Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne Fischer im Recht finden Sie hier – und auf seiner Website.

Der Kolumnist begrüßt Sie, Leser und Leserinnen, Bürgerinnen und Brüder, Nebenklägervertreter und Antragstellerinnen, jenseits der magischen Schwelle der Silvesternacht, im neuen Jahr 2017. Wir wollen es, jedenfalls hier, unter das Motto des Zaubergesetzes stellen.

"In wirklich allem wurden wir Bayern in unseren Befürchtungen bestätigt (…) Unsere Justiz ist massiv Schuld daran, dass sich in diesem Land jeder dieser neuen Mitbürger, egal ob Flüchtling oder schon länger hier, vor Gericht nicht das geringste befürchten muss. Von daher hat es keinen Sinn mehr, mit Personen, wie Ihnen zu diskutieren (…) Es ist nur noch eine Schande, was mit diesem Land geschieht… Mit bedauerlichen Grüßen. Herr XY."

Das ist ein Auszug aus der Nachricht eines bayerischen Bürgers, welche den Kolumnisten in der vergangenen Woche erreichte, sie zählt zu den eher höflichen. Immerhin hat sein Unterbewusstes die "bedauerlichen Grüße" hingeschrieben, und da hat er wirklich recht, auch wenn er bei dieser Grußformel nicht erahnt haben mag, was ihm im Deutschunterricht entgangen ist.

Und warum Neues Jahr? Ist Ihnen klar, dass dies nichts als eine Behauptung ist, die von mindestens 60 Prozent der menschenartigen Bewohner des Planeten nicht geteilt wird? Ich spreche hier nicht vom Primaten an sich, sondern vom unchristlichen Morgenland von Ankara bis Hawaii. Die meisten der dort lebenden Zweibeiner werden Ihnen glaubhaft versichern, dass keineswegs vorgestern irgendetwas angefangen habe, was nicht vorvorgestern schon da war und gestern weiterging. Auch mit solchen Erkenntnissen ist der Kosmos des Strafrechts eröffnet.

Es ist ziemlich sicher, dass die Mehrheit der Weltbevölkerung dafür ist, sowohl andere Propheten als auch ein anderes Strafrecht zu haben, zu vollstrecken oder mindestens zu wünschen. Selbst wenn wir von der Gesamtsumme 1.000 Millionen Hindus, 1.600 Millionen Muslime, 500 Millionen Buddhisten, 1.500 Millionen Chinesen und 500 Millionen Heidenkinder abziehen, uns also auf die der abendländischen Kultur anhängenden Regionen der Welt beschränken, und überdies bedenken, dass Religion ja nun wirklich nur eines von mehreren Unterscheidungsmerkmalen zwischen den Kulturen ist, ändert sich daran wenig. Denn dass man, sagen wir, die Kultur der Londoner City und die der Dresdner Frauenkirche, die eines portugiesischen Fischers und die eines Zwickauer Türstehers so ohne weiteres in dieselbe Helene-Fischer-Show integrieren könnte, scheint mir wenig wahrscheinlich. Und da ist die abendländische Kultur des Trump Towers und des Northern Territory noch nicht einmal mitgerechnet. 

All diese Teilmengen haben nun nicht nur einen eigenen Kalender, sondern nicht selten auch eine eigene Vorstellung davon, was man kollektiv schützen und was man unbedingt bestrafen sollte. Manche finden das Anbaggern von potenziellen Sexualpartnern empörend, manche das Anbaggern von potenziellen Kreditkunden. Es gibt Menschen, die es strafwürdig finden, Kühe zu kochen; andere meinen, die Beleidigung des Königs sei mindestens todeswürdig; wieder andere sind wissenschaftlich fest überzeugt davon, dass nur der strafrechtliche Schutz des matriarchalen Erbgangs der modernen Welt eine Zukunft bietet.

So hat ein jeder seine Kunst, und dem Jägersmann vom Rütli ist es einerlei, ob des Landvogts Heerscharen hundert mal hunderttausend Köpfe zählen, wenn diese Sojasprossen oder geschabtes Hammelfleisch fressen und nicht Emmentaler auf handgerollten Dinkeltalern. Das ist natürlich nur eine durchsichtige Metapher, sodass Sie für den Käse einfach das Quarkkeulchen einsetzen können.