Strömender Regen überzieht den Mariannenplatz in Berlin-Kreuzberg. Gerade beginnt das dritte Treffen von Nuit debout Berlin. Etwa 60 hauptsächlich junge Menschen sitzen im Halbrund und kauern sich tapfer unter Regenschirmen zusammen. Sie sind einem Ruf aus Frankreich gefolgt und wollen große Fragen diskutieren: Wie es weitergehen soll mit der Demokratie und der Freiheit und auch, wie eine neue Gesellschaft aussehen könnte.

Seit dem 31. März kommen in Paris Hunderte Menschen am Mariannen-Denkmal zusammen und besetzen Abend für Abend den Platz der Republik. Unter dem Motto Nuit debout – aufrecht durch die Nacht – haben sich mittlerweile in ganz Frankreich Gruppen gebildet. Entstanden ist der Protest aus Empörung über die von der Regierung angekündigten Arbeitsmarktreformen. Im Laufe der Zeit hat sich daraus eine Plattform entwickelt, die ihrem tiefen Unwohlsein mit gesellschaftlichen Entwicklungen Ausdruck verleiht und gegen die Schatten des Kapitalismus demonstriert. Seit vergangener Woche gibt es Nuit debout nun auch in Berlin.


Diskutiert wird an diesem Samstagnachmittag auf Englisch, in den kleinen Gesprächsgruppen hört man viel Französisch. Zur Einstimmung auf den Abend wird ein Aufruf der Pariser Vorbilder verlesen: Es geht um die Gestaltung einer neuen Gesellschaft, in der Demokratie, Würde und Freiheit nicht nur Worthülsen sind. Die Schock-Strategien der Austeritätsmaßnahmen sollen ein Ende haben! Die Menschen in Paris bringen ähnliche Hoffnungen und Ängste wie beim Arabischen Frühling oder in der Protestbewegung 15-M in Spanien zusammen.

"Ihr seid die Bewegung!"

Doch die Worte scheinen zu groß für die kleine Berliner Gruppe. Im Anschluss an die Verlesung folgen keine eigenen politischen Aufrufe. Vielmehr diskutieren die Demonstranten ausführlich über die Frage, wie garantiert werden kann, dass Männer und Frauen in der sogenannten Generalversammlung gleichberechtigt zu Wort kommen. Wem dazu etwas einfällt, springt auf und ergreift das Megafon. Jeder wird ermuntert zu diskutieren, seine Stimme zu erheben. "Ihr seid die Bewegung!", ruft der Moderator den Neugierigen zu.

Dann versiegt der Regen. Die Versammlung löst sich in "Kommissionen" auf. In denen werden Vorschläge für die ganze Gruppe zu Themen wie Kommunikation, Ideologie und Zukunftsfähigkeit der Treffen gesammelt. Die Kommunikationskommission sucht händeringend nach jemandem, der Deutsch spricht. Aus Solidarität mit den Protesten in Frankreich hatte sich eine Gruppe französischer Freunde entschlossen, einen Berliner Ableger ins Leben zu rufen. Als Verantwortliche treten sie jedoch nicht auf. Wie bei ihrem Pariser Vorbild soll die "Bewegung" durch die Vielzahl an Stimmen ihren Klang finden.

Noemi Argerich, spanische Lehrerin in Berlin, ist mit vielen Forderungen zu dem Treffen gekommen. Sie engagiert sich schon bei 15-M und freut sich, dass endlich auch die Franzosen aktiv werden. Sie fordert mehr Demokratie, weniger Einfluss der Wirtschaft auf die politischen Vertreter und ein Ende der Austeritätspolitik in Europa, die sie "Austerizid" nennt.

Mit solchen Themen stellt sie die Versammlung jedoch schon vor die schwere Entscheidung, ob Nuit debout in Berlin wirklich politisch sein will. Viele verstehen sich eher als Plattform für partizipatorische Demokratie und finden eine politische Festlegung vollkommen übereilt. Einstimmigkeit findet nur der Vorschlag, dass sich alle bis zum nächsten Treffen darüber Gedanken machen.

Kein wirklicher Protest

Geduld ist eine notwendige Tugend in dieser Runde. Grace L. aus Frankreich studiert Politikwissenschaften und verbringt ihr Auslandsjahr an der Freien Universität Berlin. Sie hofft auf eine echte europäische Bewegung für mehr Demokratie, will aber keine hastigen Entschlüsse. Für sie sind die Treffen "wie ein Freundeskreis, der zusammenkommt und diskutieren will über eine Politik, von der man sich nicht mehr repräsentiert fühlt." Die Freunde an der Universität haben diese Diskussion schon satt.

Später am Abend kommen die Kommissionen dann wieder zur Generalversammlung zusammen und berichten. Caroline E. übersetzt für ihre Bekannte. Sie findet die Politisierung der Diskutanten toll. "Ich bin überzeugt, dass die Leute ihre demokratischen Ideen einbringen werden. Sie können ein anderes politisches Bewusstsein schaffen." Für sie trifft sich hier ein Netzwerk, in dem Diskurs geübt wird und politische Fragen respektvoll aufgegriffen werden.

Viele bleiben bis in den späten Abend. Friedlich stehen sie in kleinen Gruppen zusammen, unterhalten sich angeregt, Kontaktdaten werden ausgetauscht. Jeden Mittwoch und Samstag wollen sie sich hier wiedertreffen. Viele haben an diesem Abend sympathische Bekanntschaften gemacht. Eine wirkliche Protestbewegung hat hier aber niemand angetroffen.