Den Eingang zum Gemeindehaus sichern zwei Polizisten, beinahe so groß wie der Türrahmen hoch. Die Männer in Uniform und schusssicherer Weste weisen freundlich, aber konsequent ab. Drinnen spricht Schleswig-Holsteins Innenminister mit den Gemeindevertretern des Dorfes. Ein wichtiges Mitglied fehlt: Joachim Kebschull. Er ist der Bürgermeister von Oersdorf, wird für seine ruhige und abwägende Art geschätzt – und liegt nach einem Angriff nun mit Gehirnerschütterung im Krankenhaus.

"Ich bin ganz geschockt", sagt Ute Grommes, eine zierliche Frau mit weißgrauem Bobschnitt und runder Rahmenbrille. Grommes ist Vorsitzende des Oersdorfer Wählervereins, die Fraktion, zu der auch Bürgermeister Kebschull gehört. Grommes war auch gestern hier, als der Bauausschuss tagen wollte. Zweimal war der Termin bereits kurzfristig wegen anonymer Drohungen abgesagt worden. Auch am Donnerstagmorgen hatte es einen bösen Brief gegeben. Sechs Polizisten bewachten deshalb am Abend den Eingang und kontrollierten den Zugang. Was sie nicht im Blick haben konnten: den Parkplatz rechts neben dem schlichten Klinkerbau. Dort wartete der Angreifer, schlug Kebschull von hinten mit einem Knüppel nieder und flüchtete.

Woher kommt diese Bereitschaft zur Gewalt, das wollen nun alle wissen. Im Dorf befürchten sie ein rassistisches Motiv. Die Angst ist nicht unbegründet, auch die Polizei ermittelt in Richtung rechts. Der Bauausschuss sollte über die Sanierung eines Mehrfamilienhauses beraten. Die Gemeinde hat das Gebäude vor knapp einem Jahr gekauft und überlegt, dort Flüchtlinge unterzubringen. Dagegen hetzte der Verfasser der Drohungen. "Oersdorf den Oersdorfern", hieß es etwa in dem Brief vom Donnerstag, wie die anderen wurde er per Post zugestellt.

 Das Treffen der Gemeindevertreter, der Besuch des Innenministers, die Anwohner auf dem Vorplatz. Das ist auch ein Zeichen. Die Demokratie ist wehrhaft und Oersdorf ist es auch. "Das war auch ein Angriff auf unser Ehrenamt", sagt ein Mann im Rentenalter. Er sei Flüchtlingshelfer aus Kisdorf, einem Nachbarort, und gekommen, um Solidarität zu zeigen. Er überlegt, ob er seinen Namen nennen soll. "Man muss ja jetzt wirklich Angst haben", sagt er dann und schüttelt den Kopf.

"Eigentlich waren die Pläne mit den Flüchtlingen schon wieder vom Tisch"

Etwa 50 Flüchtlinge gibt es Kisdorf, hier in Oersdorf gibt es keine. Der Grund ist simpel: Es gibt bisher keinen freien Wohnraum in dem 900-Einwohner-Ort. Als die Gemeinde ihre Pläne für das neue Haus öffentlich machte, gab es auch Kritiker. Ziehen Flüchtlinge hierher, könnten die Grundstückspreise sinken, hieß es etwa. Echten Protest oder offene Anfeindungen – davon war nichts zu spüren. Rechtsextreme Vorfälle in dem Ort gab es bisher keine. "Und eigentlich sind die Pläne mit den Flüchtlingen auch schon wieder vom Tisch gewesen", sagt Grommes vom Wählerverein. Denn: Ein Jahr nach der Krise sind die meisten Flüchtlinge im Landkreis bereits gut untergebracht. 

Wer steckt hinter der Tat? Die Ermittler äußern keinen Verdacht. Auch die Oersdorfer können nur mutmaßen. Er muss sich sehr gut auskennen, das steht fest. Eine der Drohungen galt nicht nur dem Gemeindehaus, sondern auch der nahen Feuerwache. Der Verfasser muss gewusst haben, dass die Lokalpolitiker sonst dorthin ausgewichen wären. Und er wusste, wo Kebschull parkte, vermutlich also, welches Auto er fährt.

Am Nachmittag, erzählt eine Anwohnerin, werde der Bürgermeister aus dem Krankenhaus entlassen. Er bekommt jetzt Personenschutz. Die Polizei will nicht noch einmal zur richtigen Zeit am falschen Ort sein. Auch andere Gemeindevertreter sollen besser geschützt werden. Direkt am Morgen nach der Tat war eine neue Drohung eingegangen, dieses Mal per E-Mail und an Kebschulls Vorgänger im Bürgermeisteramt. "Aus Knüppel wird Hammer, aus Hammer wird Axt", heißt es darin.