Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne "Fischer im Recht" finden Sie hier – und auf seiner Website.

Ceterum censeo: Die Qualitätspresse ist, wie wir hören, in Not. Da Not kein Gebot kennt, kennt sie auch keine Qualität. Wo keine Qualität ist, sondern nur deren Gerippe, sind die Geier nicht weit. Gemeinplätze? Schön wär's! Die Wirklichkeit belehrt uns eines Besseren. Nehmen wir ein rein zufällig herausgegriffenes Beispiel:

Wer hätte es einst für möglich gehalten, dass ein Herausgeber der bekannten Frankfurter Allgemeinen Zeitung folgende Zeilen schreiben würde:

"Nehmen wir mal Erika Steinbach, diese – Achtung, jetzt kommt wieder Kunst, wenn auch viel kleinere als aus dem Atelier Böhmermann – Kuh, die glaubte, sie könne sich dem Thema Flüchtlinge mit einer satirischen Bemerkung zu einem Foto nähern. Die Steinbach kann's einfach nicht. Sie hätte sich ein Beispiel an den Tweets nehmen sollen, die Böhmermann über sie abgesondert hat, in denen es nur so von eingeölten, holzharten Homosexuellenkörperteilen pimmelt."

Ja, Sie haben richtig gelesen: Seit dem 15. April 2016, sechs Uhr, wird in der Zeitung für Deutschland zurückgepimmelt! Weibliche Abgeordnete des Bundestags werden "Kuh" genannt unter Imitation einer Imitation, die der Autor vorsichtshalber als "Kunst" ankündigt.

Teile der Redaktion sollen sich geschämt haben. Ihnen zum Trost und den Lesern zur Anregung der heutige Filmtipp: Das dreifache Echo, 1972, von Michael Apted (mit Glenda Jackson und Oliver Reed in einer seiner wichtigsten Rollen: als dreifach gespiegelter Ochse). 

Seien wir aber, liebe Leser, nicht zu streng! Versuchen wir, uns in den FAZ-Herausgeber hineinzudenken: Wie er nachts von oben auf Deutschland blickt. Wie er sich Sorgen macht. Tief in seinem Innern muht leise die Kuh Erika, neunzehn rosige Redakteurinnen recken die Arme nach ihm, derweil Helene (die von W. Busch!) trunken (vor Kunst) auf die Tasten fällt und schnell noch das Werk Richter sind oft humorlos heraushaut für das neueste aller überflüssigen Magazine: Die FAZ-Woche. In der Wirklichkeit aber tickt unerbittlich die Auflagen-Zählmaschine. Und so kommt es, dass die Stimmen übermächtig werden: "Bimmeln, Himmeln, Schimmeln, Wimmeln, Pimmeln!"
Haben Sie, FAZ-Leser, verstanden, was der Herausgeber uns unter Einsatz eines Pimmels sagen wollte? Ich nicht. Mir scheint, der Nurejew der Kommentarkunst habe einmal mehr die Pirouette, die wirbelnde Bewegung des Geistes, mit einem simplen Rückstoß des Unterleibs verwechselt.

Man kann und darf aber nicht sagen, er habe nicht alles gegeben. Der Pimmel und die Kuh waren es halt, was ihm die Eingebung jener Nacht zuwarf. Und das Knirschen des Sandes, den man beim Lesen zwischen den Zähnen hört, ist nicht seine Schuld. Es sind die zerfallenen Knochen des deutschen Bildungsbürgertums, die der Wind aus den Sarkophagen weht. 

(Für Quellenforscher: Kolumne vom 2. Februar und FAS-Antwort vom 13. März 2016.)

Aber jetzt

Nun aber zum Thema! Welches? Erdowahn Erdowahn! Kanzlerin auf Türkei-Reise! Wiederwahl 2032 gesichert, da hundertprozentig angesprochen wurden: 1) Menschen, 2) Außengrenzen, 3) Pressefreiheit; 4) Meinungsfreiheit; 5) und so weiter: Flüchtlinge.

