Wohl wahr! Mein Gott, was haben wir alles gelernt aus den schrecklichen Fehlern der Bild-Zeitung in der Vergangenheit! Aber man muss nicht gleich derart weit über das Ziel hinausschießen und das Wort "Verdächtiger" auch gleich noch in Anführungszeichen schreiben. Außerdem: Bei Kachelmann war ja eh alles irgendwie anders und deshalb auch nicht so schlimm:

"Die Lage (war) beim Vergewaltigungs-Vorwurf gegen den Wettermoderator auch rechtlich eine andere: Es gab eine Festnahme, kurz danach eine Anklage, später einen Prozess. Nichts davon ist bei Diekmann bislang der Fall," schreibt Meedia. Als ob die Presse mit der Kachelmann-Vernichtung bis zum Prozess gewartet hätte! Und der frühere Abgeordnete Edathy war schon kaputtgeschrieben, bevor überhaupt klar war, ob irgendeine Straftat vorlag. So dreht man sich die Dinge, wie man sie braucht. Jörg Kachelmann hat derweilen der taz ein bemerkenswertes Interview zum Verdacht gegen Diekmann gegeben.

Fakten, Fakten, Fakten!, rief einst ein Chefredakteur. Mit solchen Kleinigkeiten hat sich Kai D. bislang eher weniger abgegeben. Was stimmt denn nun? Wir wissen es nicht, und wir wissen auch nicht, ob es überhaupt jemand weiß. Jetzt ermittelt der Staatsanwalt! In der postfaktischen Zeit – deren Siegeszug ohne Kai D. nicht vorstellbar wäre – fahren Aufzüge mal rauf, mal runter, oft aber auch seitwärts, rückwärts oder diagonal. Und zwar gleichzeitig. Manchmal auch kopfüber.

2. Betrugsverdacht

Im Bundesland Niedersachsen haben, so wird berichtet, Asylbewerber unter verschiedenen Identitäten durch Täuschung mehrfach Leistungen aus Sozialkassen (etwa nach dem Asylbewerberleistungsgesetz) bezogen. Ein solches Tun wäre nicht nur unzulässig, sondern strafbar: als sogenannter Betrug.

Sie haben in den letzten Tagen gewiss vernommen, dass es sich um "Sozialbetrug" handle. Das stimmt zwar, ist aber irreführend insofern, als "Sozialbetrug" kein Straftatbestand ist, sondern nur eine kriminologische Bezeichnung einer bestimmten Fallgruppe von gewöhnlichem Betrug (Paragraf 263 StGB). Fallgruppen gibt es viele: zum Beispiel Kreditbetrug, Warenkreditbetrug, Einmietbetrug, Stoßbetrug, Anlagebetrug, Bestellbetrug, Zechbetrug, Trickbetrug, Gewinnbetrug, Telefonbetrug, Versicherungsbetrug, und so weiter. Manche Betrugsarten sind auch in anderen Gesetzen unter Strafe gestellt, zum Beispiel der Steuerbetrug. Anders gesagt: Der Betrüger sitzt im Bürger und in der Bürgerin wie der Feuerteufel in der Peperoni. Er ist einfach ein Teil von ihr.

Jetzt kommt der Hammer: Die Schadenssumme in Niedersachsen soll sich auf unvorstellbare 3 Millionen Euro aufgetürmt haben. Allein in Niedersachen, der Heimat mehrerer Bundesminister, des Schweinehackfleischs und der gegrillten Hähnchenbrust. Drei Millionen Euro! Das ist mehr als acht Straßenlaternen in Wernigerode an jährlich 200 Sonnentagen in 100 Jahren an Ökostrom verbrauchen! Das ist der Gegenwert einer Zweizimmerwohnung in der Elbphilharmonie! Das ist sogar etwas mehr als ein Monatsgehalt von Cristiano Ronaldo oder eines Volkswagen-CEOs, die doch immerhin für Freistöße und Weltstrategien zuständig sind. Deutschland ist fassungslos: Diese Ausländer schrecken vor nichts zurück!

Nach ersten Meldungen handelt es sich vorerst nur um die Spitze einer Magma-Kammer, aus der noch manch glühender Schub sich ergießen könnte über die Hänge der Gleichheit und die Hügel der Gerechtigkeit. So sollen, nach unbestätigten Meldungen, im Jahr 2016 etwa 400.000 deutsche Sozialhilfeempfänger Verstöße gegen Melde-, Anzeige- und Erklärungspflichten begangen und deshalb unberechtigt zu viel kassiert haben. 900.000 Arbeitslose sollen Stellenangebote vergeigt haben, die sie ohne Weiteres hätten annehmen können, auf die sie aber irgendwie keinen Bock hatten. 6 Millionen deutsche Arbeitnehmer sollen sich mittels vorgetäuschten Nasenlaufens oder röchelnder Telefonanrufe bei der zuständigen Personalabteilung mindestens drei Tage im Jahr ihrer Arbeitspflicht entzogen haben. Das sind 18 Millionen mal 7 Stunden mal Mindestlohn, also 1.200 Millionen Euro, und dabei sind Doppelidentitäten noch nicht mitgezählt.

3. Migrationsverdacht

Am 6. Januar veranstaltete eine Partei namens "FDP" ein sogenanntes "Neujahrstreffen", versuchte also wieder einmal, das legendäre "Besäufnis von Kreuth" – neuerdings Seeon – einer anderen großen Partei zu imitieren. Jedenfalls standen, wenn ich meinem Fernseher glauben darf, circa acht Vorstandsmitglieder der oben genannten Partei da, lachten so herzlich, dass die Bäckchen bebten, und freuten sich über die drei Heiligen König_innen des Rechtsstaats, die da heißen Baum, Hirsch und Leutheuser-Schnarrenberger. Anwesend waren aber bloß die Herren Lindner und Kubicki, und noch jemand, also die junge wilde Garde nach Philipp Rösler.

Dann wurden drei Personen mit gewöhnungsbedürftigem Äußeren vorgeführt. Sie grinsten albern, sangen seltsame Lieder und gaben sich als "Weise aus dem Morgenland" aus. Direkt neben dem Kanzlerkandidaten hatte sich ein Mensch aufgestellt, der dem Augenschein nach aus der Gegend von Reutlingen stammte, aber den Negerkönig spielen musste und sich zu diesem Zweck das Gesicht mit schwarzer Schuhcreme beschmiert hatte. Neben ihm standen ein Bürger der Demokratischen Republik Kongo sowie eine Kugelstoßerin aus Kirgisistan, deren Gesichter wiederum mittels einer Paste aus Mehl und Ziegenfrischkäse weiß geschminkt waren.