"Und bewahre uns vor dem Bösen", heißt es im Vaterunser. Der Glaube an den Teufel als Gestalt gewordenes Böses gehört zu den Grundlagen des Christentums. Heute wird die Austreibung des Bösen meist im Verborgenen betrieben; ans Licht der Öffentlichkeit kommen nur einzelne Fälle, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert.

Ende vergangenen Jahres ist dies in einem Zimmer in einem Frankfurter Luxushotel geschehen. Fünf Angehörige einer koreanischen Familie sollen gemeinschaftlich eine 41-jährige Verwandte während einer Teufelsaustreibung ermordet haben. Laut der Anklage des am Montag beginnenden Prozesses sollen sie der Frau über mehrere Stunden Gewalt angetan haben, um ihr einen Dämon auszutreiben.

Das letzte Mal, dass ein Exorzismusfall in Deutschland in die Schlagzeilen geriet, war im Jahr 1976. Damals starb die 23-jährige Anneliese Michel im unterfränkischen Klingenberg. Zwei katholische Priester hatten über mehrere Wochen versucht, ihr einen Dämon auszutreiben. Im guten Glauben gegen das Böse anzukämpfen, waren die Priester blind dafür, dass die Frau keine Nahrung mehr zu sich nahm. Sie starb unter ihren Augen langsam an Unterernährung.

Die meisten Bischöfe in Deutschland benennen keine Exorzisten mehr

Die Folgen des Klingenberg-Skandals sind bis heute spürbar. Eigentlich erwartet der Vatikan von jedem Bischof, dass er einen Priester als Exorzisten benennt. In Deutschland erfüllten die meisten Bischöfe aus Angst vor neuen Skandalen diese Vorgabe wohl nicht, sagt Ansgar Wucherpfennig. Der Jesuit lehrt Theologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt. Er erfährt in der Seelsorge immer wieder, dass einzelne Gläubige davon überzeugt sind, von einem Dämon besessen zu sein. Doch für sie hält die Erfinderin des Exorzismus kein Angebot mehr bereit: "Wir müssten als katholische Kirche mehr darüber nachdenken, ob wir dem Bedürfnis ausreichend entgegenkommen", sagt Wucherpfennig.

Das Feld des Exorzismus beackern nämlich längst andere christliche Gruppen, wie die Pfingstler-Bewegung. Allerdings hüllen diese auch neucharismatisch genannten Gemeinden die Teufelsaustreibung in ein neues sprachliches Gewandt. Gläubige sind bei ihnen nicht mehr "vom Teufel besessen", sondern "von Dämonen belastet". Ihnen wird dieser Dämon auch nicht mehr ausgetrieben, sondern sie nehmen an einem "Befreiungsdienst" teil.

Renaissance des Exorzismus

Annette Kick ist in der Landeskirche Württemberg zuständig für Weltanschauungsfragen. Als Beraterin trifft sie immer wieder Menschen, die an solchen Befreiungsdiensten teilgenommen haben. "Bei mir landen natürlich die Menschen, die sich danach manipuliert fühlen", sagt Kick. "Sie müssen erkennen, dass ihre Probleme wie zum Beispiel eine Suchterkrankung nicht durch die Befreiung von einem Dämon verschwunden sind."

Die Pfarrerin geht von einer Renaissance des Exorzismus in Deutschland aus, die sich im Verborgenen abspielt. Sie schätzt, dass etwa die Hälfte der deutschsprachigen neucharismatischen Gemeinden regelmäßig Befreiungsdienste anbieten. Damit wären 100.000 Gläubige potenzielle Nutzer von Exorzismus. Hinzu kämen noch ca. 1.100 Gemeinden von Einwanderern aus Asien, Afrika oder Lateinamerika mit einer nicht bekannten Mitgliederzahl. Es sei davon auszugehen, dass die meisten dieser Gemeinden Befreiungsdienste anbieten, weil außerhalb Europas der Glaube an Dämonen fester Bestandteil neucharismatischer Gruppen sei, so Kick.

Der neue Exorzismus scheint angekommen zu sein in der heutigen Zeit. Ähnlich wie die Esoterikszene bietet er einfache Lösungen für komplexe Probleme. Es gilt den Dämon, der hinter den Problemen eines Menschen steckt, zu erkennen und aufzufordern, den Geplagten zu verlassen – und schon ist der Mensch befreit.