Also was könnte nun unser Rechtsthema sein? Das kommt, liebe Leserinnen und Leser, einmal wieder darauf an. So ist das halt mit dem Recht und der Juristerei: Kaum fragt man was, schon kriegt man zwei Antworten, die drei neue Fragen enthalten. 

Merkels Fehler in der Causa Böhmermann

Fehler

Spaß beiseite: Unsere Bundeskanzlerin hat erklären lassen, sie habe einen schweren Fehler gemacht. Im Internet sieht sie seit gestern (also dem 23. April) richtig zerhärmt aus. So was aber auch! Den Toast verbrannt und (!) die Butter zu spät aus dem Kühlfach genommen! Daran muss jedes Frühstück zerbrechen.

Die Nachricht ist nun wirklich sensationell, denn bislang hat unsere Kanzlerin in gefühlten 26 Jahren noch keinen einzigen Fehler gemacht – geschweige denn einen schweren. Also zum Beispiel niemals heute das Gegenteil von dem gesagt, was sie gestern gesagt hat. Oder das Gegenteil als Gegenteil seiner selbst ausgegeben. Oder gesagt, sie habe schon immer gesagt, was sie noch nie gesagt hat. Sie war auch nicht wirklich in der FDJ, und wenn, dann war das kein Fehler, sondern fürs Leben gelernt. 

Jetzt also diese Sache Böhmermann: Was soll man sagen? Die Dinge gewinnen unter der Hand eine Dynamik, die selbst FAZ-Herausgeber an äußerste Grenzen treibt. Sie begann, so wird berichtet, mit dem Morgengebet der Kanzlerin, die sprach: Wir schaffen das! Dies war der Versuch, eine politische Entscheidung zu treffen.

Später rief sie dann, wie das Bundespresseamt praktisch in Echtzeit meldete, einen Ministerpräsidenten in Ankara an und sagte ihm, der berühmte deutsche Künstler B. habe sich – was sie sehr bedauere – "bewusst verletzend" über eine dortige Person der Zeitgeschichte geäußert. Dies soll die Kanzlerin, wie berichtet wird, dem Türken gesagt haben, damit dieser seinem Herrn+Meister sage, er solle ruhig einmal den B. "anklagen" (so nennt es die FAZ-Redakteurin "bru", die den kleinen Unterschied zwischen "an"- und "ver"-klagen noch nicht ganz verstanden hat).

Jetzt war die Öffentlichkeit natürlich elektrisiert, und überall auf der Welt fragten sich Milliarden von Chinesen, wie die Sache weiter- und die gegenläufigen Versuche der Bundeskanzlerin ausgehen würden.

Versuchen, Versuchungen

Nun zunächst zum belehrenden Teil. Über den Versuch sagt Paragraf 22 Strafgesetzbuch:

"Eine Straftat versucht, wer nach seiner Vorstellung von der Tat zur Verwirklichung des Tatbestandes unmittelbar ansetzt."

Paragraf 23 Strafgesetzbuch macht die Sache ein bisschen deutlicher:

Abs. 1: "Der Versuch eines Verbrechens ist stets strafbar, der Versuch eines Vergehens nur dann, wenn das Gesetz es ausdrücklich bestimmt."
Abs. 2: "Der Versuch kann milder bestraft werden als die vollendete Tat."

Klingt leicht, ist schwierig. Paragraf 22 ist eine sogenannte "Legaldefinition": Für das Strafgesetzbuch ist ein "Versuch" nur das, was dort steht.

