Viertens: Kriminologie ist eine spannende Wissenschaft. Sie integriert Disziplinen der quantitativen empirischen Forschung und solche der qualitativen Analyse. Sie ist Sozialwissenschaft, Kulturwissenschaft, Strafrechts- und Politikwissenschaft, Pädagogik und Psychologie in einem, gebündelt zu solchen Fragen: Was ist Kriminalität? Wer definiert und bestimmt sie, und wie? Wie entsteht Kriminalität? Wie wird sie wahrgenommen? Welche Formen von Kriminalität gibt es? Wie werden sie erfasst, festgestellt, gemessen? Welche Möglichkeiten gibt es, abweichendes und kriminelles Verhalten zu erkennen, zu vermeiden, zu verhindern?

Dies sind nur einige Fragen auf der Makro-Ebene der Kriminologie. Zahllose noch interessantere Fragen gibt es auf den Mikro-Ebenen. Eine davon ist der Bereich "Ausländer- und Migrantenkriminalität". Es gibt dazu, sehr grob und sehr zurückhaltend geschätzt, hundert laufende Meter Fachliteratur aus vielen Ländern, hundert qualifizierte Untersuchungen in Deutschland, hundert Fachleute in deutschen Instituten, Fakultäten, Kommissionen und Ministerien. Nichts spricht dafür, dass der Chefredakteur des Cicero Erkenntnisse hätte, die besser, neuer, qualifizierter wären oder dass er die wissenschaftliche Erkenntnislage intellektuell zur Kenntnis genommen und verstanden hätte. Das gleiche gilt für den ähnlich daherredenden allgegenwärtigen Vorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt.

Fünftens: "Ein Mord wie jeder andere." Deutschland streitet, ob der – bislang unaufgeklärte – furchtbare Tod der Studentin in Freiburg "ein Mord wie jeder andere" gewesen ist oder nicht. Ich habe dazu diese Meinung: Wer immer sich in der vergangenen Woche an dem Begriff "ein Mord wie jeder andere" abgearbeitet hat auf den tatsächlichen oder imaginierten Bühnen der Kommunikation, sollte sich schämen und den Mund halten. Ich meine damit nicht einmal die oberflächlichste, sich aufdrängende Ebene, also den rechtstechnischen Begriff des "Mordes". Das nennt man im Strafrecht "Qualifikation"; Mord ist also eine besonders schwere Form der Tötung eines anderen Menschen. Sie setzt, um den Tatbestand zu erfüllen, bestimmte Merkmale objektiver (äußerer) und subjektiver (innerer) Art voraus. Niemand weiß bis heute, ob der Tod der jungen Frau in Freiburg eines dieser Merkmale erfüllt hat, also tatsächlich ein "Mord" war, oder ein "Totschlag", eine "Körperverletzung mit Todesfolge", oder eine "Vergewaltigung mit Todesfolge", oder am Ende gar ein nicht strafbares, tragisches Geschehen. Die Justiz wird das prüfen, untersuchen, entscheiden. Nichts gibt den Wichtigtuern aller Kanäle heute das Recht, über den "Mord von Freiburg" und seine "Konsequenzen" zu schwatzen.

Schlimmer noch ist aber etwas anderes: Im "Mord wie jeder andere", genauso aber im angeblichen Gegenteil, jenem Mord, der nicht "wie jeder andere" ist, also dem "berichtenswerten Mord", spiegelt sich eine Mentalität, deren Inhalt man sich einmal vergegenwärtigen sollte: Gnadenlos, abgebrüht, mitleidlos, zynisch. Wie viele "Morde wie jeder andere" kennen Sie denn, liebe Leser, liebe Chopiniterpretinnen, liebe Ingeborg-Bachmann-Verehrer und liebe Kriminologiesachverständige? Was ist für Sie ein "normaler" Mord? Wie viele malträtierte, aufgeschnittene, zerschlagene, entstellte Leichen haben Sie in Ihrem Leben schon gesehen, berührt, beweint? Was ist für Sie ein "gewöhnlicher", ein berichtenswerter, ein regionaler Mord?

Muss die Tagesschau berichten, wenn in Leipzig ein verfaulter Obdachloser mit zertrümmertem Schädel und "Tierfraß" im Gesicht auf der Müllkippe gefunden wird? Möchten Sie zur besten Sendezeit unterrichtet werden über die Spuren, welche die "mindestens zehn Stampftritte auf den Kopf des bewusstlosen Jugendlichen" hinterließen, die täglich vor deutschen Schwurgerichten verhandelt werden? Haben Sie einmal darüber nachgedacht, wie viele Brückenvenen in den Hirnen von Säuglingen und Kleinkindern jährlich durch heftiges "Schütteln" abreißen, ausgelöst von Müttern oder Vätern, überfordert oder gestresst, besoffen oder bloß wütend, und wie diese Mütter und Väter drauf waren am Abend des "tragischen Todes" ihres Kindes oder bei jener Tat, die das Kind als Schwerbehinderten zurückließ? Und vor allem: Wann haben Sie sich zum letzten Mal darüber beschwert, dass die Tagesschau Ihnen all diese Informationen vorenthielt?

