Das Sächsische an diesen Welterklärungen ist natürlich, wie es meine Art ist, auch wieder nur vorgetäuscht. Oder sagen wir: probehalber. Wir können auch gern den Oberhessen nehmen oder den niedersächsischen Schweinemäster oder den Weißbiertrinker aus der Hacker-Pschorr-Kulisse.   

Die Bundeskanzlerin hat gesagt: "Und – ja",  es sei "besonders bitter und widerwärtig", wenn Terroranschläge von Menschen verübt würden, die in Deutschland angeblich Schutz suchten. Stimmt das? Ist es "besonders widerwärtig", wenn Banken von Menschen überfallen werden, die bei ihnen angeblich Sparkonten anlegen wollten? Oder Tankstellen von Personen, die sich angeblich mit Schnaps und Zigaretten versorgen wollten? Oder wenn Kinder von Menschen misshandelt werden, die sie angeblich beschützen oder erziehen wollten? Genauer gesagt: Ist das jeweilige Gegenteil weniger "bitter und widerwärtig"? Hätte sie diese Anwanzung an das Lechzen des rechten Rands nach einem Zipfelchen von "Flüchtlings"-Verdächtigung nicht einfach weglassen können?

Konzepte

Ja, wer da ein Konzept hätte! Bürger wie der eingangs zitierte Held aus Bayern behaupten, eines zu haben. Es ist ungefähr so überzeugend wie der Plan, alle Schwalben zu vergiften, damit sich die Insekten vermehren und so mittels verstärkter Bestäubung von Piemont-Kirschen und Mais der Hunger in der Welt besiegt werde.

Ein anderes, näherliegendes  Konzept ist die Vollausstattung des öffentlichen Raums mit sogenannter "Videotechnik". Bekanntlich ist ja in England die Kriminalität dank ihrer Daueraufzeichnung auf Video zusammengebrochen. Den falschen Attentäter von Berlin hatte man nicht gefilmt, wohl aber einen Gewaltakt im U-Bahnhof, daher war die Sache klar. Manche sagen: Videotechnik verhindert keine Straftat, sondern hilft nur bei der Aufklärung. Ein merkwürdiges Argument. Diese Eigenschaft hat die Technik nämlich mit vielen anderen Dingen gemein: dem Fingerabdruck, der Ausweispflicht, dem Meldewesen, dem Autokennzeichen usw. Sehr viele von denen, die das "Verhindert-nichts"-Argument in den Raum werfen, haben selber ihre Türsprechanlagen, Tiefgaragen, Hauseingänge, Boutiquen, Tankstellen und Naturkostläden mit hochauflösender Kameratechnik bestückt. Sie wollen damit sicher nicht erleichtern, dass ihre Mörder und Räuber später schneller gefunden werden, sondern dass solche Taten gar nicht erst begangen werden. Denn der potenzielle Täter denkt sich: Hier werd wird ich gefilmt, hier zieh ich weiter. Anders ist es bei "demonstrativen" Taten, sagen wieder andere. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Die Demonstrativität eines Bombenanschlags ergibt sich nicht aus einem Polizei-Video, sondern aus Ort, Zeit oder Ziel des Anschlags. Außerdem filmen ohnehin zwanzig Augenzeugen mit Handy.

Worauf ich hinaus will: Es scheint mir sinnlos, solchen Konzepten mit reflexartigem Bestreiten entgegenzutreten. Das Überwachungskonzept ist in sich schlüssig und hat eine erhebliche Plausibilität. Das gilt für die analoge wie für die digitale Welt. Es muss also darum gehen, diese Plausibilität ernst zu nehmen und in ihrer Dimension zu erkennen, zu verdeutlichen und abzuwägen. Man kann nicht an der Elbchaussee oder im Grunewald wohnen und den Menschen in Neukölln, St. Georg oder am Kölnberg milde mitteilen, Videoüberwachung sei nicht vonnöten. Man muss die Probleme konkretisieren und mit den Menschen besprechen: Was bedeutet die digitale Erfassung von Lebensräumen? Was heißt es, wenn weite Teile des öffentlichen Raums mit Kameras, Gesichtserkennungssoftware, Mikrofonen ausgestattet werden? Welche Garantien gibt es, dass die Risiken solcher Maßnahmen die Vorteile nicht überwiegen?

Nichts anderes gilt letztlich für das Konzept "mehr Polizei". Es ist offenkundig, dass die heute von der Polizei erwarteten Aufgaben mit dem derzeitigen Personal nicht bewältigt werden können, ohne auf Kosten der Bediensteten und der Sicherheit zu gehen. Aber es muss über das Sicherheitskonzept dieser Polizei diskutiert werden, die ja für die Bürger da sein soll und nicht gegen sie. Es reicht nicht  aus, bloß mehr Leute, mehr Härte, mehr Ausrüstung zu fordern. Das betrifft auch das nicht unproblematische Verhältnis von Polizei und Justiz, das inzwischen in bedenklichem Maße von Missverständnis und Unverständnis geprägt zu sein scheint.

Eines scheint mir sicher: dass die erstaunliche Untergangsstimmung, die sich in endlosen Kreiseln entfaltet und die Bundesrepublik darstellt, als sei sie vom nahenden Tode gezeichnet, vollkommen daneben ist. Zaubergesetze werden wir auch 2017 nicht erleben, allerhand Verbote ins Bundesgesetzblatt zu schreiben und am nächsten Tag die nächsten anzukündigen, löst auf Dauer keine Probleme und vermeidet auch keine Furcht – weder noch irrationale und rationale.