Der Täter eines Versuchs muss also "nach seiner Vorstellung von der Tat" etwas tun, was "unmittelbares Ansetzen zur Verwirklichung des Tatbestands" heißt. Wer diese Kolumne regelmäßig liest, weiß, dass es einen "objektiven" und einen "subjektiven" Tatbestand gibt: ein äußeres und ein Täter-inneres Bild einer "Straftat". A schlägt B einen Stock auf den Kopf. B hat eine Platzwunde und heult. Das ist objektiv eine Körperverletzung (Paragraf 223 StGB), denn die Handlung des A hat zur "tatbestandlichen" Folge (Gesundheitsbeschädigung) geführt. Was ist es subjektiv: Das kommt darauf an. Wenn A mit seinem Spazierstock herumfuchtelte und nichts dabei dachte: fahrlässige Körperverletzung. Wenn er den B gezielt verletzen wollte: vorsätzliche gefährliche Körperverletzung (wegen Verwendung eines konkret gefährlichen Werkzeugs).

Was ist, wenn A mit dem Spazierstock knapp an B vorbeischlägt und nur (folgenlos) den Tisch trifft, an dem B sitzt? Eine "Körperverletzung" ist nicht eingetreten, der Jurist sagt: Der Tatbestand ist nicht vollendet.

Glück gehabt, könnte man sagen: zu B, weil der Schlag vorbeiging, und zu A, weil der Tatbestand nicht verwirklicht ist und ihm daher keine Bestrafung droht. Es sei denn, schon das Vorbeischlagen sei strafbar. Das ist es, wenn es ein "Versuch" ist: Das "unmittelbare Ansetzen" zur Tatvollendung "nach der Vorstellung (des Täters) von der Tat."

Ist versuchte Körperverletzung überhaupt strafbar? Siehe oben Paragraf 23 Absatz 1: Ein "Verbrechen" ist die einfache vorsätzliche Körperverletzung nicht, denn "Verbrechen" heißen nur solche Taten, die mit mindestens einem Jahr Freiheitsstrafe bedroht sind; Paragraf 223 droht 5 bis 360 Tagessätze oder ein Monat bis fünf Jahre Freiheitsstrafe an. Vergehen. Aber Absatz 2 bestimmt (vgl. oben, Paragraf 23 Abs. 1): "Der Versuch ist strafbar." Alles klar bis hierher.

Vorstellung von der Tat

"Vorstellung von der Tat": Was soll das sein? Dazu muss man noch einmal einen kleinen Schritt zurücktreten und sich überlegen, was diese Konstruktion eigentlich soll. Es ist ja gar nichts "passiert", kein Schaden eingetreten. Was soll also das Strafen?

Das ist eine Frage, die tief in Urgründe und Geschichte des Strafens zurückverweist: Nach herrschender Meinung in der rechtsgeschichtlichen Forschung bestraften die Menschen zunächst meist die "Erfolge", also irgendwelche Schäden – und zwar ganz unabhängig von einer persönlichen "Verantwortung" (oder "Schuld"). Erst im Laufe der sozialen Entwicklung bildete sich die Vorstellung einer individuellen Schuld heraus, die zum einen in einer objektiven "Zurechenbarkeit", zum anderen aber insbesondere in einer subjektiven "Haltung", einer "Vorstellung" des Täters vom Erfolg besteht: Es ist eben ein Unterschied, ob man mit dem Knüppel auf einen Sack schlägt und denkt, darin befänden sich alte Lumpen, oder ob man dabei denkt, drin stecke ein Mensch.

"Vorstellung von der Tat" ist nichts anderes als der "Tatvorsatz": Die Erkenntnis, dass das eigene Tun oder Unterlassen zu einem (schädigenden) Erfolg führen wird, und das Wollen (oder Billigen) dieses Erfolgs. A schlägt mit dem Stock nicht deshalb, weil er einmal "auf den Tisch hauen" will, sondern um B zu verletzen – das ist "seine Vorstellung von der Tat".

Die bloße "Vorstellung" ist nicht strafbar. Der Rechtsstaat bestraft – im Gegensatz etwa zu vielen Strafrechtsordnungen der alten (und auch manchen der neuen) Zeit – seine Bürger nicht, weil sie böse Gedanken, Wünsche oder "Vorstellungen" haben. Da hätte er viel zu tun, und die Städte wären menschenleer.

