Mit 72 Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 17 Jahren haben die Forscher der neuen Sinus-Jugendstudie zu ihren Einstellungen Tiefeninterviews geführt. Die Ergebnisse stellten sie heute vor. Einerseits kommen sie zum Schluss: Die Jugendlichen gibt es nicht, die Generation ist heterogen. Andererseits aber sortieren die Forscher die Jugendlichen in sieben Lebenswelten. Diese Welten illustrieren sie dann jeweils mit Zitaten, die zwar von unterschiedlichen Jugendlichen stammen, aber aus Forschersicht doch typisch sind.

Die Konservativ-Bürgerlichen

Andere würden sie Spießer nennen. Die Konservativ-Bürgerlichen fühlen sich wohl zwischen Fußball-Trikots, Pokalen und Deutschlandfahnen. Sie schätzen: Bodenständigkeit, Vernunft, Pflichtbewusstsein und Pünktlichkeit, setzen eher auf Selbstdisziplin als auf Selbstentfaltung. Man möchte sein Geld ja "nicht zum Fenster rausschmeißen." Sie hören Helene Fischer, auch mal Rap, vor allem aber, was in den Charts läuft. Auf Partys stehen sie lieber am Rand als mitten auf der Tanzfläche und gehen, wenn "zu viel gesoffen wird" oder "wild geknutscht wird".

Fast alle wissen, was sie wollen. "Eine Familie, möglichst zwei Kinder, einen sicheren Job und ein Haus mit Garten." Attraktiv sind Berufe, die Sicherheit versprechen: eine Beamtenlaufbahn an der Schule, bei der Polizei oder der Bundeswehr. Das Haus mit Garten sollte nicht allzu weit entfernt sein vom Arbeitsplatz: "Ich will schon gerne hier bleiben eigentlich. Das ist so schön ruhig." Um extrovertierte Jugendliche wie "die Emos" machen die Konservativ-Bürgerlichen lieber einen Bogen. Sie wollen nicht "am coolsten" oder "am krassesten" sein müssen. Lieber schauen sie Abends fern, Quiz-Sendungen, Tatort oder Fußball, beschreiben sich selbst aber als Leute, "mit denen man mal was Verrücktes machen kann".

Ein Blick in die Zimmer von bürgerlich-konservativen Jugendlichen. © Sinus-Jugendstudie 2016. Abbildung aus: „Wie ticken Jugendliche 2016, Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH"

Die Adaptiv-Pragmatischen

Gut finden sie das deutsche Wirtschafts- und Sozialsystem. "Ich finde, es läuft relativ gut in Deutschland. Es läuft besser als in Griechenland auf alle Fälle." Arbeit sollte mit Lob und Anerkennung belohnt werden, finden die Adaptiv-Pragmatischen. Erfüllt sind sie zum Beispiel dann, "wenn mein Vater stolz auf mich ist". Sie ziehen sich gerne gut an. Und gut bedeutet: Kleidung von H&M, Zalando, Hollister oder Zara. Anecken wollen sie nicht: "Ich versuche, mich allen anzupassen. Das gelingt mir hoffentlich."

Adaptiv-pragmatische Jugendliche mit Migrationshintergrund loben die Ordnung in Deutschland und schätzen die Offenheit und den sozialen Zusammenhalt ihrer Herkunftskultur. Sie wünschen sich die doppelte Staatsbürgerschaft. Nach der Schule sehen sie sich im Kino an, "was eben so läuft", lesen Bücher wie Twilight und Harry Potter: "Mein Geschmack ist nicht wirklich außergewöhnlich." In der Schule werden sie weder gemobbt, noch mobben sie.

Die Prekären

Von Christiano Ronaldo würden sich viele Jungs gerne mal die Lebensgeschichte erzählen lassen, "weil er nie aufgegeben hat, immer seine Ziele im Auge hatte". Auch Mike Tyson und Muhammad Ali gehören zu den Vorbildern der Prekären. Sie lieben Kämpfertypen. Viele sind sich ihrer sozialen Benachteiligung bewusst. Die Wünsche für ihre eigene Zukunft schwanken zwischen Bescheidenheit und Übermut. Manche wünschen sich nur, "ein Dach über dem Kopf zu haben", andere wollen Fußballprofi, Gewinner von DSDS oder Ingenieur werden. Wie sie das erreichen können, wissen jedoch die wenigsten. 

Weil sie sich selbst ausgegrenzt fühlen, haben sie wenig Mitleid mit anderen. Die Prekären ohne Migrationshintergrund wenden sich deshalb gegen Fremde: "Ausländer nehmen die Arbeitsplätze und Frauen weg." Sie identifizieren sich nicht mit der Gesellschaft, höchstens mit der eigenen Clique oder der Familie: "Ich kümmere mich nicht so viel um die Gesellschaft, denn die kümmert sich ja auch nicht so um mich." Aufgehoben fühlen sich die Prekären in der Musik, vor allem dem Rap: Haftbefehl, Bushido, Fard oder K.I.Z. spenden Trost. Lesen ist "nicht so ihr Ding", sie spielen lieber Computerspiele, weil man da seine "Wut rauslassen kann". 

Ein Blick in die Zimmer von prekären Jugendlichen. © Sinus-Jugendstudie 2016. Abbildung aus: „Wie ticken Jugendliche 2016, Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH"

Die materialistischen Hedonisten

Shoppen, Party, Geld und Urlaub sind für sie "die coolsten Sachen der Welt". Die materialistischen Hedonisten möchten Spaß und ein "gechilltes Leben" haben. Die Grundausstattung dafür finden sie bei New Yorker, Orsay, H&M oder Zara. Wenn sie Marken tragen, soll man das auch sehen können. "Ich mag schon lieber Markensachen als so H&M, aber es ist meistens einfach viel zu teuer."  Auch imitierte Produkte sind okay, "wenn sie gut gefälscht sind", zum Beispiel Louis-Vuitton-Taschen. Sie lieben das gute Leben: Yolo - You only live once, nennen viele als ihr Motto. "Ich bin gerne mit Leuten, die auch gern feiern gehen oder Gras rauchen oder so."

Von den Reichen grenzen sie sich bewusst ab: "Ich mag die nicht, weil das sind eingebildete Bonzen, die alles von Mama und Papa in den Arsch geschoben bekommen." Von denen, die keinen Wert auf Konsum legen, wollen sie genauso wenig wissen: "In meiner Schule sind so ein paar, die sind so öko, aber die wollen auch nichts mit uns zu tun haben, das ist klar. Und wir wollen nichts mit denen zu tun haben." In der Zukunft wollen sie "irgendwie glücklich werden". Ganz klassisch mit Familie, Haus und Beruf. Es soll aber gerne etwas luxuriöser sein als in ihrer eigenen Kindheit: im Neubaugebiet und mit neuen Autos, "einen Mercedes, einen schönen CLS".