Der Vatikan braucht noch Jahre, um über eine mögliche Heiligsprechung Guido Schäffers zu entscheiden. Das kümmert die Menschen in Rio wenig. © Giorgio Palmera für Die ZEIT

Ich habe mal wieder die Nossa Senhora da Paz besucht. Das ist ein Kirchlein an der Hauptstraße von Ipanema, in dem ein eigenartiger Kult gedeiht. Vor mehr als einem Jahr hatte ich zuletzt über diese Gemeinde geschrieben und mich ein bisschen lustig gemacht: Das brave Kirchenvolk aus diesem Strandviertel von Rio de Janeiro will nämlich einen Beachboy und Surfer heiligsprechen lassen, der vor sieben Jahren von einer Welle verschluckt worden war. "Guido Schäffer war ein ganz normaler Mensch", schwärmte mir damals der örtliche Pfarrer vor, ein Bär von einem Mann namens Padre Jorjão. "Guido mochte das Wandern in der Natur, alle Arten von Sport, Radfahren, und vor allen Dingen das Meer." Solche Vorbilder brauche man doch in der Kirche!

Oder mit anderen Worten: Guido Schäffer ist der ideale Heilige zu den Olympischen Spielen. Ein Schutzpatron der lebensfrohen Jugend und des Sports, der ganz in der Nähe der heutigen Olympiastadien starb. Leider dauern kirchenamtliche Verfahren zur Selig- und Heiligsprechung beim Vatikan recht lange. Nach offizieller Auskunft werden überhaupt erst im Januar 2018 alle Antragsunterlagen vollständig sein, samt der psychologischen Gutachten der Interviewten und einem Verzeichnis der festgestellten Wundertaten. Danach müsse man eventuell noch jahrelang warten.

Die Einwohner von Rio sind ein ungeduldiges Völkchen, also haben sie in Ipanema mit der Heiligenverehrung trotzdem schon mal angefangen. Gleich im Eingangsbereich der Nossa Senhora steht inzwischen ein schwarzweiß gesprenkelter Marmorschrein mit den Gebeinen Guidos (das Surfbrett und der Neoprenanzug wurden vorläufig als Reliquien bei der Mutter hinterlegt).

An dem Schrein kann man Opfergaben hinterlassen und Kerzen anzünden. Messen für Guidopilgerer werden gelesen und T-Shirts verkauft mit Engelsflügeln drauf, die wie Surfbretter aussehen. Diverse Heiligenbildchen und Memorabilien aus dem Kirchenshop zeigen einen sonnengebräunten und trainierten jungen Mann, der auf einem Brett durch die weiße Gischt gleitet. Auf manchen trägt er nichts als Surfershorts. So sexy ging es in der katholischen Kirche seit dem Heiligen Sebastian nicht mehr zu.

Bloß: Ein Heiliger Surfer als Schutzpatron? Ist das nicht ein wenig bizarr? Oder gar frivol? Ein Mann, der mit seinem Surfbrett wie Jesus über das Wasser ging?

Junge Kirchengänger sind begeistert

Ich habe dem Pfarrer schon früher diese Fragen gestellt, und bekam ein paar freche Antworten zurück: "Die Stimme des Volkes ist die Stimme Gottes", bügelte der fromme Mann mich ab, "und wenn ein Astronom einen Stern neu am Himmel entdeckt, heißt das dann, dass er an diesem Tag erst zu leuchten begonnen hat?" Dann lag er mir aber außerdem in den Ohren, dass ich mal die jungen Leute in der Gemeinde kennenlernen sollte. Dann würde ich alles verstehen. Okay, Jorjão! Habe ich gemacht.

Erster Versuch: ein Club von Surfern am Strand von Recreio, tief im Westen der Stadt, nahe am Olympiapark. Da gibt es eine Gruppe von Surfern, die "Surfer mit Maria", aber besonders inspirierend fand ich die nicht. Die "Surfer mit Maria" sind ein paar junge Leute aus wohlhabenden Vierteln, die Ave Marias sprechen, bevor sie ins Wasser gehen.

Früher aber surften sie mit dem Heiligen Guido um die Wette – und es ist interessant, was sie erzählen. Der sportliche junge Mann hatte auch eine Ausbildung zum Arzt, sagen sie. Und er habe ein Priesterseminar besucht. Aber als er starb, war er noch nicht geweiht. Nachts sei Schäffer unermüdlich durch die Innenstadt von Rio gezogen und habe den Obdachlosen geholfen. Er brachte ihnen Essen und bot ärztliche Behandlung an. Bei seiner Beerdigungsmesse standen dankbare Menschen bis auf die Straße hinaus. Die "Surfer mit Maria" bestellen heute ab und zu einen Priester an ihren Strand, um eine Gedenkmesse zu halten. Eine Art riesiges Badetuch mit dem Konterfei des Heiligen liegt dann zu Füßen des improvisierten Altars.