Beim Versuch ist meistens gar nichts passiert

Ansetzen zur Tat

Die Grenze zur Strafbarkeit ist – siehe Paragraf 22 – vielmehr nur dann überschritten, wenn der Täter "nach der Vorstellung" nun auch zum Handeln übergeht, also zur Verwirklichung des Tatbestands "unmittelbar ansetzt".

Was das bedeutet, ist wiederum schwierig. Stellen Sie sich vor, Sie haben sich eine "Vorstellung" davon gemacht, wie Sie nächsten Dienstag die Geliebte Ihres Ehegatten töten oder das Geschäftskonto Ihres Arbeitgebers mit einer Lastschrift zu Ihren Gunsten leerräumen werden. Das können Sie sich in Ihrem Bettchen ausmalen, so lange Sie wollen – Sie sind nicht strafbar. Wann ist ein "unmittelbares Ansetzen" gegeben? Die Rechtsprechung sagt: Wenn der Täter eine Handlungskette in Bewegung setzt, die nach seiner Vorstellung in unmittelbarem Fortwirken zur Verwirklichung mindestens eines (objektiven) Tatbestandsmerkmals führen soll.

Das "soll" (statt: "wird") verweist darauf, dass das Ganze noch von der "Vorstellung" des Täters abhängt, sich also im Extremfall ausschließlich in dessen Fantasie abspielen kann.

Wann also beginnt der Versuch des Totschlags an der Nebenbuhlerin? Mit dem Kaufen des Messers zwei Wochen vorher? Mit dem Losfahren von zu Hause? Mit dem Aussteigen aus dem Auto? Mit dem Klingeln an der Haustür? Oder erst mit dem Herausziehen des Messers bei der sogenannten Aussprache? Oder noch später – mit dem Ausholen zum ersten Stich?

Und wann beginnt der Versuch des Betrugs? Mit dem Ausfüllen der Lastschrift? Mit dem Abschicken? Mit dem Eingang bei der Bank?

Es kommt darauf an, sagt die Strafrechtswissenschaft, die Rechtsprechung sagt es auch, und beide haben schon wieder einmal Recht. Denn die Verhältnisse des Lebens sind kompliziert und unendlich differenziert, und das Strafrecht spricht nicht über allgemeine Empörung oder über den Grundsatz "Sauereien müssen strafbar sein", sondern immer über Grenzen. Und wie die Grenze zwischen Deutschland und Polen nicht "irgendwie" bestimmt wird, und die zwischen sauer und alkalisch nicht "ungefähr", so verlangt die Verfassung – zum Glück – von uns, dass wir zwischen Recht und Unrecht, Straflosigkeit und Strafbarkeit genau differenzieren (Art. 103 Abs. 2 Grundgesetz).

Daher müssen sich Strafgerichte sehr intensiv und genau mit dem Moment des "Ansetzens zur Tat" befassen, und alles "nach der Vorstellung des Täters", die man auch erst einmal ergründen und beweisen muss.

Das Schöne am Versuch einer Straftat ist, dass (meistens) gar nichts passiert ist. Viele Versuche gehen dahin, ohne dass sie auch nur irgendjemand bemerkt: Jäger A schießt bei der Treibjagd auf Jäger B, um ihn umzubringen. Er schießt vorbei. B hat gar nichts bemerkt. Abends sitzen beide gemütlich beisammen und speisen Fasan und Hasenrücken – gut, dass der B nicht weiß, dass er neben seinem Beinahe-Mörder sitzt!

Das Schlechte am Versuch ist, dass ihm ein "böser Wille" zugrunde liegt: eine Auflehnung gegen das Recht, und sogar eine "Betätigung" dieses kriminellen Willens in der Außenwelt (das "Ansetzen"). Genau dies ist es, was das geltende Strafrecht bestraft.

