Mein 5. September - „Wir müssen aufbrechen, wir müssen was tun“ Der Syrer Mohammad Zatareih war einer von vielen Flüchtlingen, die vor einem Jahr am Budapester Ostbahnhof strandeten. Er dachte daran, aufzugeben. Dann entschied er sich, zu Fuß bis zur österreichischen Grenze zu gehen.

Da kommt Mohammad Zatareih angeradelt, durch die Innenstadt von Zwickau, auf einem sehr coolen Bike mit leuchtend grünen Stilelementen. Ein elegant gekleideter Mann von 26 Jahren, athletisch. Ein Jahr ist es nun her, dass der syrische Flüchtling Mohammad Zatareih eine Idee hatte, die Europas Flüchtlingspolitik verändern sollte. Und noch länger ist es her, dass die Geschichte dieses besonderen Flüchtlings begann.

Zatareih stammt aus Damaskus. Nach seinem Militärdienst in der syrischen Armee ging er nach Dubai, um dort sein Glück zu versuchen. In der Stadt der Wolkenkratzer leitete er ein Modehaus für Hochzeitskleider und Maßanzüge, "mindestens 5.000 Euro pro Stück", wie er sagt.

Doch in Syrien brach der Krieg aus, eine Bombe fiel auf sein Elternhaus, die Familie floh über den Libanon nach Istanbul. Zatareih, dessen Visum in Dubai auslief und der nicht für Baschar al-Assad in den Krieg ziehen wollte, folgte seiner Familie im März 2015 nach. Mehr als Gelegenheitsjobs gab es dort aber nicht, und schon gar keine Zukunft, sagt Zatareih. "Ich telefonierte mit meinem Bruder, der nach Wien geflohen war, und der sagte nur: Komm her."

Der erste Fluchtversuch scheiterte noch, die griechische Küstenwache habe das Boot zurückgedrängt, erzählt Zatareih. Im zweiten Versuch schaffte er es mit einigen Familienangehörigen auf die griechische Insel Pharmakonisi. Dort wurden sie von griechischen Soldaten aufgegriffen und auf die Insel Leros verbracht. "Dort gab es nichts, keine Ärzte, keine Duschen, keine Toiletten", sagt Zatareih. Sie hätten auf dem Boden schlafen müssen, sein Smartphone sei gestohlen worden, erzählt Zatareih. Die kleine Gruppe zog weiter nach Athen, dann nach Mazedonien, Serbien, Ungarn – weite Strecken davon zu Fuß, und immer wieder versuchten Diebe und Betrüger, der Familie ihre letzte Habe zu nehmen. Am 1. September endlich: Budapest, Bahnhof Keleti. 

Dort verließ ihn allerdings die Kraft. "Ich schlief schlecht und hatte tagsüber keine Energie mehr, nicht einmal, um aufzustehen", erinnert er sich. "Bis ich mir sagte: Als Soldat bist du 170 Kilometer am Stück marschiert. Das ist ungefähr die Entfernung bis zur österreichischen Grenze." Mohammad Zatareih stellte fest, dass noch einer am Bahnhof diese Idee hat, Ahmed, ebenfalls ein junger Mann aus Damaskus.

Am Morgen des 4. Septembers ist es so weit. Ahmed mobilisiert die Leute per Megafon, Mohammad organisiert sie in Fünferreihen. So etwas kennt er noch vom Militär. Obwohl er nur Gefreiter war, hat er oft Soldatentrupps geführt. Die Erfahrung kommt ihm nun zugute.

Zusammen mit Ahmed organisiert er den Hoffnungsmarsch, wie er später genannt wurde, der vom Budapester Ostbahnhof nach Österreich aufbrach. Da er gut Englisch spricht, ist Zatareih auch der Ansprechpartner für die Fernsehreporter aus aller Welt, die er dafür gewinnt, den Marsch zu begleiten. Er weiß: Das schützt die Flüchtlinge vor Übergriffen der ungarischen Polizei.