Ist der Islam sexfeindlich? Seit der Veröffentlichung meines Buches Sex und die Zitadelle wurde ich das unzählige Male gefragt, auf der ganzen Welt. Und zwar nicht nur von Nicht-Muslimen.

Kein Wunder, dass meine Glaubensgenossen ebenfalls ratlos sind: Jeder Tag bringt neue Schlagzeilen aus der muslimischen Welt über sexuelle Intoleranz und Unterdrückung. Man nehme etwa die Debatte um die Silvesterangriffe in Köln und die weit verbreitete These von Linken wie Rechten, solche Übergriffe seien das unvermeidliche Ergebnis des sexuellen Elends arabischer Männer. Oder das Beispiel des sogenannten "Islamischen Staates" (IS), der sich in den Gebieten seiner Terrorherrschaft auf den Islam beruft, um christliche Konkubinen sexuell auszunutzen und schwule Männer hinzurichten.

Oder Ägyptens neue Regierung, die Transvestiten verhaftet und Oppositionelle mit sexueller Folter zu brechen versucht. Oder islamische Staaten, die sich unter dem Banner der OIC (Organisation für Islamische Zusammenarbeit) zusammentun, um jeglichen Vorstoß zu sexuellen Rechten bei den Vereinten Nationen zu blockieren.

Die islamische Welt ist groß und vielfältig und es gibt zahlreiche Unterschiede innerhalb nationaler Grenzen wie auch grenzüberschreitend. Doch mitten hindurch verläuft ein unverrückbarer Grundsatz: Die einzige sozial akzeptierte Form von Sexualität ist die Heteronormativität, ihr Grundpfeiler ist die familiär befürwortete, religiös genehmigte und staatlich anerkannte Ehe.

Die Journalistin und Autorin Shereen El Feki wuchs als Tochter einer Waliserin und eines Ägypters in Kanada auf. Sie lebt in London und Kairo. Die studierte Immunologin war stellvertretende Vorsitzende der von der UN eingesetzten Global Commission on HIV and the Law und arbeitete als Journalistin für den Economist. Fünf Jahre lang hat El Feki Frauen und Männer in den arabischen Ländern, vor allem in Ägypten, gefragt, was sie über Sex denken. Die Ergebnisse hat sie 2013 im Buch "Sex und Zitadelle" zusammengefasst. © Olivia Harris

Dies ist eine soziale Zitadelle, wie jene unbezwingbaren Festungen, die einst die islamische Welt stützten, von Marrakesch bis Kaschgar, die jedem öffentlichen Angriff, jeder Infragestellung des sexuellen Status quo widersteht. Und rund um die Zitadelle erstreckt sich ein weites Gelände von Tabus – gegen Sex vor der Ehe, Homosexualität, uneheliche Mutterschaft, Abtreibung, Sexarbeit – sowie eine Kultur der Zensur und des Schweigens, propagiert von der Religion, gestützt vom Gesetz und vollstreckt durch soziale Gepflogenheiten.

Muslime sind nicht sexfeindlich

Als praktizierende Muslima, die einen Großteil des vergangenen Jahrzehnts die sich verändernde sexuelle Landschaft des arabischen Raums untersucht hat, weiß ich, dass meine Religion nicht sexfeindlich ist. Weit gefehlt: Der Islam, in seinem Wesenskern, erkennt die Macht des Sex und bemüht sich eben darum, ihn in bestimmte Strukturen zu lenken – etwa die Ehe –, aus Angst vor sozialer Unordnung. Ebenso wenig sind Muslime sexfeindlich, so dogmatisch sie sich auch in Meinungsumfragen geben mögen. Privat gehen Millionen außerhalb der Zitadelle ihrem sexuellen Leben nach.  

Das Problem ist eine unselige Allianz zwischen Politik und Religion. In seinen historischen Kerngebieten ist der Islam eingebettet in stramm autoritäre Machtstrukturen. Zudem sind sie patriarchal, und die Macht des Vaters der Nation – sei es ein König, ein Diktator oder ein Mullah – spiegelt sich in der Autorität des Vaters der Familie. Diese Strukturen sind ihrem innersten Wesen nach konservativ, wenn nicht gar fundamentalistisch. Sie wissen genau, was für ein mächtiges Werkzeug sozialer Kontrolle in Religion verpackte Sexualität darstellt – insbesondere wenn es gegen Frauen und Jugendliche gerichtet wird.

Während Regimes in der gesamten islamischen Welt zusehends unter Druck geraten, von innen wie außen, gehen sie immer härter im Namen der Religion gegen Sex vor – eine Taktik, die mehr dem Pragmatismus als der Moral entspringt.