Die Strafe

Paragraf 23 Abs. 2: Die Strafe für den Versuch kann gemildert werden, und zwar nach Maßgabe des Paragrafen 49 Abs. 1 Strafgesetzbuch. Das bedeutet: Aus Lebenslang werden maximal 15 Jahre Freiheitsstrafe. Bei zeitlich limitierter Freiheitsstrafe wird die Obergrenze um ein Viertel gesenkt (aus 15 Jahren werden 11 Jahre, 3 Monate; aus Höchststrafe 10 Jahre werden sieben Jahre, sechs Monate und so weiter). Und die Untergrenze der jeweils angedrohten Strafrahmen sinkt ebenfalls in dem in Paragraf 49 Abs. 1 angeordneten Maß. 

Diese Milderungsmöglichkeit ist aber nicht zwingend. Das entscheidende Wort in Paragraf 23 Abs. 2 lautet "kann". Es verweist auf eine "Ermessens"-Entscheidung des Gerichts: Dieses kann, muss aber die Strafe nicht mildern. Überlegen Sie, liebe Leser, wie diese Vorschrift anzuwenden sein könnte!

Zwei Beispiele:

(1) A will B töten. Sie nimmt ein Küchenmesser und sticht B insgesamt 22-mal in Gesicht, Bauch und Rücken. Um ganz sicherzugehen, durchtrennt sie Luft- und Speiseröhre mit einem Schnitt. Dann flieht sie. B wird zufällig kurz danach gefunden, überlebt nach wochenlanger intensivmedizinischer Behandlung, ist aber lebenslang gezeichnet und arbeitsunfähig.
(2) A will B töten. Sie hat gelesen, Insektengift sei tödlich. Sie sprüht daher, als sie dem B zwei Frühstücksbrötchen bereitet, auf jedes Brötchen einen Sprühstoß "Fliegentod". B beißt in der Arbeitspause in eines der Brötchen, spuckt den Bissen aus und wirft die Semmeln weg. Tödlich ist "Fliegentod" nämlich erst, wenn B drei Flaschen austränke.

In welchem Fall würden Sie, liebe Leser, die Strafe für (vollendeten) Mord (lebenslang) mildern, in welchem Fall nicht?

Soviel für heute zur Dogmatik des Versuchs und seiner Strafbarkeit. Dahinter schlummern natürlich noch sehr grundlegende Fragestellungen. Wir kommen darauf zurück, in der nächsten Woche, wenn wir uns dem überaus interessanten Phänomen des Rücktritts vom Versuch zuwenden: Stolperstein zahlloser Examensklausuren, Weichenstellung zahlloser Lebensschicksale, Tummelplatz unzähliger Theorien, Besserwissereien und Empörungen.

Der allerwitzigste Ziegenwitz-Erzähler des deutschen Fernsehens

Versuche, Versuche, Applaus, Applaus!

Zurück zur Bundeskanzlerin, zum extrem witzigen Spaßmacher B. und zum Tatopfer E.! Oder vielleicht geht es ja gar nicht darum. Auch hier, im richtigen Leben, finden wir Versuche: strafbare und nicht strafbare, und manche, von denen wir das noch nicht wissen.

Wenn ich es richtig verstanden habe, soll Herr B. versucht haben, den Eindruck zu erwecken, als wolle er Herrn E. beleidigen. Kaum hatte er das getan, indem er Herrn E., einen insoweit unbescholtenen Mann, als perversen, zoophilen Kinder- und Ziegenschänder bezeichnete, versuchte er, den Eindruck zu erwecken, er habe keinen rassistischen Dreckkübel über Herrn E. ausgeschüttet, sondern ein mildes Werk der Aufklärung vollbracht, welches dem Herrn E. und dessen ziegenhütenden Landsleuten nahebringen sollte, dass man in Deutschland nicht öffentlich Menschen als perverse Ziegenficker bezeichnen darf, ohne dafür bestraft zu werden. Das hätte der Spaßmacher B. dem Herrn E. eigentlich gar nicht erklären müssen, denn dieser wusste es schon: Bei ihm zu Hause ist es auch strafbar.

