ZEIT ONLINE: Herr Wagishauser, Unionsfraktionschef Volker Kauderwill staatliche Kontrolle in Moscheen, um Hasspredigten und Radikalisierung zu verhindern. Ist das notwendig?

Abdullah Uwe Wagishauser: Solche pauschalen Forderungen sind unerhört. Als Muslim fühlt man sich wie am Nasenring durch die Arena gezogen. Von einem etablierten Politiker hätte ich erwartet, dass er zur Versachlichung der sicherheitspolitischen Debatte beiträgt. Schließlich hat seine Parteichefin und Kanzlerin Angela Merkel gesagt, dass der Islam zu Deutschland gehört. Die AfD macht schon genug Stimmung gegen uns.

ZEIT ONLINE: Wie entgegnen Sie dem Vorwurf der AfD, der Koran und damit der Islam rechtfertigten Gewalt?

Wagishauser: Diesem Vorwurf muss theologisch begegnet werden. Denn die Zitate im Koran werden häufig aus dem Zusammenhang gerissen. Fakt ist: Der Koran rechtfertigt Gewalt nur zur Verteidigung. Die AfD stigmatisiert mit ihrem pauschalen Vorwurf einen großen Teil der Bevölkerung. Wir sind deshalb parallel zum AfD-Parteitag an diesem Wochenende in der Stuttgarter Innenstadt mit Informationsständen präsent. Den Mythos von der Rechtfertigung von Gewalt kann man nur durch Aufklärung und Dialog entkräften. Doch die AfD unterbricht den Dialog, indem sie behauptet, der Islam gehöre nicht zu Deutschland.

ZEIT ONLINE: Der CSU-Politiker Andreas Scheuer forderte, dass in deutschen Moscheen nur noch auf Deutsch gepredigt werden soll. Ist das sinnvoll?

Wagishauser: Die Forderung ist Unsinn. Alle in der Deutschen Islamkonferenz vertretenen Verbände würden gern deutschsprachige Imame in ihren Moscheen einsetzen, aber es gibt noch nicht genug davon. Wir als Ahmadiyya-Gemeinde bilden in einem eigenen Institut Imame aus, die auch Sozialarbeit machen. Bei anderen Muslimverbänden in Deutschland ist das ähnlich. Radikale Hassprediger gibt es nur in kleinen Moscheevereinen, die nirgends organisiert sind. Um von dort drohenden Hass und Gewalt einzudämmen, dafür gibt es Gesetze und Sicherheitsbehörden.

ZEIT ONLINE: Wie kann man Radikalisierung von einzelnen Muslimen verhindern?

Wagishauser: Indem man miteinander redet. In der Regel stehen unsere Moscheen allen Menschen offen. Wenn dort ein Muslim radikale Thesen verbreitet, kann man ihn ansprechen. In vielen Städten gibt es dazu Runde Tische. All diese positiven Beispiele sind viel zu wenig bekannt.

ZEIT ONLINE: Sollten Polizei und Verfassungsschutz stärker hinhören, so wie es Kauder mit seiner Forderung nach mehr staatlicher Kontrolle insinuiert?

Wagishauser: Die Sicherheitsbehörden tun dies doch bereits. Wichtig ist, auf die positiven Entwicklungen hinzuweisen. Die Deutsche Islamkonferenz, das seit 2006 regelmäßig stattfindende Treffen der Muslimverbände, hat die Debatte stark versachlicht. Wir reden nicht mehr nur über Sicherheit, sondern in erster Linie über Wohlfahrt und Soziales.

ZEIT ONLINE: Um das Misstrauen gegen Muslime zu beseitigen, initiierte die Islamkonferenz 2007 den Koordinationsrat der Muslime – als eine Art Dachverband. Er sollte einheitlicher Ansprechpartner des Staates für alle Islamverbände sein. Was ist daraus geworden?

Wagishauser: Wir lehnen den Dachverband nicht ab, machen aber derzeit nicht mit. Wir pflegen als Gemeinde unsere eigenen Kooperationen, wir gründen etwa demnächst einen eigenen Wohlfahrtsverband, so wie die Kirchen die Caritas oder die Diakonie haben. Das Problem der übereilten Gründung des Koordinationsrates ist: Der Staat will sich die Muslime so backen, wie er sie braucht. Es gibt aber nicht den einheitlichen Islam. Ich denke, die Eigenständigkeit der großen Verbände sollte gewahrt bleiben. Denn die islamischen Verbände harmonieren ethnisch und national oft nicht so gut miteinander.