Die Türkei hat auf die Äußerungen von Papst Franziskus zum Völkermord an den Armeniern mit deutlicher Kritik reagiert. "Es ist keine objektive Erklärung und entspricht nicht der Realität", sagte der stellvertretende Regierungschef Nurettin Canliki laut der Nachrichtenagentur Anadolu. Die Äußerungen des Papstes seien "sehr unglücklich" und seine Aktivitäten würden die "Mentalität der Kreuzzüge" widerspiegeln.

Papst Franziskus befindet sich zurzeit auf einer mehrtägigen Armenienreise, die am heutigen Sonntag endet. Am Freitag hatte das katholische Kirchenoberhaupt in der armenischen Hauptstadt Jerewan  "den Völkermord" an den Armeniern vor hundert Jahren verurteilt. "Diese Tragödie, dieser Genozid, hat leider die traurige Liste der entsetzlichen Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts eröffnet, die von anormalen rassistischen, ideologischen oder religiösen Motivationen ermöglicht wurden", sagte Franziskus. Der Begriff Genozid war nicht explizit im vorher verteilten Redemanuskript enthalten.

Bereits 2015 hat der Papst die Verfolgung der Armenier durch die Türkei nach dem Ersten Weltkrieg als Genozid bezeichnet. Die türkische Regierung zog daraufhin aus Protest ihren Botschafter im Vatikan für ein Jahr ab.

Nach armenischer Zählung haben bereits 27 Länder das Massaker als Genozid bezeichnet, darunter neben den USA, dem Vatikan und Frankreich zuletzt auch Deutschland. Am 2. Juni hat der Deutsche Bundestag die Verbrechen des Osmanischen Reiches mit bis zu 1,5 Millionen Toten ausdrücklich als Völkermord bezeichnet.

Türkei lehnt Völkermordbegriff strikt ab

Die Armenien-Resolution (Antrag als pdf) wurde im Parlament bei nur einer Gegenstimme und einer Enthaltung beschlossen. Die Türkei reagierte scharf, unter anderem verweigerte Ankara Verteidigungsstaatssekretär Ralf Brauksiepe (CDU) einen Besuch bei der Bundeswehr im türkischen Incirlik. Türkischstämmige Bundestagsabgeordnete erhielten nach dem Beschluss Morddrohungen und wurden teilweise unter Polizeischutz gestellt.

Aus Sicht der Türkei handelte es sich bei den Ereignissen in den Jahren 1915 bis 1917 um einen Bürgerkrieg zwischen Türken und Armeniern, bei denen beide Seiten zahlreiche Opfer zu beklagen hatten. Die Türkei lehnt die Einstufung als Genozid bis heute kategorisch ab. Die Armenier sprechen dagegen von einem systematischen Völkermord der osmanischen Führung der Jungtürken, dem 1,5 Millionen Armenier zum Opfer fielen.