Sie blickt sich im Café um, keine Überwachungskameras, dann legt sie ihre schwarze Walther P99 auf den Tisch. Handlich, mit einem schön geschwungenen Griffstück, findet Carolin Matthie, 24, Informatik- und Physikstudentin. Die Waffe sieht echt aus, aber es ist nur eine Schreckschusspistole. Matthie zieht das Magazin raus, vier grün markierte Knallpatronen, zwei gelbe Reizgas-, zwei rote Pfefferpatronen, für den Notfall. Und der kann jederzeit eintreten, davon ist sie überzeugt.

Matthie führt die Waffe oft am Gürtel mit. Keine halbe Sekunde, dann ist sie aus der Halterung. Sie sagt, in Berlin fühle sie sich so sicherer. Sie darf eine Schreckschusswaffe tragen, weil sie einen Kleinen Waffenschein hat. Im vergangenen Jahr haben 470.000 Deutsche einen erteilt bekommen – 184.000 mehr als im Jahr davor. "Lieber haben und nicht brauchen, als brauchen und nicht haben", sagt Matthie und lacht.

Carolin Matthie, groß, lange braune Haare, wirkt nicht wie eine ängstliche Person. Sie lacht oft. Vor vier Jahren zog sie aus einem Dorf nahe Weimar nach Berlin: Partys, Ausgehmeilen, kreuz und quer durch die Stadt konnte man laufen. Kleinkriminelle gab es damals auch, ja, am Kottbusser Tor, beim Döner am Schlesi. Aber es habe sich was verändert in Deutschland, das fühlt sie.

Am Bundesplatz klebe eine neue Warnung: Achtung Taschendiebe. Vor einigen Monaten war die noch nicht da. Aber was früher reiner Diebstahl war, sei heute meist ein Raubüberfall. "Der Oma wird nicht mehr nur die Handtasche geklaut, nein, ihr wird auch eins über den Schädel gezogen", sagt Matthie. Die Welt-ist-schön-und-gut-Brille habe sie heute nicht mehr auf.

Pfefferspray? Nee, das dauert zu lang

Es gibt da ein Schlüsselerlebnis: Eine Arbeitskollegin, Mitte 50, sei abends in der vollen U-Bahn belästigt worden. Ein Mann wollte sie betatschen, er habe nicht abgelassen. Sie habe um Hilfe gebeten, aber geholfen habe niemand. Beim nächsten Halt sei die Kollegin rausgerannt. Sie bleibt abends jetzt öfter zu Hause. "Die Vermeidungsstrategie", sagt Matthie. Sie will das nicht. Sie will sich nicht einschränken lassen.

Deswegen der Kleine Waffenschein, deswegen die Schreckschusspistole. Im Notfall könne sie Angreifer überraschen. Schießen, weglaufen. Nicht zögern. Pfefferspray, nee. Das müsse man richtig halten, das dauert. Auf den Überraschungsmoment kommt es an. Wenn ihr trotzdem wer nachläuft, feuert sie die Pfefferpatronen raus. Nahkampf, sagt sie, gilt es immer vermeiden, ob mit Betrunkenen in der U-Bahn oder auf dem nächtlichen Nachhauseweg ins Studentendorf nach Adlershof, Berlin, Industriepark, lange dunkle Straßen, keine Tram nach elf Uhr abends.

Matthie erzählt das ruhig, sie hat es schon oft mit Freundinnen besprochen, sogar auf YouTube erklärt, wie man sich wehren kann. Bisher ist ihr nichts geschehen. Doch wenn etwas geschieht, ist sie ausgerüstet. Jeder Streifenwagen brauche mindestens fünf Minuten, zu ihr nach Adlershof länger. "Wenn ich mich auf andere verlassen muss, bin ich im Zweifel verlassen", sagt sie, und es klingt, als hätte sie den Satz schon oft gesagt. In fünf Minuten ist alles vorbei. Fünf Minuten, das ist eine Ewigkeit.

Aber sich durch Bedrohungen einschränken lassen? Nicht alleine ausgehen? Matthie sagt: "Ich sehe das pragmatisch." Der Pragmatismus kostete sie 189 Euro in einem Waffenladen in Berlin-Wedding, die letzte Walther, ein Ausstellungsstück.