Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne Fischer im Recht finden Sie hier – und auf seiner Website.

Vorwort

Die Kolumne dieser Woche wurde, wie stets, am Sonntag geschrieben, einen Tag vor dem Anschlag von Berlin. Es wäre unangemessen gewesen, sie am Tag nach dem Anschlag zu veröffentlichen. Sie darf aber heute – unverändert – erscheinen. Vor allem Schrecken, aller Trauer und aller Ratlosigkeit gehen die Dinge und die Zeit, wie immer, weiter. Wir trauern um die Opfer, aber wir sollten vor den Tätern keinen Schritt zurückweichen und nichts preisgeben. TF

Nun zum Thema

Es ist wieder so weit. Weihnacht. Ein, wie Sie wissen, deutsches Fest, patentiert vom Stuttgarter Ingenieur Gotthilf Aaron Weihnacht im Jahr 1492 – oder war es 1789? Aus purer Verzweiflung übrigens, weil er am verkaufsoffenen Sonntag vergessen hatte, genügend Halal-Essen für zwölf Söhne und dreiundzwanzig Schwiegertöchter einzukaufen, und deshalb kurzfristig auf Wildschweinkeule mit Rosenkohl umsteigen musste. Er setzte winzig kleine LED-Lichtlein in eine winzig kleine Douglastanne, auf dass es etwas schummrig werde, und behauptete, bei der Speise auf den unterbelichteten Tellerchen handele es sich um Hammel mit Brei von Kichererbsen an Pulpo-Jus. So kam die Sache in Gang. Ein kleiner Schritt für den Propheten aus Nazareth, ein großer für Amazon, den Herrn der Welt.


Der deutsche Gesetzgeber reagiert, Sie wissen es, hochsensibel und blitzschnell auf unerträgliche Gesetzeslücken und dringende Verbotsnotwendigkeiten. Das kennen wir, das lieben wir, das brauchen wir. Berichtenswert ist dennoch, dass derzeit ein neuer Geschwindigkeitsrekord aufgestellt werden soll.

Am 19. Oktober 2016, vor gerade zwei Monaten, hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschieden, dass die Preisbindung für verschreibungspflichtige Arzneimittel insoweit nicht gelte, als davon auch Apotheken im europäischen Ausland betroffen sind, die nach Deutschland liefern. Das sind vor allem sogenannte "Versandapotheken", eine, wie die Deutsche Apotheker Zeitung (DAZ) recherchiert hat, ziemlich windige Branche. Das zeigen ja schon ihre unseriösen Namen: "Doc Holiday" oder "Is was, Doc" klingen ja nun wirklich nicht, als sei der Versand von kortisonhaltigem Nasenspray dort in guten Händen! Hinzu kommt der verdächtige Versandort in den Niederlanden, einem Land, dessen Volkswirtschaft vom Pommes- und Drogenhandel beherrscht wird.

Seit es diese Entscheidung gibt, rätseln der Privatpatient und das AOK-Opfer darüber, was ihnen lieber ist: Ein niedrigerer Preis mit chinesisch bedrucktem Beipackzettel, oder ein hoher Preis mit der menschlich zugewandten Beratung, der liebe Patient möge die in den letzten sieben Tagen vergessenen Medikamente bitte nicht nachträglich alle auf einmal einnehmen, und er möge die Lutschtabletten einzeln im Munde zergehen lassen, nicht aber eine Packung davon unters Hundefutter mischen oder im Spinat mitkochen?

Wir, die wir auf logobestückten Fußmatten – jenen vom gewerbesteuerzahlenden Apotheker an mildtätige Unternehmen der pharmazeutischen Industrie untervermieteten halben Quadratmetern – stehen, die Glück verheißenden Bilder an den Wänden anschauen, die an den Großhandel untervermietet sind, die wir vor den duftenden Regalen mit liebevoll angerührten Salben warten, schätzen das Erlebnis der lautstarken Beratung der vor uns stehenden Menschen, die sich mit Realschülerinnen über ihre linke Hüfte oder die Darm-Probleme nach Genuss von Rosenkohl austauschen. Gespannt verfolgen wir den Erfahrungsaustausch zwischen jungen Müttern über die abführende Wirkung von Dinkelgranulat, die weil aus dem sogenannten Buggy Schrei auf Schrei emporsteigt: Gib mir mehr!

By the way: Ein paar Vitamin-Gummibärchen gefällig (100 Gramm 3,99)? Ein Fläschchen Frauengold (750 ml 5,99)? Bitte beachten Sie unser Sonderangebot aromatisierter Vaseline für 19 Euro pro 20 Gramm im Schmuckschuber! Das ist letztlich eine Schicksals-, also Geschmacksfrage.

Einerseits haben Rentner, Patienten, Autofahrer und Steuerzahler, also diejenigen, die täglich zu Milliarden in die Apotheken strömen, um sich mit den allernötigsten Schmerzmitteln zu versorgen, ein Menschenrecht auf die alsbald aus der Regalkulisse herbeistürzende pharmazeutische Assistentin (oder zumindest eine Apotheken-"Helferin" im stets blütenweißen Kittel und mit kryptografischer Spezialausbildung), die sich über das Rezept des schreibunfähigen Doktors beugt und binnen Sekunden aus dem digitalen Himmel oder dem analogen Schrank genau jenes Heilmittel hervorzaubert, das die pharmazeutische Forschung exakt für den Spezialfall ihres persönlichen Leidens entwickelt hat.

Andererseits haben die Genannten ein Menschenrecht auf Schweinehackfleisch für 4,99 das Kilo, auf drei Millionen Tonnen fettarmes Hähnchenbrustfilet von glücklich verstorbenen Hähnen (aktive Sterbehilfe ist hier ausnahmsweise erlaubt) und auf kostenfreie, also auf die anderen umgelegte Vollversorgung mit 100.000 verschiedenen Medikamenten, von denen 90.000 überflüssig, weil wirkungslos sind. Aus lauter Freude über diese Zivilisationsleistung ist der Deutsche bereit, für schmerzbetäubende Drogen nicht nur einen um den Faktor 100 über dem Herstellungspreis liegenden, sondern sogar einen viermal höheren Preis als in Portugal zu bezahlen.

Denn der Schmerz ist ja des Deutschen liebstes Leiden an der Welt: Tonnen von Paracetamol, Ibuprofen und Acetylsalicylsäure – von den "Plus"- und Sprudel-Varianten sowie den Mischungen mit Amphetamin-Derivaten ganz zu schweigen – spült er täglich mit direktgepresstem Sauerkrautsaft hinunter, um die Auswirkungen all der Sorgen und Ängste im Griff zu halten, die ihn quälen: Kopfweh, Rückenweh, Zahnweh, Knieweh, Bauchweh, Herzweh, Bauchspeicheldrüsenweh, schon wieder Rückenweh, Ohrenweh, Nebenhöhlenweh, Gehirnweh.

Ach Gott, das ist der Stress! Das ist die neue Zeit, was will man machen! Büroangestellte mit sechs Wochen Regelurlaub leiden durchschnittlich an dreißig weiteren Tagen im Jahr an lendenwirbelsäulenbedingter Sitzunfähigkeit; Polizisten fallen reihenweise in Vernehmungsunfähigkeitstraumata, wenn sie bei einer Festnahme zufällig mal ein bisschen robuster zupacken mussten. Der Pro-Kopf-Verbrauch von zehn Litern reinen Alkohols pro Jahr (83 Liter Wein oder 25 Liter Wodka) für alle Deutschen vom Säugling bis zum Pflegefall trägt zur nationalen Kopfschmerzlage das Seine bei.