"Meine Mutter hörte gern auf den Namen "Umm Nasr" – Mutter des Nasr. Ich selbst habe sie so gerufen. Später fragte ich mich, weshalb man eine Frau nach ihrem ältesten Sohn nennt, ich fragte nach dem Bild der Frau, das in dieser Anrede zum Ausdruck kommt. Meine Mutter hat mich gelehrt, dass das traditionelle Frauenbild und die strikte Polarität von Mann und Frau zu überwinden sind. Meine Lektüre des Koran ist von solchen Erfahrungen beeinflusst worden. Die Verse im Koran, die von den Exegeten zuungunsten der Frauen gedeutet worden waren, habe ich instinktiv anders gelesen."

In diesem kurzen Absatz formulierte der ägyptische Literaturwissenschaftler Nasr Hamid Abu Zaid das sicher Entscheidendste zum Thema Reformislam: Dass man den Koran grundsätzlich auch anders lesen kann, wenn man es nur möchte. Dass es die Sichtweise des Exegeten ist, die das Ergebnis vorherbestimmt. Der Koran ist also interpretierbar. Und Muslime bemühen sich schon lange um eine Neuinterpretation.

Bereits im 19. Jahrhundert plädierten Jamal ad-Din al-Afghani, Muhammad ‛Abduh und Rashid Rida für eine innere Reform des Islam. Für sie hatte die Rückständigkeit der islamischen Welt ihre Ursache in einem statischen, unflexiblen Islamverständnis und der blinden Nachahmung der Altvorderen. Deshalb forderten sie eine moderne, den veränderten Umständen angepasste Interpretation des Koran beziehungsweise des islamischen Rechts.

Dieser Ansatz hat im Kern heute noch Bestand. Das Gleiche gilt für die grundsätzliche Frage, die mithilfe dieses Ansatzes beantwortet werden soll: Wie kann ein Muslim gleichzeitig modern und authentisch sein?

Katajun Amirpur, geboren 1971 in Köln, ist eine deutsch-iranische Islamwissenschaftlerin. Sie ist Professorin für Islamische Studien an der Universität Hamburg. In ihrer Forschung untersucht sie vor allem die Rolle der Frauen im Islam. Sie fordert eine geschlechtergerechte Auslegung der Quellen des Islam. © privat

Das fragt sich etwa der iranische Geistliche Mohsen Kadivar. In seinen Schriften beschäftigt sich Kadivar unter anderem mit der Frage der Religionsfreiheit. Bei einem Vortrag, den er 2001 beim International Congress of Human Rights and the Dialogue of Civilizations in Teheran hielt, kritisierte er das Regime folgendermaßen: "Obschon die gemeinhin wahrgenommene Interpretation des Islam in vielen Fällen nicht die Ideen der Religionsfreiheit widerspiegelt, existiert eine andere Interpretation des Islam, die auf den ursprünglichen Quellen des Islam basiert und die in Einklang ist mit der Freiheit der Religion, wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte festgelegt worden ist." 

Die nicht-kompatible Islamdeutung nennt Kadivar traditionellen Islam, die kompatible ist dagegen der Reformislam, der, wie es im Persischen heißt, neu gedachte Islam, eslam-e nouandish. Kadivar schreibt: "Also: Traditioneller Islam und Demokratie sind nicht vereinbar, während neu gedachter Islam und Demokratie vereinbar sind."

Es war der Ansehensverlust, den der Islam durch den real existierenden Islamismus in der iranischen Theokratie erlitten hatte, der viele dazu brachte, ihren Protest zu äußern und "den Islam neu zu denken". Mohammed M. Schabestari legte aus Protest sogar seinen Turban ab und erklärte: "Mir passt in dieser Islamischen Republik kein Turban mehr." Und er sagte pointiert: "Die richtige Frage ist nicht: Sind Islam und Demokratie vereinbar oder nicht? Die Frage ist: Sind die Muslime heute bereit, diese Vereinbarkeit entstehen zu lassen?" 

Schabestari hat die Hermeneutik im Iran eingeführt und im Diskurs über die Religion hermeneutische Prinzipien etabliert: Jeder Lesende hat ein Vorverständnis und ein Erkenntnisinteresse, das für das Verstehen des Textes ausschlaggebend ist. Wer den Koran im Sinne der Demokratie deuten will, kann es also auch. Schabestari wendet zudem eine Methode an, die die Koranwissenschaft bereits seit Jahrhunderten kennt. Ein Zweig der Koranwissenschaft beschäftigt sich nämlich mit den sogenannten "Gründen für die Offenbarung", asbab an-nuzul.

Auch die damaligen Gelehrten gingen also von einer dialektischen Beziehung zwischen Text und Adressat aus. Allein die Tatsache, dass es diese Wissenschaft schon so lange gibt, zeigt, wie widersinnig das Argument vieler Islamisten ist, jede Aussage des Koran müsse wörtlich genommen werden und sei allzeit gültig.

"Der Koran ist eine Schrift, die zwischen zwei Buchdeckeln versteckt ist. Er spricht nicht. Es bedarf eines Übersetzers, und wahrlich, es sind die Menschen, die ihn zum Sprechen bringen." Mit diesen Worten hat sich ‛Ali, der erste Imam der Schia, im 7. Jahrhundert zur Deutbarkeit des Koran geäußert. 

Seit Jahrhunderten wird der Koran interpretiert, was eine reichhaltige exegetische Literatur belegt. Es gibt mystische, philosophische und rationalistische Korankommentare, die sich stark voneinander unterscheiden. Thomas Bauer hat in seiner hervorragenden Studie Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams gezeigt, dass die islamische Welt sich historisch gesehen gerade dadurch auszeichnete, dass sie viele Wahrheiten nebeneinander bestehen lassen konnte. Sie war, so Bauer, geprägt durch eine hohe Ambiguitätstoleranz. Man schätzte Pluralität und lebte sie – eine Tatsache, die heutzutage von islamischen Fundamentalisten wie Islamkritikern gleichermaßen negiert wird.