Es ist Ende Januar 2015, in Deutschland wird gerade über die Konsequenzen aus dem Attentat auf die Redaktion des französischen Sartiremagazins Charlie Hebdo diskutiert, als der Bremer Harry S. bei Instagram das verpixeltes Bild eines Korans in seinen Händen postet. "Die Zeit im Gefängnis hat mich als Muslim näher an meinen Schöpfer gebracht", schreibt er über seine Zeit in der JVA Bremen. Und: "Getötet zu werden, ist Märtyrertum und im Exil zu sein, eine spirituelle Reise." Drei Monate später reist der Salafist nach Syrien zum "Islamischen Staat", lässt sich an Waffen ausbilden und trägt in einem Propagandavideo die IS-Flagge. Vergangenes Jahr wurde S. in Deutschland deswegen zu drei Jahren Haft verurteilt.

Wenn islamistische Terroristen in Europa etwas gemeinsam haben, dann oft ihre Kleinkriminellen-Karriere. Wissenschaftler vom King's College in London haben die Biografien von 79 Dschihadisten aus Belgien, Großbritannien, Dänemark, Frankreich, Deutschland und den Niederlanden untersucht. Mehr als die Hälfte der Extremisten waren vor ihrer Radikalisierung bereits in Haft. Mindestens ein Drittel radikalisierte sich im Gefängnis.

Auch der Attentäter von Berlin, Anis Amri, hat sich in der Haft in Italien radikalisiert. Seit dem von ihm verübten Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt wird viel über härtere Sicherheits- und Asylgesetze diskutiert: Videoüberwachung, Fußfesseln für Gefährder, Abschiebehaft. Eine Debatte über Prävention und Deradikalisierung gibt es dagegen nicht.

"Alle reden von der inneren Sicherheit, aber denken, mit der Festnahme ist alles getan", sagt René Müller, Bundesvorsitzender des Bundes der Strafvollzugsbediensteten."Mit der Stärke des derzeitigen Personals ist es unmöglich, Resozialisierung oder Deradikalisierung zu ermöglichen." 2.000 Justizbeamte würden in Deutschland fehlen, außerdem Weiterbildung für das Gefängnispersonal. "Die Kollegen müssen radikale Tendenzen wahrnehmen können", sagt Müller. Oft seien es die kleinen Sachen: Mitgefangene würden angesprochen, Gespräche Richtung Glauben gelenkt. Aber was davon Religionsausübung sei und was Radikalisierung – "das festzustellen ist nicht immer einfach."

Bundesländer errichten Kompetenzzentren

Deutsche Gefängnisse und vor allem die Regierungen der Bundesländer mühen sich mit höchst unterschiedlichen Ansätzen, islamistische Radikalisierung in ihren Anstalten zu verhindern. Oder wie René Müller sagt: "Jeder wurschtelt für sich." Einer Umfrage der Rheinischen Post im Dezember 2016 zufolge sitzen bundesweit mehr als 150 verurteilte Islamisten in Haft, knapp 30 Prozent mehr als noch im vergangenen Jahr, Tendenz steigend. Die meisten davon sitzen in Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen ein.

Die verurteilten Extremisten sollen im Gefängnis nicht noch andere Häftlinge rekrutieren. Die zweite Zielgruppe: Nicht-extremistische Kleinkriminelle oder Gewalttäter sollen davon abgehalten werden, bei ihrer Suche nach Anschluss und Perspektiven einer gefährlichen Ideologie zu verfallen. Diese Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen: Salafisten haben in der Vergangenheit bereits versucht, Unterstützung für muslimische Gefangene anzubieten. Anfang 2015 verbot das Bundesinnenministerium den Verein hinter Ansarul Aseer, einer Website für Gefangenenhilfe.

Bei der Präventionsarbeit nennt sich Hessen selbst gerne Vorreiter. Mitte 2014 startete dort ein Präventionsnetzwerk gegen Salafismus – nicht zuletzt, weil im Rhein-Main-Gebiet viele Salafisten aktiv sind. Seit vergangenem Jahr koordiniert das Netzwerk Deradikalisierung im Strafvollzug alle Bemühungen, die sich mit Radikalisierung im Gefängnis befassen. Seit Ende des vergangenen Jahres setzt Hessen außerdem sogenannte Strukturbeobachter in den Haftanstalten ein. "Sie sammeln den ganzen Tag Informationen über radikale Tendenzen, auffälliges Verhalten oder verdächtige Gegenstände", sagt ein Sprecher des hessischen Justizministeriums. Die Hinweise werden dann zentral ausgewertet.

Auch in Bayern, wo mit die meisten Islamisten in Straf- oder Untersuchungshaft sitzen, existieren in allen Gefängnissen Präventionsprogramme gegen islamistische Radikalisierung, außerdem gibt es eine zentrale Koordinierungsstelle. Nordrhein-Westfalen baut zurzeit ein Kompetenzzentrum Justiz und Islam auf und hat noch weiterreichende Pläne: "Mithilfe von Fingerabdruckscannern sollen künftig biometrische Daten in den Justizvollzugsanstalten erfasst und zum Abgleich an dritte Stellen übermitteln werden können", teilte ein Sprecher des Justizministeriums mit. Die Daten sollen mit Polizeibehörden, Landeskriminalamt und Verfassungsschutz ausgetauscht werden können. So ließe sich feststellen, ob einer der Insassen bereits in einem anderen Bundesland oder im Ausland im islamistischen Umfeld auffällig geworden sei oder mehrere Identitäten besitze.