Wenn es den Flüchtlingskindern gelingt, einen deutschen Schulabschluss zu machen, steigen erfahrungsgemäß ihre Chancen auf einen Job – und auf echte Integration. Wenn nun viele Tausend Kinder aus den Willkommensklassen in den Regelunterricht wechseln, knüpft sich daran eine simple Frage: Schaffen die das? Ein Team von ZEIT und ZEIT ONLINE ist dieser Frage nachgegangen. Wir wollten wissen, wie Lehrer und Schüler miteinander aus- und vorankommen.

Eine Hoffnung hat sich während der Recherche jedoch schnell zerschlagen: dass es verlässliche Daten gibt, wie viele Flüchtlingskinder in welchen Schulen neu dazugekommen sind und wie viele dort bereits am normalen Unterricht teilnehmen. Die meisten Zahlen in der Flüchtlingsdebatte basieren ja auf Schätzungen, und das gilt auch für die Schulen. Man kann nur sagen: Um die 300.000 Schüler sind neu eingeschult worden, vermutet die Kultusministerkonferenz. Aber für längst nicht alle wurde bisher ein Asylantrag gestellt. Das erklärt die deutlich geringeren Zahlen schulpflichtiger Kinder, die das Bundesamt für Migration nennt (siehe Grafik). Sicher ist immerhin: Insgesamt gehen in Deutschland 11 Millionen Kinder, Deutsche und Migranten, zur Schule. 

In Gesprächen mit Ministerialbeamten, Leitern von Schulämtern und Schulrektoren ist klar geworden, warum entscheidende Daten zur Schulsituation der Flüchtlingskinder fehlen: Es gibt keine zentrale Stelle, an der alle Daten zusammenfließen. Auch in den einzelnen Bundesländern hat in der Regel keine Behörde den Gesamtüberblick. Das statistische Merkmal "Flüchtling" wird von den Kultusministerien nicht erfasst, Grund dafür ist unter anderem der Datenschutz. Die meisten Länder können zwar sagen, wie viele Schüler in den Vorbereitungsklassen sitzen, aber nicht, ob sie Flüchtlinge, EU-Migranten oder Diplomatenkinder sind. Auf lange Sicht erschwert diese Datengrundlage einen effizienten Einsatz staatlicher Mittel – und damit die Schulpolitik. 

Hochrechnungen funktionieren nicht

Auch Hochrechnungen sind schwierig: Der Anteil der Flüchtlinge schwankt von Klasse zu Klasse erheblich. Auch Übergangsquoten gibt es nicht. Der Wechsel in die Regelklasse erfolgt meist Schritt für Schritt und hängt sowohl vom Können der Flüchtlinge als auch von der Kapazität der Schule ab. Häufig stoßen die Flüchtlinge zunächst in Fächern wie Sport und Musik in die Regelklasse, dann in Mathe oder Naturwissenschaften, später ganz. Wie schnell das gelingt, können die Schulen nicht pauschal beantworten.

ZEIT und ZEIT ONLINE haben sich deshalb auf vier Städte konzentriert und dort auf lokaler Ebene recherchiert, wie sich die Flüchtlingskinder einfügen und wie gut die Schulen ihre neue Aufgabe in den Griff bekommen. Die ausführlichen Erkenntnisse zu Siegburg, Backnang und Bremen finden Sie diese Woche in der ZEIT (und heute schon in der iPad-Ausgabe). Am Donnerstag erscheint der erste Teil einer Langzeitbeobachtung an einer Schule in Potsdam auf ZEIT ONLINE.

Einige Erkenntnisse lassen durchaus hoffen: Die einzelnen Schulen kommen vielerorts besser mit der Integration der Flüchtlingskinder zurecht als vielleicht zu befürchten war. Hier helfen auch die Erfahrungen aus der Vergangenheit: mit den Gastarbeiterkindern in den 1970er Jahren oder den Kindern, die während des Kriegs auf dem Balkan für einige Jahre in Deutschland Zuflucht suchten. Und es helfen die frischen Alltagserkenntnisse mit einer wachsenden Zahl an Zuwanderern aus der EU in den vergangenen Jahren.

Viele neue Lehrer, neues Unterrichtsmaterial

Es ist außerdem in der kurzen Zeit gelungen, viele neue Lehrer einzustellen, die Lehrpläne und das Unterrichtsmaterial anzupassen. Dennoch bleibt der Mangel an qualifizierten Lehrkräften eines der größten Probleme, von dem die Schulen berichten. Ein weiteres Problem: die zu hohen Erwartungen. Selbst viele jener Flüchtlingskinder, die gute Voraussetzungen haben, werden wohl eher den Hauptschulabschluss schaffen als das Abitur. Denn es ist das eine, genug Deutsch für den Alltag zu lernen. Fachspezifische Worte und Redewendungen stellen hingegen eine extrem große Hürde dar. Je älter die Jugendlichen sind, desto schwieriger wird es, sie zu nehmen.

Innerhalb eines Jahres Deutsch zu lernen und in die Regelklassen zu wechseln, wie viele Bundesländer es vorsehen, erscheint deshalb vor allem für ältere Schüler als unrealistische Aufgabe. Mit dem Übergang Hunderttausender Flüchtlinge in die Regelklassen steht den Schulen die größte Aufgabe also noch bevor.

Mehr zu Flüchtlingskindern im Schulalltag lesen Sie in der ZEIT Nr. 29 vom 7.7.2016.  Die aktuelle ZEIT können Sie am Kiosk oder hier erwerben.