Die ZEIT nannte ihn einmal einen "Radikalen im humanitären Dienst", er selbst beschrieb sich einfach als bärbeißiger "Querkopf". Nun ist Rupert Neudeck, der ruppige Menschenfreund, im Alter von 77 Jahren nach einer Herzoperation gestorben. Um den Mann mit den rastlosen Händen und der beständigen Moral trauert neben seiner Frau Christel und drei Kindern auch eine Familie im Geiste: jene Menschen, deren Leben Neudeck rettete, und andere, denen der Aktivist eine Aufgabe schenkte, die über das eigene Leben hinausreichte.

Bekannt wurde Rupert Neudeck durch sein Engagement für vietnamesische Bootsflüchtlinge in den siebziger Jahren. Zahlreiche Hilfsprojekte rund um den Globus folgten. Der Stein des Anstoßes für seine Arbeit aber lag ihm sehr nah. Neudeck, geboren 1939 in Danzig, floh als Kind mit seiner Familie 1945 nach Westfalen. Nur durch Zufall entgingen die Neudecks dem Untergang des Flüchtlingsschiffes Wilhelm Gustloff, das von einem sowjetischen U-Boot versenkt wurde. Die Bilder des übervollen Schiffes gingen ihm nicht aus dem Kopf. Zu verhindern, dass sich solche Szenen wiederholten, wurde zum prägenden Motiv seines Lebens.

Eines Lebens, in dem Neudeck immer wieder Haken schlug. Nach dem Abitur studierte der Katholik Jura und Theologie – und bricht schon nach wenigen Semestern das Studium ab, um sich dem katholischen Jesuitenorden anzuschließen. Gegeißelt und fast zu Tode gehungert habe er sich dort, erzählte Neudeck später. Und entschied sich, doch an die Universität zurückzukehren. 1970 promovierte er mit der Dissertation Politische Ethik bei Jean-Paul Sartre und Albert Camus.

Neudeck wurde zunächst Journalist, unter anderem beim Deutschlandfunk. Die Medien schärften seinen wachen Blick, doch sein Tatendrang sprengte den Berufsethos des Berichterstatters. Neudeck wollte – konnte – den Lauf der Welt nicht bloß beobachten. Er wollte Anteil nehmen, im wahren Sinn des Wortes. 1979 gründete er gemeinsam mit dem Schriftsteller Heinrich Böll die Initiative Ein Boot für Vietnam, aus der später die Organisation Cap Anamur/Deutsche Notärzte hervorging. Mit einem Boot, finanziert durch Privatspenden aus ganz Deutschland, rettete Neudecks Crew mehr als 11.000 Flüchtlinge aus dem Chinesischen Meer. Später setzte die Organisation ihre Hilfseinsätze für Menschen in Not auf der ganzen Welt fort.

Von Cap Anamur zu den Grünhelmen

Zwei Jahrzehnte später zog sich Neudeck aus dem Verein zurück, nur um noch im gleichen Jahr eine neue Hilfsorganisation ins Leben zu rufen. Gemeinsam mit Aiman Mazyek, dem späteren Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland, gründete er die Grünhelme. Die Organisation schickt junge Handwerker für drei oder mehr Monate in Krisengebiete, wo sie beim Aufbau von Häusern, Schulen oder zerstörten Wasserleitungen helfen. Dabei arbeiten Christen und Muslime Hand in Hand – Neudecks pragmatische Antwort auf den zunehmenden Hass nach den Anschlägen vom 11. September 2001.

Durch viele Jahre aufreibender Arbeit trug Neudeck auch sein Glaube. Mit der Kirche konnte er indes nicht immer viel anfangen. Er wünsche sich weniger Sorge um Kirchbauten, "weniger Weihrauch und Selbstbeschäftigung, dafür mehr Telefonseelsorge und konkrete Hilfe für Menschen in Not", sagte Neudeck einmal. "Das ist für mich die Kirche von morgen." Papst Franziskus und dessen Besuch bei den Flüchtlingen auf Lampedusa nannte er einen Glücksfall.

Schnell und eigenständig handeln, außerhalb des Räderwerks der großen Institutionen, das war Neudecks Art. "Mein Ansporn war immer die sofortige Aktion, nicht das Evaluieren", sagte Neudeck einmal. Sein Führungsstil galt einigen als autoritär. Dem Apparat offizieller Entwicklungshilfe stand er kritisch gegenüber. Er war Neudeck zu bürokratisch, zu sehr interessiert daran, sich selbst zu erhalten. Er wollte Menschen lieber befähigen, selbst "business zu machen".

"Warum fangen wir nicht einfach damit an?"

Neudecks Aktivismus scheute die Gefahr nicht. Dafür mussten er – und mit ihm seine Helfer – auch Risiko und Kritik aushalten. Die Not als Helfer erreichte ihren Tiefpunkt wohl 2013, als Neudeck aus der Ferne verfolgen musste, wie einige seiner Helfer in Syrien entführt wurden und sich erst Wochen später selbst befreien konnten.

Unverrückbar an seiner Seite stand jahrzehntelang Neudecks Frau Christel. Im Gegensatz zu ihrem Mann scheute sie die Kameras. Doch ohne Christel, sagte Neudeck oft, wäre Entscheidendes nicht gelungen. Das gemeinsame Reihenhaus im rheinischen Troisdorf fungierte für die Helfer von Cap Anamur und für die Grünhelme nicht selten als Kommandozentrale. Und diente der Republik als moralischer Orientierungspunkt. Zuletzt rief schon mal Angela Merkel persönlich bei den Neudecks in Troisdorf an.

Möglich, dass auch die Kanzlerin einmal diesen Satz von Rupert Neudeck gehört hat, der so oft aus ihm herausplatzte, wenn wieder jemand mit Ideen zu ihm kam: "Warum fangen wir nicht einfach damit an?"