Roseane dos Santos ist ein Fan von Usain Bolt, dem schnellsten Mann der Welt. Er ist ihr Vorbild, sie hat ihn schon persönlich getroffen, ihm will sie nacheifern – aber ihr fehlt ein Bein. "Lassen Sie uns gleich zum Trainingsgelände fahren", sagt die 44-jährige Athletin, und dann summt sie im elektrischen Rollstuhl voran. Es ist ein sonniger Vormittag in Barra, dem Stadtteil der Olympischen und Paralympischen Spiele von Rio. Dos Santos wohnt hier am Rand eines Parks. Ein Helfer, ihr Bruder, reicht ihr schwere Kugeln heran. Sie kneift die Augen zusammen, stößt mit einem Kampfschrei das Gewicht nach vorn, dann verschnauft sie kurz und lässt sich die nächste Kugel reichen. "Das Diskuswerfen trainieren wir an einem anderen Tag", sagt sie, "hier laufen heute zu viele Leute und Hunde herum."

Roseane dos Santos hat schon zwei Goldmedaillen geholt: Im Jahr 2000 war das, in Sydney, im Kugelstoßen und im Diskuswerfen zugleich. In dieser Woche tritt sie ein letztes Mal zu Paralympischen Spielen für Brasilien an. "Es wird aber schwierig, noch einmal eine Medaille zu gewinnen", sagt sie. Und dann erzählt sie, wie das mit dem Bein war.

Das heißt: Die Geschichte mit dem Bein ist gar nicht so besonders. Roseane dos Santos, aufgewachsen in der Stadt Recife im ärmlichen brasilianischen Nordosten, verlor ihr Bein durch einen Verkehrsunfall. Es wurde amputiert. Die Gesundheitsversorgung in Brasilien für arme Leute ist mehr schlecht als recht, und sie findet es müßig, in Was-wäre-wenn zu denken: Was wohl gewesen wäre, wenn man sie damals in ein erstklassiges Privatkrankenhaus eingeliefert hätte.

Roseane dos Santos © Thomas Fischermann

Besonders war, dass die junge Frau damals nicht Athletin war, sondern eine Putz- und Kochhilfe in den Haushalten reicher Leute, und dass durch die Beinamputation ein besseres Leben für sie begann. Sie war immer schon stark gewesen, doch nach dem Unfall im Kindesalter wurde ihre außergewöhnliche Kraft von Trainern und Scouts entdeckt. Sie zog nach Rio, wurde in ein Trainingsprogramm aufgenommen, bekam später die "Athletensozialhilfe" der sozialdemokratischen Regierung zugesprochen.

Brasilien förderte damals konsequent seine Paralympischen Athleten, und die junge Frau aus einfachen Verhältnissen gewann: Doppelgold in Sydney und etliche Preise bei Behinderten-Sportwettbewerben mit Wettbewerbern aus aller Welt. Sie fand Sponsoren. Sie konnte sich die kleine Wohnung in Barra leisten und ein wenig ihre weiterhin arme Familie finanzieren. Sie brach Rekorde. Sie durchstand eine Nervenkrankheit im Jahr 2013, die ihre Hand lähmte, und Halskrebs im Jahr 2014. Auf Chemotherapie nahm sie damals einen Flug nach São Paulo, zu einem Wettbewerb. Da wurde ihr furchtbar übel, aber sie trat trotzdem an. Ihr Arzt hatte ihr händeringend abgeraten, "aber ich habe mit Gott geredet, und für den war das in Ordnung. In habe ihn um etwas Kraft gebeten". Seit 2015 gilt sie für die Ärzte als wieder vom Krebs geheilt.

Diese Geschichte der Athletin ist in vielen brasilianischen Medien erzählt worden. Da ist die Rede davon, wie bewundernswert das sei. Leute wie dos Santos sind eine Inspiration! Diese ungebrochene Kämpferin kann uns allen zeigen: So viel schafft der Mensch, wenn er sich nur anstrengt! Wenig ist die Rede davon, dass Roseane dos Santos keine Wahl hatte. "Ich brauchte meine Sponsoren doch", sagt sie. "Ich wollte auch allen zeigen: dass es mir gut geht." Oder mit anderen Worten, dass sie immer weitermachen kann, um nicht wieder aus dieser besseren Welt zu fallen.