Abdullah Ibrahimi* schaut, als ob er die Frage nicht versteht. Was ihn aufhalten könnte? Der junge Mann aus Afghanistan sitzt auf einer Bank, die zur ökonomischen Fakultät der Universität Belgrad gehört. Der Platz hinter ihm ist mit orangefarbenen Plastikzäunen umgestellt. "Ich kann nicht zurück", antwortet Ibrahimi. Er ist 22 Jahre alt, sagt er, sieht aber älter aus. "Ich werde es immer weiter probieren." Er will über die Grenze von Serbien nach Ungarn gelangen. Vier Mal ist Ibrahimi schon gescheitert. Heute Abend wird er es wieder versuchen.

Ibrahimi lebt seit zwei Monaten in Belgrad. Zwischen den orangefarbenen Plastikzäunen war einmal ein Park, auf dessen Wiesen die Flüchtlinge geschlafen haben. Aber vor einigen Wochen hat die Stadt die Flächen umgraben lassen. Jetzt ist dort trockene Erde übrig geblieben mit einigen Kastanienbäumen dazwischen. Die Flüchtlinge bleiben trotzdem, sie übernachten jetzt in leerstehenden Hallen oder auf einem Parkdeck nahe dem Hauptbahnhof. 

Kein Weiterkommen und kein Zurück

Die freiwilligen Helfer schätzen, dass sich in der Nähe des Belgrader Bahnhofs 200 bis 300 Flüchtlinge aufhalten, manchmal mehr. Es sind Flüchtlinge, die es nicht geben sollte: Sie kamen über die sogenannte Balkanroute, die seit Monaten als geschlossen gilt. Aber laut des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) befinden sich derzeit etwa 500 Flüchtlinge in Belgrad. Insgesamt gibt es in Serbien aktuell etwa 4.700 Flüchtlinge. Seit Anfang Juli steigt die Zahl wieder. Denn zu der Zeit hatte Ungarn seine Grenzpolitik noch einmal verschärft: Flüchtlinge werden zurück nach Serbien geschickt, wenn sie in den ersten acht Kilometern hinter der Grenze aufgegriffen werden – ohne Asylantrag, ohne Einverständnis der serbischen Regierung.

Das Flüchtlingshilfswerk UNHCR verzeichnet seit Anfang Juli täglich 30 bis 50 Neuankömmlinge in Ungarn. Gleichzeitig geht es seit Mitte Juni jeden Tag von 300 neuankommenden Flüchtlingen in Serbien aus.

Einige von ihnen ziehen weiter an die ungarisch-serbische Grenze. Dort haben sich illegale Flüchtlingslager gebildet, in denen laut Helfern katastrophale Bedingungen herrschen sollen. Die Flüchtlinge lassen sich auf Wartelisten setzen: Täglich lässt Ungarn 15 Asylsuchende legal ins Land. Familien haben Vorrang, alleinstehende Männer wie Ibrahimi kaum eine Chance.

Sie können nicht weiter, sie können nicht zurück.

Warten auf die Schlepper © Valerie Schönian

Alle wollen weiter

Es ist Ende August in Belgrad. Ibrahimi läuft an dem abgesperrten ehemaligen Park vorbei. Auf den Bänken sitzen junge Männer. Oft sitzen sie zu zweit beisammen und reden. Manchmal schlafen sie oder schauen nur vor sich hin. Die meisten mit einem Rucksack vor sich. Einige sitzen auf Pappkartons auf der trockenen Erde, im Schatten der Bäume, auch wenn das verboten ist. Neben ihnen liegen Plastikgabeln, Pappbecher und eine Mehrfachsteckdose, an die sie ihre Smartphones gehängt haben.

Ibrahimi ist vor den Taliban geflohen, weil er als Übersetzer mit dem amerikanischen und englischen Militär gearbeitet hat. Als die Balkanroute offen war, hatte er noch keinen Grund zu fliehen. Dann kamen die Morddrohungen. Das war Anfang März, als Slowenien, Kroatien, Mazedonien und Serbien entschieden, niemanden ohne gültigen Pass oder Visa mehr passieren zu lassen.

Ibrahimi und die anderen Flüchtlinge warten hier im Belgrader Zentrum darauf, dass ihre Schlepper ihnen mitteilen, wann es weitergeht. Die meisten kommen aus Afghanistan, aus dem Iran, Irak und Pakistan. Viele wollen noch immer nach Deutschland, so wie Ibrahimi, weil sie dort mittlerweile Angehörige haben. Andere sagen, Deutschland ist voll. Ihr Ziel ist Frankreich oder Schweden. Aber alle wollen weiter.

Das einzige Thema: der Grenzübertritt

Ibrahimi erzählt, dass er über die Grenze von Bulgarien nach Serbien sechs Versuche gebraucht hat. Bei den vier bisher gescheiterten Versuchen von Serbien nach Ungarn zu gelangen, hätten sie ihn manchmal zurückgeschickt, manchmal die Hunde auf ihn gehetzt. Bilder von tiefen Fleischwunden an Armen und Beinen schicken sich die Flüchtlinge hin und her. Ob es Bisswunden sind und ob sie von ungarischen Polizeihunden stammen, lässt sich nicht überprüfen. Aber die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat ähnliche Berichte gesammelt.

*Name von der Redaktion geändert