Meine politische Sozialisierung begann Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre. Mein Elternhaus war liberal-konservativ, die Jugend war damals mehrheitlich marxistisch. Ein üblicher Spruch der Linken war damals mit Hinweis auf die NS-Zeit: "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch", basierend auf dem Brecht-Drama Arturo Ui. Ich habe das lange für linke, antikapitalistische Propaganda gehalten. Inzwischen sehe ich manches anders.

Der Schoß ist leider verdammt fruchtbar. Der Hass aufs Andere, die Überheblichkeit, die Bösartigkeit, die feigen, nur in der Masse einer Demonstration oder der Anonymität des Internets zelebrierten Schmähungen, sind Faschismus. Es ist legitim, die Massen der Flüchtlinge, mit allen zusammenhängenden Problemen, kritisch zu sehen und sich darüber auseinanderzusetzen. Das gehört zum demokratischen Meinungsstreit. Aber die zunehmende Brutalisierung der Diskussion, die Unsinnigkeit der "Argumente" (testosterongesteuerte Männer, die deutsche Frauen belästigen), das ist Naziniveau.

Zumindest nahe an diesem Niveau befindet sich auch Thilo Sarrazin mit manchen seiner Theorien, die er in seinem neuen Machwerk Wunschdenken aufstellt. Zum Beispiel mit der Behauptung, Menschen aus bestimmten Regionen der Welt stünden kognitiv unter den Deutschen, sind also, kurz gesagt, dümmer. Deshalb müsse die Einwanderung dieser Menschen unbedingt unterbunden werden, weil sonst nicht nur unser Wohlstand, sondern der Fortbestand unserer Nation gefährdet sei.

Sarrazin ist schon lange Vorreiter

Woher kommt diese Entwicklung plötzlich? Irgendwie da war sie schon immer. Ich erinnere daran, dass zum Beispiel im eher liberalen Hamburg bei den Bürgerschaftswahlen 1997 DVU und NPD zusammen über acht Prozent der Stimmen hatten, allerdings zum Glück beide an der Fünfprozentklausel scheiterten. Und natürlich spült die Anonymität des Internets Dinge hoch, die früher allenfalls in Briefen ohne Absender sofort im Papierkorb landeten, heute aber zum Gegenstand der Betrachtung "Was denkt die Netzgemeinde" taugen.

Inzwischen treten solche Leute aber ganz ungeniert aus der Anonymität heraus, wie das Auftreten und der Erfolg der AfD zeigen. Sarrazin war allerdings schon länger ein Vorreiter, er stand schon mit seinem ersten Buch Deutschland schafft sich ab an der Spitze der Bewegung. Und da möchte er ganz offensichtlich auch bleiben.

Ich glaube nicht an soziale Ursachen

Aber es gibt natürlich noch andere Gründe für diese Entwicklung. Ein Sarrazin allein reicht wohl doch nicht aus. Manche suchen eine materielle Begründung. Sie glauben, das Dienstleistungsproletariat, die verunsicherte Mittelschicht, das zunehmende Prekariat seien der Boden, aus dem so etwas wächst.

Ich glaube nicht an soziale Ursachen. Ich glaube, es sind zwei Ursachen, die eine Rolle spielen.

Zum einen die Faszination des Bösen. Wir leben seit Jahrzehnten in einer Gesellschaft, die sich bemüht, vernünftig zu sein, das Gute sehen will, Gewalt ächtet und die Aufklärung preist. Mir gefällt das. Aber: Das Böse, das Fiese, die Niedertracht und die Brutalität gehören zum Menschen. Jeder muss mit sich dagegen ankämpfen. Den inneren Schweinehund besiegen. Was aber, wenn das Böse plötzlich Doktrin einer ganzen Gruppe wird? Dann wird es anziehend, faszinierend, man ist ja nicht alleine, sondern geborgen und aufgehoben bei Gleichgesinnten. Ob in Blogs oder auf Demonstrationen. Ich bin sicher, diejenigen, die Hass predigen, wissen, dass das unmoralisch ist. Es ist die Freude am Unmoralischen, an der Gefolgschaft derjenigen, die plötzlich das Dunkle rauslassen können. Etwas, was da war, aber über Jahrzehnte tabuisiert wurde.

Auch Thilo Sarrazin weiß als intellektuell wirkendes Aushängeschild dieser Bewegung genau, was er tut. Er mobilisiert seine Leser gegen solche Menschen aus anderen Teilen der Welt auf, die unsere Hilfe brauchen und gibt ihnen das Gefühl, dass ihre Vorurteile wissenschaftlich begründet seien. Das ist besonders verwerflich. Auch deshalb, weil er selbst pseudowissenschaftlich argumentiert, anderen aber, wie zum Beispiel der Bundeskanzlerin, unlautere Motive unterstellt.  Zum Beispiel, sie habe nur aus dem Wunsch heraus, Glanz zu versprühen, gehandelt. Mit der Art und Weise, wie Sarrazin Angela Merkel, aber auch die ganze Bundesregierung beschimpft, würde er den johlenden Beifall auf jeder Pegida-Kundgebung finden.