Vor einem Jahr, in der Nacht vom 4. auf den 5. September 2015, stand Angela Merkel vor einer der wichtigsten Entscheidungen ihrer Kanzlerschaft. Sie entschied, die in Ungarn gestrandeten Flüchtlinge in einer humanitären Ausnahmesituation nach Deutschland einreisen zu lassen. Die Bilder von den Menschen, die sich vom Budapester Ostbahnhof auf den Weg machten, buchstäblich auf der Autobahn Richtung ungarisch-österreichische Grenze, sind uns noch präsent. Sie haben das vergangene Jahr genauso geprägt wie das Bild vom dreijährigen toten Jungen Aylan am Strand nahe Bodrum.

Seither ist kein einziger Tag vergangen ohne die immer gleiche Debatte um die Frage: War Merkels Entscheidung richtig oder falsch? Seither haben wir aufwendig versucht, die Menschen, die nach Deutschland gekommen sind, zu kategorisieren. Sind das überwiegend junge Männer? Sind das eigentlich nur Muslime? Sind das alles Ingenieure und Ärzte, die praktischerweise unseren Fachkräftemangel beheben? Oder doch eher Terroristen? Machos? Undankbares Volk? Warum haben sie alle Smartphones? Unterdrücken sie ihre Frauen? Geben sie Frauen überhaupt die Hand? Sind sie bereit, sich anzupassen, die deutsche Sprache zu lernen und zu akzeptieren, dass sich hier auch zwei Männer auf der Straße einen Zungenkuss geben?

Seit einem Jahr diskutieren wir in Talkshows, politischen Statements und in der Kneipe die Frage, wer diese Menschen sind und was sie hier machen werden. Dabei werden in Debatten Menschen aufgrund ihres Glaubens oder ihrer Herkunft infrage gestellt, aus dem Kollektiv herausgedacht. Einige versuchen, den kollektiven Pauschalisierungen differenzierte Argumente entgegenzubringen. In den seltensten Fällen entsteht dabei ein wirklicher Dialog.

Wie aus Komplexität Unverständnis wird

Schon lange wird gesagt, die Welt sei unübersichtlicher und komplexer geworden. Die Spannungslinien und Konflikte verlaufen nicht mehr entlang der altbewährten Trennungslinien rechts versus links, Migrant versus Nicht-Migrant, unten versus oben. Die Konfliktlinien, wie wir sie kannten, lösen sich auf. Plötzlich wollen linksliberale Intellektuelle die doppelte Staatsbürgerschaft rückgängig machen. Plötzlich können Migranten auch Nazis sein und durch ein Münchener Einkaufszentrum laufen, um Türken zu ermorden. Gleichzeitig schmiert die konservative Vorstadtfamilie Stullen für Geflüchtete am Bahnhof. Der Dompropst in Köln schaltet die Lichter aus, wenn Pegida demonstriert. Mein türkischer Taxifahrer hat Angst, dass Flüchtlinge ihm die Arbeit wegnehmen. Meine feministische Nachbarin trägt Kopftuch und abonniert das Missy Magazine. Konservative Unternehmensverbände setzen sich für ein Verbot der Abschiebung Geflüchteter im Ausbildungsstatus ein.

Wir kommen an Kommunikations- und Verständnisgrenzen. Ein Migrationshintergrund trifft noch keine Aussage über die Haltung einer Person gegenüber einer pluralen Gesellschaft, weder im positiven noch im negativen Sinne. Dennoch ordnen wir uns, um den Überblick zu behalten, in die altbewährten Schubladen ein. Es entsteht eine immer stärker polarisierende Diskussionskultur, die Kommunikationsgrenzen führen zu Erklärungsgrenzen.

Vom Umgang mit Differenz: Haltung satt Herkunft

Ich beobachte, dass sich neue Achsen bilden entlang derjenigen, die Angst haben, und derjenigen, die Mut haben. Die entscheidende Konfliktlinie verläuft entlang der Haltung zur offenen Gesellschaft, der Dualismus zwischen Migrationsbefürwortern und -gegnern dominiert die politische Agenda. So stehen plötzlich der Dompropst und meine feministische Nachbarin mit Kopftuch auf derselben Seite. Dieses neue Paradigma nenne ich "Haltung statt Herkunft". Die neue Fremdheit ist keine der Herkunft mehr. Es geht um Haltungen gegenüber Werten wie Freiheit, Gleichwertigkeit, Solidarität und Brüderlichkeit.

Die Spaltung der Gesellschaft und die Volatilität der unsicheren Mitte, die zu beiden Seiten hin umschlagen könnte, verursacht Unsicherheiten. Sie äußern sich im Pessimismus, der an die Stelle des Optimismus tritt. Und dieser zutiefst ambivalente menschliche Gefühlsgegensatz aggregiert sich durch alle Schichten, Geschlechter, Herkünfte, Institutionen und kondensiert im Demokratieverständnis.