Sechstens: Die Wahrheit ist ein hohes Gut. Leider ist sie zugleich Nebelwerk, Schatten, Versuch. Was Wahrheit ist, ergibt sich für den Menschen, sobald nicht der eigene Körper von ihr betroffen ist, stets und notwendig aus einem Akt der Verständigung mit anderen Lebewesen. Was die Wahrheit über Sie ist, sehr geehrte Leser und Leserinnen: Wissen Sie es? Könnten Sie es jetzt sagen oder aufschreiben: "Die ganze Wahrheit über mich"? Oder zumindest: "Die zehn wichtigsten wahren Sätze über mich"? Wenn nein: Warum nicht? Und wer sonst: Ihr Lebenspartner, Ihre Mutter, Ihr Hausarzt, Ihre Facebook-Freunde, Ihr Lehrer, Ihre Computer-Festplatte? Wie fühlt sich Ihre Wahrheit an, wenn Sie im Bett liegen, kurz vor dem Einschlafen, oder allein auf dem Bahnsteig, oder im Traum?

Haben Sie schon eine Straftat begangen? (Wahrscheinlichkeit: 100 Prozent) Wenn ja: Welche? Wie fühlte sich das an? Wie sind Sie damit umgegangen? Wurden Sie erwischt? Haben Sie sie offenbart? Wenn ja: Welches waren die Reaktionen darauf? Und wenn nein: Warum nicht?

Vor einigen Wochen lief der tausendste Tatort im 1. Programm. An wie viele in dieser Fernsehserie dargestellte Tötungsdelikte aus den letzten 30 Jahren erinnern Sie sich? Könnten Sie schildern, wie sich der/die jeweilige Täter/Täterin gefühlt hat? Ich ahne, dass manche von Ihnen diese Fragen merkwürdig finden. Sie sind es nicht, sie fragen nur ab, was nach der Behauptung einer überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung eigentlich selbstverständlich ist. Die Sprachlosigkeit, die sie bei Ihnen auslöst, ist nicht Ihre Schuld. Sie ist "normal", menschlich, überall. Sie sahen in den letzten drei Monaten bei ARD und ZDF Bilder von gequälten, verhungernden, um ihr nacktes Leben kämpfenden Kindern, und waren – vermutlich – entsetzt. Haben Sie sich bei den Sendern darüber beschwert, dass Sie über das weitere Schicksal der Betroffenen nicht informiert wurden? Wenn Nein: Warum nicht?

Siebtens: Wie viele Sexualdelikte werden in Deutschland begangen von a) Katholiken, b) Protestanten, c) Frauen, d) Personen mit Hochschulabschluss, e) Ärzten, f) partnerlosen Männern, g) Minijobbern? h) Bayern? Ich will doch hoffen, dass Sie das wissen. Denn es ist ein eingeborenes, und vor allem selbstverständliches und legitimes Grundbedürfnis der Deutschen, die Risikogruppen in der Gesellschaft präzise zu beschreiben, damit man weiß, was man zu denken und wie man sich zu verhalten hat. Vor allem auch, wie man das Risiko verringern kann.

Ich gehe also davon aus, dass Sie, liebe Leser, eine ungefähre Vorstellung davon haben, ob die Anzahl der Tötungsdelikte – selbstverständlich auf die absolute Zahl der jeweiligen Population bezogen – bei den in Deutschland aufhältigen Afghanen, den deutsch-stämmigen Sozialhilfeempfängern oder der männlichen Population zwischen 15 und 30 Jahren Lebensalter am höchsten ist.

Denn sonst würde ja die ganze Aufregung keinen Sinn machen: Man kann sich, wenn ein Vanille-Joghurt vergammelt ist, nur dann sinnvoll über die unerträgliche Schimmelquote von Vanille aufregen, wenn man weiß, annimmt oder vermutet, die Anzahl der vergammelten Erdbeerjoghurts sei geringer. Denn sonst müsste man von Vanille und Erdbeere abstrahieren und die Sache auf die nächsthöhere, also die Joghurt-Ebene heben. Wenn sich dort nun herausstellen würde, dass man gar nicht weiß, wie viele Kefir- und Dickmilchprodukte ebenfalls vergammelt sind, kann man zwar immer noch im nächstgelegenen Skandalsender einen bescheuerten Notstandsbericht mit dem Titel "Deutsche Joghurts vergiftet" platzieren, befindet sich damit aber definitiv auf der Intelligenzebene jener Zuschauer, für deren Verblödung man seit Jahren arbeitet.

Anders gesagt: Ich warte darauf, dass mir irgendjemand sagt, auf welcher Abstraktionsebene er seine Erkenntnisse über die Wahrheitspflicht zum "Freiburger Mord" ansiedelt. Und vor allem: Warum.