Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne "Fischer im Recht" finden Sie hier – und auf seiner Website.

Neueste Nebenbemerkungen:

Erstens:

Ein schrecklicher Verdacht bewegt die Medien der Republik. Bürger sind traumatisiert und wälzen sich nachts stöhnend auf ihren Matten, weil sie es nicht fassen können. Sie wissen, liebe Leser, was ich meine: Es wurde die Behauptung aufgestellt, eine hier nicht genannte große deutsche Volkspartei sei in ihrem hauptamtlichen Kader durchsetzt von dissozialen, narzisstisch gestörten, sexistischen Gartenzwergen, die ihre Prosecco-Blasen und Verlautbarungen des puren Nichts hervorblubbern auf einer Basis von Verachtung, anthrazitfarbener Vortäuschung von Dauergeilheit und gestriegelter Selbstüberschätzung. Aus Sicht dieser Menschen, so heißt es, seien Frauen in der Politik Mäuse, Freunde und Konkurrenten Mäuseficker, Karrierenetzwerkerinnen histrionisches Patientinnengut und so weiter.

Wir sind erschüttert! Kein Onlinemedium der Republik bleibt tränen- und leitartikelfrei. Kann das wirklich sein? Und wenn ja: Warum haben wir das nicht kommen sehen? Jahrzehntelang dachten nun doch wirklich alle, so ein ordentlicher CDU-Bezirksvorsitzender oder ein SPD-getragener Staatssekretär, ein stellvertretender Vorsitzender eines Kreisverbands der CSU oder ein Mitglied des Bundesvorstands einer durchschnittlich in sieben Landesparlamenten vertretenen Partei sei praktisch immer ein tapferer Vorkämpfer des feministischen Fortschritts. Schließlich haben doch Generationen von Kandidaten, Arm in Arm mit verdienten Parteifreundinnen, geschworen, dass es eine Wissenschaft der Mäusekunde beim heiligen Franz Josef garantiert überhaupt nicht gibt, und wenn, dann höchstens gut gemeint.

Und so locker, wie wir inzwischen drauf sind, ist doch nun wirklich gar nichts dabei, wenn die Gerda Hasselfeldt einmal über einen Landesfinanzminister sagen würde, er habe zwar dicke Backen, aber kaum einen Arsch in der Kniebundhose, oder eine fesche Abgeordnete zu einem Herrn Staatssekretär, er rieche heute einmal wieder wie ein Ziegenbock auf Freiersfüßen! Völlig unschuldige kleine Scherze also unter Parteifreundinnen, ab morgens um sieben in Bayern 3. Derweil die tapfere Gattin daheim im Wahlkreis ins Kissen seufzt: Wenn er nur wenigstens vorsichtig ist!

Mit anderen Worten: In einer Welt, die von Business-Class-Flügen, Prostatabeschwerden, vier Kindern aus zwei gescheiterten Ehen, schmeichelhaften Burn-out-Diagnosen, konstantem Rauschmittel-Überkonsum, Vorzimmerdamen und wöchentlichen Alles-oder-Nichts-Dramen über Nonsens bestimmt ist, träumen sich Teile der Öffentlichkeit, angeleitet von charakterfreien Redaktionen, die sich ihrer Umgebung wie Chamäleons anschmiegen, in die Welt der Integrität und der Moral. Sie versuchen dann tatsächlich erschüttert auszusehen, wenn sich einmal mehr herausstellt, dass der Boden unter ihren Füßen aus ihrem eigenen gestampften Mist besteht.

Eine Auswahl der ZEIT-ONLINE-Kolumnen von Thomas Fischer finden Sie auch in seinem Buch "Im Recht. Einlassungen von Deutschlands bekanntestem Strafrichter". Es ist im März 2016 bei Droemer erschienen. © Droemer

Der Parteivorsitzende ein herablassender Möchtegernstaatsmann mit "Mäuschen"-Sehnsucht? Der Generalsekretär ein kleinkarierter Intrigant mit passwortgeschützter Liste empfehlenswerter Saunabetriebe? Der Abteilungsleiter oder Personalchef ein jovialer Freund extrem unterwürfiger junger Damen? Die Vorsitzende von Was-auch-immer eine bissige Stute mit gefälligen Anmerkungen über Hintern, Mimik und Make-up jeder Konkurrentin?

O je! Gab es ernsthafte Zweifel daran, dass dies die Wahrheit ist, bevor ein weiteres Mal ein Zwerglein "sein Schweigen brach", sein blaues Kleid mit Spermaspuren live vorzeigte, sein Tagebuch an Bild oder seine Handydateien auf YouTube verramschte? Das kann doch nicht wahr sein! Denn es ist doch nur die Wiederholung des Evidenten, Offensichtlichen.

Es gibt Lehrstuhlthrone in Deutschland, von denen herab ein mühsam ersatzhabilitierter Weiser zur vorlauten Habilitandin spricht: "Sie müssen sich bei allem, was Sie je erreicht haben, immer fragen, ob Sie es nicht nur bekommen haben, weil Sie eine Frau sind." Solche Väter kleiner wissenschaftlicher Mäusefamilien sind verlogene Frauenfreunde, wie man sie sich als Feind kaum ärger wünschen kann. Der Stich des Feminismus hat sich durch den Apfel der Unschuld hindurchgefressen und krabbelt auf der anderen Seite als eklige Made wieder hervor.

Ärgerlich? Nein: mehr als das. Aber nicht so, wie Ihnen eingeredet wird. Es handelt sich nämlich gar nicht um Stilfragen. Wäre es dies, so hätten ja die Schreihälse recht, die "die da oben" oder die jeweils "anderen" allesamt für unmoralisch halten und vorgeben, an nichts und niemanden mehr zu glauben als an ihre eigenen Hervorbringungen. In der Wirklichkeit aber sind sie selbst so moralisch wie ihre deutschen Hausschweine, wie die journalistischen Ballonaufbläser, die Intendanten und Vorstände mit gefügigem Vorzimmer, die Subalternen mit neidischem Blick auf die Assistentinnenmäuse des jeweils höheren Stockwerks und wie die Mäuschen jedes beliebigen Geschlechts.