"Angreifer hat sich in letzter Zeit selbst radikalisiert" – Seite 1

Ein 17-Jähriger hat in einem Regionalzug bei Würzburg Reisende mit einer Axt und einem Messer angegriffen und vier Menschen schwer verletzt. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sprach von einer "wirklich schrecklichen Tat, wie wir sie so in Bayern noch nicht erlebt haben". Der Asylbewerber aus Afghanistan sei "brutal auf andere Fahrgäste in der Bahn losgegangen", sagte er.  

Nach Polizeiangaben wurden die vier Fahrgäste schwer verletzt, eine Person befinde sich noch in Lebensgefahr, sagte Herrmann am Dienstagmittag bei einer Pressekonferenz. Es handele sich bei den Opfern um eine Familie aus Hongkong. Als der Angreifer aus dem Zug floh, habe er zudem eine Anwohnerin verletzt. Den übrigen 20 bis 30 Menschen aus dem Zug gehe es gut, mehrere Reisende erlitten aber einen Schock und wurden medizinisch betreut.

Ob die Tat in dem Regionalexpress von Treuchtlingen nach Würzburg einen islamistischen Hintergrund habe, sei noch offen. Ein Fahrgast hatte am Montagabend per Polizeinotruf mitgeteilt, der Angreifer habe "Allahu Akbar" (Arabisch für: Gott ist groß) gerufen. Herrmann sagte, bei dem Angreifer sei eine handgemalte IS-Flagge gefunden worden. Außerdem sei in dessen Zimmer ein Text gefunden worden, der auf Paschtu verfasst sei. Dieser Text gebe ebenfalls Grund zur Annahme, dass sich der Jugendliche "in letzter Zeit selbst radikalisiert hat", sagte Herrmann. Der Text handele vom Leben der Muslime, die sich zur Wehr setzen müssten. Hinweise auf eine direkte Verbindung zum IS hätten die Ermittler indes nicht gefunden.

Die IS-nahe Medienstelle Amaq hatte zuvor behauptet, der Angriff sei von einem Kämpfer des selbst ernannten "Islamischen Staates" ausgeführt worden. Wörtlich hieß es von Amaq: "Eine Quelle aus dem Sicherheitsbereich zu Amaq: Der Täter hinter der Axt-Attacke in Deutschland ist einer der Kämpfer des IS und er führte die Attacke aus als Antwort auf die Aufrufe, alle Staaten ins Ziel zu nehmen, die an der Allianz zur Bekämpfung des IS beteiligt sind."

Diese Erklärung ist sehr ähnlich zu denen, die Amaq nach den Anschlägen von Orlando und Nizza abgab. Nach Einschätzung von ZEIT-Redakteur Yassin Musharbash sind sie nicht gleichzusetzen mit einem unmittelbaren Bekennerschreiben des IS. Eher habe es den Anschein, als wähle der IS diesen Weg, wenn er eine bestimmte Tat zwar "adoptieren" möchte, den Täter aber nicht kenne und deswegen einen Rest an Distanz zwischen sich und dem Bekenntnis zu der Tat stehenlasse.  

Das Motiv des Angreifers sei noch "völlig unklar", sagte Innenminister Herrmann. Von einem Terroranschlag wolle er zum jetzigen Zeitpunkt nicht sprechen. Dass sich die IS-Miliz möglicherweise zu dem Angriff bekannt habe, hätten die deutschen Behörden zur Kenntnis genommen. Das bayerische Landeskriminalamt (LKA) habe die Ermittlungen übernommen.

SEK-Team tötete Angreifer

Der Zug befand sich kurz vor Würzburg, als der Angreifer die Reisenden attackierte. Unvermittelt sei er auf Mitreisende losgegangen, habe mit den Waffen wild um sich geschlagen, sagte Herrmann. Als der Zug per Notbremse stoppte, sprang der Angreifer im Würzburger Stadtteil Heidingsfeld aus dem Zug und flüchtete.  

