Ich hatte plötzlich eine Wunde an der Brust. Woher sie kam, konnte ich mir nicht erklären. Sie war plötzlich einfach da und sah aus wie eine Brandwunde und tat auch genauso weh. Vielleicht hatte ich mich am Backofen verbrannt ohne es zu merken, war meine Theorie.

Ich versuchte es mit Brandsalbe, aber es veränderte sich nichts. An einem Sonntagnachmittag wurde mir dann im Internet eine Werbung eines Onlinehausarztservices eingeblendet. 1 Pfund (etwa 1,17 Euro) sollte die Erstkonsultation kosten. Man könne auch Rezepte ausstellen. Ich dachte, ich bräuchte einfach eine andere Salbe und dann wäre mein Wundproblem gelöst. Damit würde ich mir den Termin beim Hausarzt ersparen, der in Großbritannien, wo ich lebe, nicht immer einfach zu bekommen ist. Außerdem war ich neugierig, wie dieser Dienst funktioniert. 

Schon am nächsten Morgen hatte ich einen Termin bei Push Doctor. So heißt der beworbene Dienst. 7.000 Hausärzte arbeiten dort neben ihrer eigentlichen Arbeit. Das sind 15 Prozent aller britischen Hausärzte. "Das kann auch in der Mittagspause sein oder auch in den Abendstunden", sagt Eren Ozagir, Gründer und Geschäftsführer von Push Doctor. Alle Ärzte, die dort arbeiten, haben eine britische Zulassung, aber viele arbeiten sowieso nur in Teilzeit in den Praxen, beispielsweise wenn sie Kinder haben, so Ozagir.

Ich hatte zuvor Fotos von der Wunde gemacht, die ich der Ärztin per Videochat zeigte. Sie sagte mir, ich solle nicht beunruhigt sein, aber ich müsse dringend eine Brustkrebsuntersuchung machen lassen. Dafür bräuchte ich eine Überweisung, die sie leider nicht ausstellen könne, sondern nur mein richtiger Hausarzt.

"Neun von zehn Fällen können wir selber behandeln, aber wir scheuen uns auch nicht davor, Menschen zu ihrem regulären Hausarzt zu schicken, wenn es notwendig ist," sagt Ozagir. Die Ärztin klärte mich noch über meine Rechte auf – dass ich in Großbritannien innerhalb von zwei Wochen einen Termin bei einem Spezialisten bekomme – und diktierte mir ihre Diagnose. Damit ging ich zu meinem Hausarzt. Einen Termin bekam ich diesmal problemlos, denn ich konnte schon am Telefon die vermutete Diagnose sagen und bekam einen Termin für eilige Fälle.

Auch DrEd bietet seit 2011 Onlinekonsultationen an. Das Unternehmen sitzt in London, gegründet wurde es von einem Deutschen, dem Juristen David Meinertz. Auch sein Dienst verschickt Rezepte. Im Gegensatz zu Push Doctor ist DrEd auch auf dem deutschen, österreichischen und anderen Märkten aktiv.

Gesundheitsministerium plant neues Gesetz

Doch ein neues Gesetz könnte diese Art von Arztkonsultationen in Deutschland künftig verbieten. Apotheken sollen bald keine Rezepte mehr einlösen dürfen, wenn sie den Verdacht haben, dass der Arzt, der das Rezept ausgestellt hat, den Patienten niemals persönlich gesehen hat. So sieht es der Gesetzesentwurf aus dem Gesundheitsministerium vor, über dem am Mittwoch im Gesundheitsausschuss des Bundestags abgestimmt wird. Das wäre das Ende für das Geschäftsmodell von DrEd in Deutschland und ein Problem für die Onlinegesundheitswirtschaft.

Etwa 70 Mitarbeiter arbeiten bei DrEd, darunter 15 Ärzte, die anhand von Fragebögen, die die Patienten ausfüllen, Rezepte ausstellen. Bei manchen Krankheiten wird auch telefoniert oder die Patienten schicken Fotos der betroffenen Hautstellen. Zwischen 9 bis 29 Euro kostet das.

Gesundheitswissenschaftler sagen voraus, dass künftig ein Drittel der medizinischen Versorgung über das Internet laufen wird. Denn gerade in ländlichen Regionen könnte das ein Segen sein, wenn Ärzte knapp sind und man nur mal eben ein Rezept braucht.

Auch die Krankenkassen müssten sich über diese Art von Angeboten freuen. Gerade hat der Vorstandschef der Kaufmännischen Krankenkasse, Ingo Kailuweit gesagt, rund die Hälfte der Arztbesuche seien überflüssig. Damit zog er den Zorn der Ärzte auf sich, die auch Angebote wie DrEd scharf kritisieren. Bundesärztekammer-Präsident Frank-Ulrich Montgomery hat "Schmuddel-Rezepten aus dem Internet" den Kampf angesagt. Arzt und Patient müssten einander kennen. Und so ist es kein Zufall, dass das neue Gesetz, das die Behandlungsmöglichkeiten von DrEd ausbremsen soll, in Fachkreisen "Lex DrEd" genannt wird.

Stiftung Warentest kritisiert DrEd

2012 hatte sogar die Stiftung Warentest das Angebot von DrEd scharf kritisiert: Zwei Testbehandlungen seien in Fehldiagnosen geendet. Nur die Patienten hält das alles nicht ab. DrEd hat nach Angaben des Unternehmens bereits mehr als 100.000 deutsche Patienten behandelt. Und genau wie Push Doctor verweist auch DrEd an den lokalen Hausarzt, wenn die Fernbehandlung nicht angemessen ist. Etwa 15 Prozent der Patienten werden von DrEd zurück ins reguläre System verwiesen, so Meinertz.

Hinzu kommt, dass viele Onlinepatienten sonst gar nicht zum Arzt gehen würden, ist Meinertz überzeugt. Fast 40 Prozent der DrEd-Patienten leidet unter erektiler Dysfunktion. Auch Geschlechtskrankheiten gehören zum Kerngeschäft von DrEd. Aber auch das Verschreiben der Pille gehört dazu. "Die Frauen nutzen unseren Dienst, weil es ihnen Zeit spart."

Zeit zu sparen war auch meine Motivation, als ich mich an Push Doctor wandte. Ich dachte, es sei nichts Ernstes. Doch mein Hausarzt teilte den Brustkrebsverdacht der Push-Doctor-Ärztin. Er sollte sich dann aber nicht bestätigen. Ich hatte lediglich Wundinfektion. Nach drei Monaten war der Spuk vorbei, die Wunde endlich geheilt und ich wieder schmerzfrei. Wäre es Brustkrebs gewesen, hätte mir Push Doctor zu einer schnelleren Diagnose verholfen, denn ich wäre vermutlich noch länger nicht zu meinem Hausarzt gegangen.