Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne "Fischer im Recht" finden Sie hier – und auf seiner Website.

Ceterum censeo: Die Qualitätspresse ist, wie wir hören, in Not. Da Not kein Gebot kennt, kennt sie auch keine Qualität. Wo keine Qualität ist, sondern nur deren Gerippe, sind die Geier nicht weit. Gemeinplätze? Schön wär's! Die Wirklichkeit belehrt uns eines Besseren. Nehmen wir ein rein zufällig herausgegriffenes Beispiel:

Wer hätte es einst für möglich gehalten, dass ein Herausgeber der bekannten Frankfurter Allgemeinen Zeitung folgende Zeilen schreiben würde:

"Nehmen wir mal Erika Steinbach, diese – Achtung, jetzt kommt wieder Kunst, wenn auch viel kleinere als aus dem Atelier Böhmermann – Kuh, die glaubte, sie könne sich dem Thema Flüchtlinge mit einer satirischen Bemerkung zu einem Foto nähern. Die Steinbach kann's einfach nicht. Sie hätte sich ein Beispiel an den Tweets nehmen sollen, die Böhmermann über sie abgesondert hat, in denen es nur so von eingeölten, holzharten Homosexuellenkörperteilen pimmelt."

Ja, Sie haben richtig gelesen: Seit dem 15. April 2016, sechs Uhr, wird in der Zeitung für Deutschlandzurückgepimmelt! Weibliche Abgeordnete des Bundestags werden "Kuh" genannt unter Imitation einer Imitation, die der Autor vorsichtshalber als "Kunst" ankündigt.

Teile der Redaktion sollen sich geschämt haben. Ihnen zum Trost und den Lesern zur Anregung der heutige Filmtipp: Das dreifache Echo, 1972, von Michael Apted (mit Glenda Jackson und Oliver Reed in einer seiner wichtigsten Rollen: als dreifach gespiegelter Ochse). 

Seien wir aber, liebe Leser, nicht zu streng! Versuchen wir, uns in den FAZ-Herausgeber hineinzudenken: Wie er nachts von oben auf Deutschland blickt. Wie er sich Sorgen macht. Tief in seinem Innern muht leise die Kuh Erika, neunzehn rosige Redakteurinnen recken die Arme nach ihm, derweil Helene (die von W. Busch!) trunken (vor Kunst) auf die Tasten fällt und schnell noch das Werk Richter sind oft humorlos heraushaut für das neueste aller überflüssigen Magazine: Die FAZ-Woche. In der Wirklichkeit aber tickt unerbittlich die Auflagen-Zählmaschine. Und so kommt es, dass die Stimmen übermächtig werden: "Bimmeln, Himmeln, Schimmeln, Wimmeln, Pimmeln!"
Haben Sie, FAZ-Leser, verstanden, was der Herausgeber uns unter Einsatz eines Pimmels sagen wollte? Ich nicht. Mir scheint, der Nurejew der Kommentarkunst habe einmal mehr die Pirouette, die wirbelnde Bewegung des Geistes, mit einem simplen Rückstoß des Unterleibs verwechselt.

Man kann und darf aber nicht sagen, er habe nicht alles gegeben. Der Pimmel und die Kuh waren es halt, was ihm die Eingebung jener Nacht zuwarf. Und das Knirschen des Sandes, den man beim Lesen zwischen den Zähnen hört, ist nicht seine Schuld. Es sind die zerfallenen Knochen des deutschen Bildungsbürgertums, die der Wind aus den Sarkophagen weht. 

(Für Quellenforscher: Kolumne vom 2. Februar und FAS-Antwort vom 13. März 2016.)

Aber jetzt

Nun aber zum Thema! Welches? Erdowahn Erdowahn! Kanzlerin auf Türkei-Reise! Wiederwahl 2032 gesichert, da hundertprozentig angesprochen wurden: 1) Menschen, 2) Außengrenzen, 3) Pressefreiheit; 4) Meinungsfreiheit; 5) und so weiter: Flüchtlinge.

Also was könnte nun unser Rechtsthema sein? Das kommt, liebe Leserinnen und Leser, einmal wieder darauf an. So ist das halt mit dem Recht und der Juristerei: Kaum fragt man was, schon kriegt man zwei Antworten, die drei neue Fragen enthalten.