Angesichts der Sexismusvorwürfe gegen den Berliner CDU-Chef Frank Henkel hat sich die Vizechefin der Union im Bundestag, Nadine Schön, für eine gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema ausgesprochen. Sexismus sei kein innerparteiliches Problem und dürfe nicht nur innerhalb der Politik diskutiert werden, sagte Schön im Deutschlandfunk

"Ich habe die Erfahrungen, die jetzt in dem offenen Brief geschildert wurden, nicht gemacht", sagte die 33-Jährige. "Aber ich kenne das natürlich auch von Berichten von Bekannten und Freundinnen, jetzt egal ob in der Politik, in der Wirtschaft oder auch in Vereinen und Verbänden." Sexismus sei "ein gesamtgesellschaftliches Problem". Berichte über ähnliche Erfahrungen kenne sie auch aus der Wirtschaft oder aus Vereinen. "Man selbst muss wahrscheinlich unterscheiden zwischen einer laxen Bemerkung und einer Bemerkung, die dann einen verletzt und die sexistisch ist", sagte Schön.

Offener Brief sorgt für Aufsehen

Schöns Äußerungen kommen Tage, nachdem die Berliner CDU-Politikerin Jenna Behrends einen offenen Brief veröffentlicht hatte, in dem sie ihrer Partei Sexismus und Verleumdungen vorwarf. Der von ihr in diesem Zusammenhang genannte Henkel, der nach der Berlin-Wahl seinen Rücktritt als Landeschef angeboten hatte, hat sich inzwischen zu einem Gespräch mit ihr bereit erklärt. Öffentlich hat er sich noch nicht zu den konkreten Vorwürfen gegen seine Person geäußert.

In Bezug auf die Vorwürfe gegenüber Henkel sagte Schön: "Zu einer erwachsenen Frau zu sagen, das ist eine große süße Maus, das ist natürlich nichts, das ist keine Bemerkung, die ich akzeptabel finden würde." Ihrer Meinung nach sollte sich jeder, der eine Bemerkung mache, vielleicht hinterfragen, ob es okay wäre, "wenn man die Bemerkung mir oder meiner Tochter oder meiner Frau gegenüber machen würde. Und dann hat man, glaube ich, schon mal ein ganz gutes Gefühl dafür, ob das jetzt noch ein Witz ist oder ob das eine verletzende Bemerkung ist", sagte Schön.

Innerhalb der Union hatte der Brief bereits am Wochenende für Aufsehen gesorgt: Der stellvertretende Bundesvorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU/CSU, Jürgen Presser, hatte den offenen Brief auf Twitter hämisch mit dem Wort "Mimimi" kommentiert. Die Vorsitzende der Frauen Union Berlin-Mitte, Sandra Cegla, bezeichnete Behrends laut Welt als eine "zweifelhafte Persönlichkeit", die "Unwahrheiten in unseren Kreisen verbreitet" habe. Allerdings hat Behrends demnach auch viel Unterstützung erhalten – sowohl aus der CDU als auch von Politikerinnen anderer Parteien.

Unterstützung aus der eigenen Partei

Als Reaktion auf die Äußerungen Ceglas hat Anja Pfeffermann ihr Amt als Vorstandsmitglied der Frauen Union in Berlin-Mitte niedergelegt. Auf Facebook schrieb sie: "Meine Loyalität zum Vorstand hat darunter immensen Schaden genommen: Ich möchte dieses Vorgehen nicht weiter mittragen."

Auch Katharina Becker, ebenfalls Mitglied im Vorstand der Frauen Union Berlin-Mitte, soll ihr Amt niedergelegt haben, hat Jenna Behrends bekannt gegeben.

CDU-Generalsekretär Peter Tauber hat unterdessen eine Debatte über die Sexismusvorwürfe in seiner Partei unterstützt. Geschichten wie diese bekomme er "immer wieder geschildert", sagte er in der Bild am Sonntag. "Aber ohne Nennung von Namen." Dann sei es schwierig, etwas dagegen zu tun.

Auch die Bundesregierung verurteilt Sexismus im Alltag und am Arbeitsplatz. Sexistische Sprüche und sogenannte Herrenwitze seien "nicht nur altmodisch, sondern völlig inakzeptabel", sagte  Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD). "Es ist gut und mutig, wenn Frauen das offen ansprechen." Regierungssprecher Steffen Seibert sagte: "Da, wo Frauen in unserer Gesellschaft noch immer herabgewürdigt werden als Frauen, da trifft das auf eine ganz klare Haltung, ablehnende Haltung durch die Bundesregierung."