Eine Kluft zieht sich quer durch Deutschland. Man kann sie mit einer Zahl beschreiben: zehn Jahre. So weit liegt das Durchschnittsalter der Bevölkerung zwischen Freiburg im Breisgau und Dessau-Roßlau in Sachsen-Anhalt auseinander. Es gibt noch eine zweite Zahl: fünf. Nur in fünf Städten von 402 kreisfreien Städten und Landkreisen ist das Durchschnittsalter seit 1995 (leicht) gesunken. Überall sonst steigt das Alter an.

Diese beiden Zahlen erzählen von Überalterung, wirtschaftlichem Niedergang und der Flucht der jungen Leute in die großen Städte. Und von einem  Trend, der sich schon seit Jahren überall zeigt: Deutschland wird ein Land der Alten.

Niedrige Geburtenzahlen und die steigende Lebenserwartung treiben das Durchschnittsalter der Deutschen immer weiter nach oben. Das geht aus aktuellen Bevölkerungsdaten der Statistischen Landesämter hervor, die die Initiative "7 Jahre länger" ausgewertet hat. Das älteste Bundesland ist Sachsen-Anhalt mit 47,4 Jahren, am jüngsten ist Hamburg mit 42,3 Jahren. Auf Kreisebene sind Dessau-Roßlau und das Altenburger Land am ältesten (49,8 Jahre), Freiburg ist am jugendlichsten (40,2 Jahre).


Wie sind die regionalen Unterschiede zu erklären?

Steffen Maretzke vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung sagt, das Durchschnittsalter in den Regionen hänge wesentlich mit der Strukturstärke einer Stadt oder eines Kreises zusammen, also davon, wie stark die Wirtschaft dort ist oder ob es Schulen und Hochschulen gibt. So seien strukturstarke Regionen gerade für junge Menschen attraktiv. Sie verließen ihre schwache, oft ländliche Heimat und zögen dorthin, wo sie sich eine bessere Zukunft erhofften. Diese Wanderungsbewegung bestimme stark, wie sich die Altersstruktur in einem Kreis entwickle.

Bevölkerungsentwicklung in den Landkreisen seit 1995

Jeder Punkt zeigt die Entwicklung eines Landkreises von 1995 bis 2015. Auf der vertikalen Achse sehen wir, um wie viele Jahre sich das Durchschnittsalter verändert hat, auf der horizontalen Achse, um wie viel Prozent die Bevölkerungszahl geschrumpft bzw. gewachsen ist.


Obwohl die Geburtenrate im ganzen Land niedrig ist, werde der Trend zu einer immer älteren Bevölkerung in strukturstarken Regionen durch diese Wanderungsbewegung gemildert, sagt Maretzke. In Städten und Kreisen, die von der Abwanderung betroffen sind, steige das Durchschnittsalter dagegen stark. "Diese Entwicklung ist schon seit über 20 Jahren zu beobachten."

Michael Mühlichen vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung bestätigt das. Vor allem in den neunziger Jahren seien sehr viele junge Menschen aus dem Osten nach Westdeutschland gezogen. Sie hatten dort bessere Berufsaussichten. So wurde die Bevölkerung Ostdeutschlands, die vor der Wende jünger war als im Westen, immer älter. Inzwischen hat das Durchschnittsalter im Osten jenes des Westens überholt. Besonders in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands sind die Menschen überdurchschnittlich alt.

Allerdings normalisiere sich der Alterungsprozess im Osten langsam, sagt Mühlichen. Die durchschnittliche Geburtenzahl sei dort heute sogar höher als im Westen. Einige städtische Regionen gewönnen neue junge Bürger hinzu. Schließlich steige die durchschnittliche Lebenserwartung nicht mehr so rapide an wie noch in den neunziger Jahren.

