Wisam winkt einen hinein. Sie steht unter einer Plane, zwischen vier Zelte gespannt, trägt Jogginghose und T-Shirt und ein rotes Kopftuch. Wisam sagt, sie sei aus ihrer Stadt Palmyra geflohen, als der IS kam. Das war im Frühjahr 2015. Neun Monate habe sie danach im türkischen Mersin als Verkäuferin auf einem Markt gearbeitet, erzählt die 26-Jährige, um Geld zu verdienen für den weiteren Weg nach Europa, für sich und ihre Familie. Mutter, Bruder, zwei Schwestern.

Wisam backt gerade das letzte Brot in Idomeni. Sie beugt sich tief über den niedrigen Tisch, der nur eine Platte auf einer kaputten Krankenliege ist, rollt mit einer kurzen, runden Metallstange den Teig zu einem Fladen, bestäubt ihn mit Mehl und legt ihn über das kleine Lagerfeuer. So wie sie es die vergangenen drei Monate auch immer gemacht hat.

Doch am heutigen Mittwoch ist es vorbei damit. Wisam wird gleich in einen Bus steigen, wie Hunderte andere Flüchtlinge. Neben dem Feuerchen stehen schon gepackt die Koffer und Taschen der Familie. Eigentlich will sie nicht weg hier. "Aber wenn die Polizei kommt, reicht das schon, mit denen will ich mich nicht anlegen." Wisam lächelt und zuckt mit den Achseln, was soll man schon machen, heißt das wohl.

Die griechische Polizei leert seit Dienstagfrüh das Flüchtlingslager Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze. Zu Hunderten haben sie das Lager übernommen, in dem sie sich vorher nie blicken ließen, das monatelang sich selbst überlassen war. In Gruppen oder einzeln stehen sie herum, manche mit Helm und Gasmaske, die sie nicht aufgesetzt haben, andere in Zivil, aber an den Funkgeräten und der breitbeinigen Attitüde klar zu erkennen.

Journalisten lassen sie auch an diesem zweiten Tag der Räumung nicht ins Lager. Die europäische Öffentlichkeit soll nicht sehen können, was hier geschieht.

Doch es gibt noch Wege hinein, vorbei an den Sperren. Sie dauern Stunden und sind aufwendig. Über eine Schotterpiste und durch einen Bach geht es, danach zu Fuß über die Felder, und schließlich vorbei an den Polizisten, die überall am Rand des Camps in Gruppen herumstehen.

Hat man es hinein geschafft, muss man sich verstecken vor den Polizisten. Dafür braucht man die Hilfe der Flüchtlinge hier. Jener Menschen also, die sich auf ihrem Weg selbst oft verstecken mussten vor der Polizei, die auf Schleichwegen Sperren umgehen müssen, um in die andere, große Sperrzone zu gelangen: Europa.

Idomeni - Räumung des Camps wird fortgesetzt Aufnahmen sind im Flüchtlingslager nur verdeckt möglich …