In meiner Nachbarschaft, im Berliner Stadtteil Tiergarten an der Grenze zum Bezirk Schöneberg, gibt es einen schönen Park mit Grünflächen, Blumen, Bäumen und einem großen Kinderspielplatz. Doch weil sich dort vor allem nachts Drogenabhängige und Straßenprostituierte breitgemacht haben und in den Büschen und Sandkästen ihre Spritzen und Kondome entsorgten, zog das Ordnungsamt vor geraumer Zeit hohe Gitter um den Magdeburger Park.

Seither kann niemand mehr hinein, nicht die Junkies, nicht die Prostituierten, aber eben auch nicht die Nachbarn und ihre Kinder. Allerdings sind die Prostituierten, in der Regel sehr junge Frauen aus Osteuropa, vor allem aus Bulgarien und Rumänien, nach wie vor da. Auch ihre Zuhälter, denn Prostitution ist in dieser Gegend erlaubt. Es soll sie rund um die Kurfürstenstraße und den Nollendorfplatz schon seit mindestens Anfang des vergangenen Jahrhunderts geben, berichten einschlägige Stadtführer.  

Seitdem der Park verriegelt ist, bedienen die Prostituierten ihre Freier halt auf anderen kleinen Grünflächen und auf einem frei zugänglichen Parkplatz eines großen Möbelhauses. Nach Ladenschluss und Anbruch der Dunkelheit werden die käuflichen Dienste sogar in aller Öffentlichkeit verrichtet. Auf die Frage, ob man die Straßen, in denen weitere Spielplätze liegen, ebenso eine Grundschule, die französische Schule, ein Krankenhaus, ein Altenheim und Kindergärten, nicht zum Sperrgebiet erklären könnte, erntet man vom Staat nur ratloses Schulterzucken.

Inzwischen hat sich eine Bürgerinitiative gegründet und will den Park und die umliegende Gegend für die Anwohner zurückgewinnen. Nicht mit Hauruck-Parolen, nicht mit Forderungen nach gnadenloser Härte und privaten Bürgerwehren, sondern mit einer Fülle von guten Ideen, die für einen ebenso sozialen wie lebenswerten Kiez werben.

Das ist gut und wichtig – und ebenso höchste Eisenbahn, bevor der Unmut in Wut umschlagen könnte. Denn in der Tat fragt man sich: Wie kann es sein, dass der Staat der Allgemeinheit einen öffentlichen Raum entzieht, anstatt jene Menschen draußen oder zumindest unter Kontrolle zu halten, die diesen öffentlichen Raum missbrauchen?

Politik beginnt auf lokaler Ebene

Es gibt politische Themen, die dümpeln eine Zeit lang vor sich hin und werden nicht ernst genommen, bis sie auf einmal eine unbändige Kraft entfalten und verantwortliche Politiker und Parteien hinwegzufegen drohen. Kleine Themen können, wenn der Staat die Augen davor schließt, plötzlich ganz groß und mächtig werden. Der Ärger über einen verkommenen Park gehört ebenso dazu wie die Empörung über das aggressive Betteln vor einer Sparkasse.

All politics is local – die Weisheit, dass Politik zuvörderst lokale Bezüge hat und Wahlen auch danach entschieden werden, ob sich die Menschen dort, wo sie leben, aufgehoben fühlen, ist längst eine Binse. Eine weitere: Der Verwahrlosung des öffentlichen Raums sollte tunlichst von Anfang an Einhalt geboten werden, sonst besteht die Gefahr, dass die Unordnung Besitz von der ganzen Nachbarschaft ergreift und in Kriminalität umschlägt.

Allerdings werden diese Binsen selten beherzigt. Beispiele dafür finden sich in jedem Dorf, in jeder Stadt, in aller Welt. Und nicht erst, seit die amerikanischen Sozialforscher James Q. Wilson und George L. Kelling 1982 dies mit ihrem berühmten Buch Broken Windows publik gemacht haben.