftuch zu tragen", hatte Nasser dem Murshid erwidert. "Und ausgerechnet Sie fordern mich auf, 10 Millionen Frauen zu zwingen, ab jetzt eine Kopfbedeckung zu tragen?" Erneut bricht das Publikum in Gelächter aus.

Die Idee, ein Kopftuch oder einen Hidschab zu tragen, war für uns alle damals genau das: lachhaft. Doch am Ende des 20. Jahrhunderts ist diese seltsame Vorstellung zur Realität geworden. Und damit verbunden war ein fundamentaler Wandel all jener Gewohnheiten, Überzeugungen und Ausübungen des Islams, die meine Generation gekannt hatte.

Diese Veränderungen waren die Folge des Einflusses einiger mächtiger politischer lokaler wie globaler Kräfte. Gruppen wie die Muslimbrüder, die einen politischen Islam vertraten, machten in den 1950ern nur eine marginale Minderheit aus.