ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielen die Medien dabei?

Kaddor: Eine wichtige Rolle. Alle wissen: Nicht nur sex sells, auch Islam sells. Das ist seit Jahrzehnten so. Bücher wie Nicht ohne meine Tochter von Betty Mahmoody haben sich schon damals enorm gut verkauft.

Solche und ähnliche Bilder sind bis heute in den Köpfen verankert. Vorurteile und Klischees werden im öffentlichen Diskurs immer wieder wie Fakten behandelt. Die Verantwortung der Medien ist es, insbesondere in Bezug auf ganze Gruppen von Menschen ehrlich zu berichten.

ZEIT ONLINE: Wie gehen die Muslime in Deutschland mit diesen Vorurteilen ihnen gegenüber um?

Kaddor: Viele haben sich an die Feindlichkeit ihnen gegenüber leider schon gewöhnt. Es gibt weniger offensive Abwehrreaktionen, viele verabschieden sich in die innere Migration, sind frustriert. Religion ist für sie ein Teil ihrer Identität. Viele Muslime wenden sich deshalb innerlich von Deutschland ab, weil sie das Land nicht als Heimat wahrnehmen können. Die Folgen sind gefährlich.

ZEIT ONLINE: Sie fordern eine Begegnung mit Muslimen auf Augenhöhe statt Diskriminierung und Ausgrenzung. Wie soll das gehen?

Kaddor: Zunächst einmal, indem man keine Hierarchien aufbaut. Muslime müssen nicht per se irgendwelche Dinge erst noch lernen. In den Debatten, die ich permanent führe, stellt sich öfter dieser Eindruck ein. Da meinen manche, sie kämen von der Aufklärung und Renaissance her, deshalb könnten und müssten sie den Muslimen erst einmal erklären, wie die Dinge hier so laufen.

Wir benötigen eine gemeinsame Basis, um von dort aus gemeinsame Projekte zu verfolgen, etwa die Gleichberechtigung von Mann und Frau zu diskutieren, Terror und Radikalismus zu bekämpfen, Bildungsprogramme für unsere Kinder zu schaffen.

Hinweis: Dieses Interview wurde aus rechtlichen Gründen nachträglich leicht gekürzt.