Da erschrak Herr B. nun sehr und sagte, dass er eigentlich gar nichts versucht habe außer einem kleinen Scherz – er sei nun mal ein Scherzbold und wolle auch nie etwas anderes sein als der allerwitzigste Ziegenwitz-Erzähler des deutschen Fernsehens. Das Ganze sei vermutlich bloß ein Versuch gewesen, den Menschen auf der ganzen Welt zu zeigen, dass Satire wirklich alles darf, außer in Deutschland, wo es strafbar ist, andere Mitmenschen perverse Ziegenficker zu nennen.

Da war das Kind aber schon im Brunnen, denn die Bundeskanzlerin hatte schon ihren "schweren Fehler" gemacht und dem Ministerpräsidenten des E.-Landes am Telefon gesteckt, es habe sich bei dem Jahrhundertwitz um eine "bewusst verletzende" Beleidigung gehandelt. Da war der Ministerpräsident natürlich sehr erstaunt, weil er das noch gar nicht wusste. Gleich erzählte er es dem Herrn E. höchstselbst, und so kam die Sache ins Rollen.

Herr E. versuchte nun, Herrn B. "anzuklagen", und zwar da, wo die Sache hingehört, nämlich in Mainz. Jetzt war natürlich der Teufel los, denn so ein Dahergelaufener aus dem Land der Ziegen und Kurden soll sich gefälligst erst einmal anständig zu benehmen lernen, statt bei deutschen Behörden irgendwelche Anträge zu stellen, die ihm das Gesetz ausdrücklich erlaubt. Herr B. war – versteht sich – auch hiervon erneut total überrascht und mit ihm täglich mehr freiheitsliebende Satirefreunde aus CDU, CSU und AfD, und gewaltig brandete die Welle des "Je suis B." übers Land.

Die Kanzlerin, die zunächst zwei Wochen lang mitteilen ließ, sie habe sich in gar nichts eingemischt und dem Ministerpräsidenten allenfalls gesagt, was der Herr B. selbst gesagt habe, überlegte sich die Sache noch einmal gründlich: Dann versuchte sie, einen vierfachen Axel plus Todesspirale zu springen:

1) Dem Antrag des Herrn E., die Strafverfolgung von B. zuzulassen, gab sie statt;
2) Das Telefongespräch mit dem Ministerpräsidenten erklärte sie zu einem "Fehler";
3) Das deutsche Satire-Recht und vor allem die Meinungsfreiheit des Herrn B. unterstützt sie seit letzter Woche mit äußerster Kraft;
4) Daher hat sie gesagt, jene Vorschrift, nach der Herr B. bestraft werden könnte (Paragraf 103 StGB), sei total überflüssig und müsse daher ganz schnell gestrichen werden (sodass Herr B. nachträglich straffrei würde und der unverschämte Herr E. sich mal ins deutsche Privatklageverfahren wegen stinknormaler Beleidigung einarbeiten müsste);
5) Schließlich, als dieser Versuch einer nacheilenden Strafvereitelung durch Gesetzgebung lauthals angekündigt war, fuhr sie ins E.-Land, um dort endlich den Vortrag über Kurt Tucholski zu halten, den sie schon lange einmal irgendwo halten wollte.

Und natürlich auch um nachzuschauen, ob dieser Herr E. anständig mit den von Deutschland verkauften Flüchtlingen umgeht. Und wehe, wenn nicht! Dann nimmt sie sofort das Geld zurück und die Flüchtlinge. Obwohl der Deal echt preisgünstig war: Zwar ist es ungewöhnlich, dass der Verkäufer Geld und Ware liefert – hier aber war es geboten: Sechs Milliarden = 6.000 Millionen für 18 Millionen, also 333 Euro pro Mensch. Das ist wirklich billig, liebe Leser, wenn man bedenkt, was hierzulande allein die Versorgung mit Jogginganzügen und menschenrechtlich einwandfreien Frühstücksflocken verschlingt.