Doch diese positive Entwicklung spüren längst nicht alle Kreise im Osten. Vielmehr warnt Raumforscher Maretzke davor, dass die Alterung der Bevölkerung häufig mit einer generellen wirtschaftlichen Schrumpfung einhergehe. Erst stünden einzelne Wohnungen und Häuser leer, dann würden es immer mehr, bis irgendwann der Immobilienmarkt einbreche. Die Kaufkraft sinke, weil ältere Menschen gerade im Osten im Durchschnitt weniger Geld zur Verfügung hätten als junge. Einzelhandelsgeschäfte gingen pleite oder könnten nur noch sehr eingeschränkt bestimmte Produkte anbieten, Gaststätten müssten schließen und mittelständische Unternehmen fänden keine Auszubildenden mehr.

"Man kann hier wirklich von einem Teufelskreis sprechen", sagt Maretzke. Sei ein Ort einmal geschrumpft und seine Wirtschaft am Boden, sei es extrem schwierig bis unmöglich, diese Entwicklung wieder rückgängig zu machen. Denn um eine Region mit einer immer älter werdenden Bevölkerung für junge Leute wieder attraktiv zu machen, müsse viel Geld in die Hand genommen werden. Doch gerade in überalterten und strukturschwachen Regionen seien die Steuereinnahmen geringer als im Durchschnitt, die Infrastruktur kaum ausbaufähig. Die einzige Lösung sei die Zusammenarbeit einzelner Kommunen, sagt Maretzke. Lege man zum Beispiel Behörden zusammen, könnten die Gemeinden Kosten sparen und eventuell wieder etwas Aufschwung erzielen.

Wie Kommunen mit den Folgen der Alterung kämpfen, lässt sich gut am Beispiel Suhl beschreiben. In der thüringischen Stadt ist die Bevölkerung seit 1995 am stärksten gealtert – um 10,5 Jahre. Mit durchschnittlich 49,4 Jahren liegt die Stadt zugleich auf Platz drei der bundesweit ältesten Regionen. Holger Uske ist Sachgebietsleiter Kultur und Presse der Stadt. Er versucht, junge Leute wieder nach Suhl zu locken. Dazu hat die Stadt ein Entwicklungskonzept aufgelegt, mit dem sie die Ausbildungssituation verbessern will. Große Industriezweige seien in den vergangenen Jahren zwar aus Suhl verschwunden, sagt Uske. Doch es gebe viele mittelständische Unternehmen, die dafür sorgten, dass die Lage inzwischen stabil sei. "Die Gaststätten sind voll und der Handel boomt." Zugleich stellt sich die Stadt aber auf ihre altgewordenen Bürger ein. So würden immer mehr Pflegeplätze geschaffen, sagt Uske.

Das Gegenstück zu Suhl ist Frankfurt am Main. Hier ist das Durchschnittsalter seit 1995 um 0,7 auf 40,8 Jahre gesunken. Als Metropole des Rhein-Main-Gebiets liegt die Stadt in einer der deutschen Wachstumsregionen. Viele junge Leute kommen hierher, um zu studieren und weil Frankfurter Unternehmen viele Fachkräfte suchen, nicht nur aus dem Inland. In der Finanzmetropole könnte das ohnehin schon niedrige Durchschnittsalter bald sogar noch weiter sinken. Denn wenn durch den Brexit der wichtige Finanzstandort London schwächelt, könnte Frankfurt vom Zuzug vieler dynamischer junger Banker profitieren.

Langfristig lässt sich der deutsche Alterungsprozess jedoch wohl nicht aufhalten. Zwar kann Einwanderung die demografische Alterung abmildern, sagt Mühlichen. Sie kann den Prozess aber nicht aufhalten. Dafür seien unrealistisch hohe Zuwanderungszahlen notwendig. Die jüngste Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamts prognostiziert, dass das Durchschnittsalter in Deutschland bis 2060 auf 47,6 bis 50,6 Jahre steigen wird – abhängig davon, wie sich Zuwanderung und Geburtenrate weiterentwickeln. Zum Vergleich: 1990 waren die Menschen hierzulande noch durchschnittlich 39,3 Jahre alt, 1970 gar erst rund 36,2 Jahre.