Der Historiker Fritz Stern ist tot. Das teilte sein Verlag C.H. Beck mit. Stern gehörte zu den berühmtesten Geschichtswissenschaftlern der Gegenwart. Als Sohn jüdischer Eltern 1926 in Breslau geboren, floh er 1938 vor den Nationalsozialisten in die USA. Dort lehrte er an der Columbia University in New York und avancierte zu einem der bedeutendsten Deutschland-Historiker in den USA. Mit seiner Arbeit trug er zum Verständnis zwischen Amerikanern, Briten und Deutschen bei.

Stern forschte insbesondere zur kulturellen und politischen Geschichte Europas, insbesondere Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert. Für den Aufstieg des Nationalsozialismus machte er ein Versagen der deutschen Eliten verantwortlich. Stern hielt engen Kontakt nach Deutschland und übernahm Gastprofessuren, unter anderem in Berlin.

Er hatte auch großen politischen Einfluss. Er beriet mehrere US-Regierungen in deutschland-politischen Fragen. Mit der Westbindung der Bundesrepublik verband Stern die Hoffnung auf eine zweite Chance für eine gelingende deutsche Demokratie. 1987 hielt er als erster ausländischer Staatsbürger im Bundestag die Festrede zum Gedenken an den 17. Juni 1953. 1990 überzeugte er Großbritanniens Premierministerin Margaret Thatcher, dass man vor einem wiedererstarkenden Deutschland keine Angst zu haben brauche. 2010 hielt er bei der Feierstunde der Bundesregierung zum Jahrestag des 20. Juli 1944 eine Ansprache im Ehrenhof des Bendlerblocks.

Angesichts des Rechtsrucks in Europa in den vergangenen Jahren warnte der Historiker erst kürzlich vor einem Zeitalter der Angst und neuer autoritärer Systeme. Es sei verständlich, dass Armut, Kriminalität und Terror Angst auslösten, so Stern. Aber diese brauche nicht so mobilisiert zu werden, wie es Rechtsradikale täten. Vor allem die Entwicklungen in Ungarn und Polen bereiteten ihm Sorgen.

Für seine Bücher wurde er unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Gemeinsam mit seiner Frau veröffentlichte er die Lebensgeschichte der Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer und Hans von Dohnanyi. Mit dem Buch Unser Jahrhundert, dem Protokoll eines Gesprächs mit dem verstorbenen Altkanzler Helmut Schmidt, verfasste er einen Bestseller.