Aber die Menschenrechte sind, ein jeder Deutsche weiß das, "unverhandelbar". Ebenso wie die Pressefreiheit und natürlich die Satire. Da kennt der Deutsche keinen Humor. Mit Despoten, die die Freiheit der satirischen Kunst nicht achten, macht ein Deutscher keine Geschäfte, weder über Waffen noch über Menschen. Wenn man das bei der Titanic lernen konnte, muss das in E.-Land auch gehen. Danach knöpfen wir uns die Saudis vor.   

Zwischenergebnis

Wo stehen wir jetzt? Weiß noch jemand, über welchen Versuch gerade die Breaking News herein kommen? Es scheint, als habe hier jeder überhaupt nichts getan, gewollt, sich vorgestellt oder gar dazu angesetzt. Herr B. sowieso nicht, dessen grobmotorischer sogenannter Humor sich in irgendeinem Kosmos verliert, der den Herrn E. einen feuchten Kehricht interessiert und höchstens an den ganz späten Theken des Presseviertels für Hochachtung sorgt: Hast du meinen neuen Gag gesehen? Mein Gott, krass! 

Das findet auch die FAZ und schreibt tatsächlich, Erika Steinbach sei eine Kuh, welcher Herr B. harte Schwulen-Pimmel nachwerfe – und jetzt wollen wir doch mal sehen, ob wir die Auflage mit ein bisschen Kunst nicht doch irgendwie wieder hochkriegen!

Um was geht es bloß? Um Herrn B. gewiss nicht, um Herrn E. auch nicht, eher schon um Frau M. Es geht darum, dass und an welchem Ort diese sogenannten Flüchtlinge so lange unangreifbar oder jedenfalls unsichtbar eingesperrt werden, bis sie die Schnauze voll haben und sich entweder kollektiv suizidieren oder einwilligen, die nächsten 200 Jahre lang die deutschen Straßen von Unrat zu befreien für einen Euro pro Stunde und dem europäischen Pflegefall abends und am Wochenende ehrenamtlich die Windeln zu wechseln.

Und noch ein Versuch: Aus einem Ort namens "Oggersheim" meldeten sich zwei weitere Satiriker zu Wort. Einer hatte ein blaues Kopftuch umgebunden; er soll sich zeitweise für die Ehefrau von Herrn E. gehalten haben. Gemeinsam erklärten die beiden Spaßvögel, sie wollten irgendwie versuchen, einen vernünftigen Satz herauszubringen – und einigten sich dann darauf, dass die Balkanroute zu ist. Und zwar zu und nicht auf. Und dass sie auch nicht wieder aufgeht, sondern zu ist und zu bleibt. Das hat auch der Bundesinnenminister gesagt, der zwar nicht dabei war, aber ebenfalls sehr stolz gemeint hat, dass die Balkanroute geschlossen ist und nicht wiederkommt. Alle drei zusammen sollen jetzt den satirischen Sendeplatz von Herrn B. bekommen, heißt es aus ZDF-Kreisen. Mal schauen, was aus diesem Versuch wird, wieder ein bisschen mehr Frohsinn nach Deutschland zu bringen.

B. selbst, so wird berichtet, soll inkognito mit der Kanzlerin in der Türkei gewesen sein, um über einen Sendeplatz im Fernsehkanal der AKP zu verhandeln. Wenn er ihn kriegt, darf die Türkei in die EU. Dies wiederum ist ein Kanzlerinnen-typischer Versuch, das ganz Große mit dem ganz Kleinen so zu verschmelzen, dass von Größe auch beim besten Willen nichts mehr übrig bleibt.

Endgültig verstehen kann man das Versuchsgeflecht aber erst, wenn man auch die Rücktritte von all den Versuchen untersucht. Und das versuchen wir nächste Woche. Vielleicht.