Luthers Thesen vom Oktober 1517 haben Europa verändert wie kein Ereignis seither. Sie haben Autoritäten vom Thron gefegt und die Macht neu verteilt. Sie haben die Herrschaft der Religion gestürzt und die des Geldes infrage gestellt, und sie haben zum ersten Mal die gesellschaftsverändernde Kraft der Massenmedien genutzt. Deshalb ist die 500. Wiederkehr des Thesenanschlags am 31. Oktober 2017 viel mehr als ein religiöser Gedenktag. Der Bundestag hatte Recht, als er die Reformation - sie wurde mit den Thesen öffentlich - als Ereignis von weltgeschichtlichem Rang einstufte. Die aktuelle Titelgeschichte der ZEIT fragt deshalb Politiker, Dichter, Wirtschaftslenker und Publizisten, was heute christlich ist? Wie ihre persönlichen Thesen für das Hier und Jetzt lauten.

Ja, es ging und geht dabei um Glauben an Gott. Aber es ging und geht auch um Freiheit und Recht, um ein kritisches Bewusstsein und darum, dass man seinem Gewissen mehr folgen muss als den Anordnungen von Autoritäten. Es ging und geht um Chancen- und Beteiligungsgerechtigkeit. Und um eine neue Weltordnung.

Eine kuriose Geschichte löste vor 500 Jahren das ganze Geschehen aus. Eigentlich hat Papst Julius II. die Massenmedien zum ersten Mal eingesetzt und nicht Martin Luther. Er brauchte sie fürs Crowdfunding, also für die öffentliche Suche nach Investitionsmitteln. Denn er war alt und brauchte Geld. Für eine würdige Gruft. Er ließ dazu in Rom den Petersdom abreißen, also die Kirche, die über dem angeblichen Grab des angeblichen Petrus errichtet war, und einen neuen errichten. Das kostete. Deshalb kam Julius auf die Idee, den Kirchenschatz zu kapitalisieren. Der bestand aus den guten Taten der Heiligen. Mithilfe der noch jungen Lehre vom Ablass und der älteren vom Fegfeuer machte Julius diesen Schatz zu Geld. Er erfand eine Haftpflicht für das Jenseits: Wer Ablassbriefe kaufte, bekam Rabatt bei den Sündenstrafen, die vor dem Eintritt ins Paradies abzubüßen waren. Denn die Menschen hatten Angst vor dem Leben, das ja nie endete, sondern ewig weiterging. Sie wollten in den Himmel kommen, auf die gute Seite. Dafür zahlten sie gern. Denn sie fürchteten, sie hätten Gott gegen sich.

Der Ertrag des Ablasses sollte in den Bau des Doms fließen, der Julius' Grab überwölbte. Doch Großbaustellen haben ihre Tücken. Als Julius II. starb, war der Dom halb fertig. Sein Nachfolger Leo X. brauchte noch mehr Geld und gab noch mehr Ablass aus. Der brandenburgische Kurfürst Albrecht bot sich ihm als Zwischenhändler an. Albrecht hatte mehrere Bischofstitel gekauft. Das verstieß gegen das Recht, wurde aber gegen üppige Bezahlung toleriert. Albrecht kreierte eine Allianz fürs ewige Leben. Er schickte den Dominikaner Johann Tetzel auf Akquise durch seine Bistümer. "Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt", soll Tetzels Werbespruch gewesen sein. Die Hälfte des Erlöses tilgte Albrechts Schulden, die andere floss zum Papst und in die Honorare des Dombaumeisters Raffael, der eigentlich Maler und mit der Leitung der Baustelle überfordert war.

Als Tetzel, das Verkaufsgenie, ins Magdeburgische reiste, kamen die Leute aus dem nahen Wittenberg in Scharen, um sich den Himmel zu erkaufen. Das empörte den jungen Professor Martin Luther. Denn er war zu der Einsicht gelangt, dass man sich ein gutes Leben im Himmel nicht kaufen kann – weil es einem geschenkt wird. Gott hatte die Welt schon mit sich versöhnt, die Gerechtigkeit schon selbst hergestellt und die Menschen damit vom Zwang befreit, den Himmel erst verdienen zu müssen. So stand es in der Bibel. Luther hatte sie gelesen; die Menschen kannten sie gar nicht. Die Menschen, hatte Luther beim Lesen der Bibel entdeckt, sind frei und sollen ihre Freiheit verantwortlich ausfüllen. Wer ihnen sagt, dass sie ihren Platz im Himmel erst verdienen müssen, und wer ihnen noch dazu Geld dafür abnimmt, der macht sie abhängig und verrät die Botschaft des Christentums: Die Herrschaft von Glauben, Hoffnung und Liebe. Und er verkehrt sie ins Gegenteil. "Gott ist nicht gegen dich", das war Luthers Botschaft.

Luther bot dem Papst eine goldene Brücke an: "Man soll die Christen lehren: Würde der Papst das Geldeintreiben der Ablassprediger kennen, wäre es ihm lieber, dass die Basilika des Heiligen Petrus in Schutt und Asche sinkt als dass sie erbaut wird aus Haut, Fleisch und Knochen seiner Schafe." Aber er stellte auch fest, dass das Ansehen des Papstes angeschlagen war: "Diese unverfrorene Ablassverkündigung führt dazu, dass es selbst für gelehrte Männer nicht leicht ist, die Achtung gegenüber dem Papst wiederherzustellen angesichts der Anschuldigungen oder der scharfsinnigen Fragen der Laien."

Gegen das mächtige verhasste System forderte Luther die Freiheit. Die Nachricht verbreitete sich durch den Buchdruck, das neue Massenmedium, in wenigen Monaten in ganz Europa. Alle wollten ihn lesen. Und er begann aufzuschreiben, warum kein Herrscher und kein Papst in Rom Herrschaft über die Gewissen beanspruchen darf. Der Gedanke der Freiheit zeigte Sprengkraft. Die Herrschaft der Kirche war gebrochen.

Wenn Menschen heute von Freiheit reden, von Menschrechten und von Teilhabe, dann ist das nicht zu denken ohne Martin Luthers 95 Thesen, damals, 1517, im Städtchen Wittenberg an der Elbe. Nichts muss bleiben, wie es ist, so lautet ihre Botschaft, und Autoritäten herrschen nur so lange, bis sie jemand infrage stellt.