Bei der Polizei seien gegen 21.15 Uhr mehrere Notrufe aus der Regionalbahn RB 58130 eingegangen. Bereits der erste Anrufer habe den Hinweis gegeben, dass der Jugendliche "Allahu Akbar" gerufen hatte. Daraufhin hätte die Polizei so rasch wie möglich so viele Einsatzkräfte wie möglich an den Tatort geschickt, sagte Herrmann. Auch ein Sondereinsatzkommando sei zufällig in der Nähe gewesen und habe die Verfolgung aufgenommen. Der Angreifer sei dann in der Nähe des Mains gestellt worden.

Als der 17-Jährige mit seinen Waffen auf die Einsatzkräfte losgegangen sei, hätten diese mehrmals geschossen und den Angreifer getötet. Der Täter sei aggressiv auf die Polizeibeamten losgegangen, sagte Herrmann. Man wisse auch nicht, welche Pläne der Täter auf seiner Flucht noch verfolgt habe. Es sei nicht ausgeschlossen gewesen, dass er noch weitere Menschen attackiert hätte. Deshalb sei es "gut und richtig", dass die Polizei mit ihrem Vorgehen "weitere schreckliche Taten" ausgeschlossen habe. Der bayerische Staatssekretär Gerhard Eck (CSU) sagte, den Beamten sei "keine andere Wahl geblieben", als sich zu wehren.

Ermittler gehen von Einzeltäter aus

Die Polizei gehe von einem Einzeltäter aus, sagte Herrmann. Der Flüchtling, der vor zwei Jahren ohne Eltern nach Deutschland gekommen sei, habe einige Zeit im Landkreis Würzburg gelebt, in einer Kolpingeinrichtung in Ochsenfurt. In den vergangenen zwei Wochen habe er bei einer Pflegefamilie gewohnt. Die Ermittlungen richteten sich nun auf das Umfeld des Angreifers. Die vernommenen Zeugen hätten ihn als "ruhigen, ausgeglichenen Menschen" geschildert. Der Muslim sei zu hohen islamischen Feiertagen in die Moschee gegangen, sonst aber nicht. Den Behörden sei er nicht aufgefallen.

Auf die Frage nach weiteren Gefahren in der Region antwortete der Herrmann: "Wir sind jetzt mit massiven Polizeikräften vor Ort." Er gehe davon aus, dass die Gefahr vorbei sei. Herrmann forderte eine weitere Stärkung der Polizei und mehr Polizeipräsenz. Man könne aber nicht in jedem Eisenbahnwaggon einen Beamten haben. Hundertprozentige Sicherheit gegen solche Angriffe könne es nicht geben.

Das LKA Bayern untersucht indes auch den Würzburger Polizeieinsatz. Dies sei ein üblicher Vorgang beim Schusswaffengebrauch von Beamten, sagte ein Sprecher. Die Ermittlung sollen klären, wie der Einsatz ablief und ob die Abgabe der tödlichen Schüsse gerechtfertigt war.

Opfer stammen aus Hongkong

Die vier verletzten Bahnpassagiere stammen aus Hongkong. Das sagte der dortige Regierungschef Leung Chun-Ying. Er verurteilte den Angriff und sprach den Opfern und ihren Angehörigen sein Mitgefühl aus. Repräsentanten der Hongkonger Wirtschaftsvertretung in Berlin besuchten die Opfer im Krankenhaus in Würzburg.

Bei den Opfern handele sich um eine Familie und einen Freund, berichtete die chinesische Zeitung South China Morning Post unter Berufung auf Hongkonger Behörden. Die vier Verletzten seien der Vater (62) und die Mutter (58) einer Tochter (27) sowie deren Freund (31) gewesen.

Der Vater und der Freund hätten versucht, die anderen Mitglieder der Gruppe vor dem Angreifer zu schützen. Ein fünfter Mitreisender, der 17-jährige Sohn der Familie, sei unverletzt geblieben, berichtet die Zeitung.