Rechtes vom Rittergut

"Das wichtigste sich aufzubauen, ist die Freundschaft übern Gartenzaun." In weißer Schrift auf ein schwarzes Schieferstück gepinselt hängt der Satz an einer Hauswand. Das Haus steht an der Hauptstraße von Schnellroda. Wenige Meter weiter verliert sich die von schmalen Birken gesäumte Kreisstraße an diesem grauen Freitag im Februar schon wieder zwischen weiten Äckern und Windrädern im flachen Land Sachsen-Anhalts. Das 200-Seelen-Dorf ist das, was man abgelegen nennt. Und doch ist es ein Zentrum. Denn hier leben Götz Kubitschek und Ellen Kositza. 

Kubitschek und Kositza gelten als die zentralen Köpfe der neurechten Szene in Deutschland. Das Ehepaar hat in Schnellroda vor rund 15 Jahren ein Haus gekauft, sie nennen es Rittergut. Von dort aus vertreibt Kubitscheks Verlag Antaios Bücher rechtsgerichteter Autoren, dort erscheint ihre Zeitschrift Sezession. Auch das sogenannte Institut für Staatspolitik hat hier seinen Sitz, regelmäßig lädt es zu "Akademien" in die Provinz ein.

Aus dem Namen Schnellroda ist über die Jahre eine Art Marke geworden, ein Puzzleteil in Erklärungen für den Rechtsruck in Deutschland. Von der "Ideologie-Tankstelle" des nationalkonservativen AfD-Flügels ist dann die Rede, vom "Kraftzentrum" der Neuen Rechten, von Kubitschek als "Vordenker" einer Strömung, die sich vom Nationalsozialismus abgrenzt, aber über die Denker der Konservativen Revolution wieder an völkisches Denken anschließe. "Rassismus kommt aus Schnellroda", so steht es auf einem Schild, das jemand nachmittags während einer Demonstration durch den Ort tragen wird.

Wie lebt es sich in Schnellroda?

Wie es sich in Schnellroda lebt, werden meistens Kubitschek und Kositza gefragt. Das Landleben ist auch in ihren Texten immer wieder Thema. Und wenn jemand vom Fernsehen vorbeikommt, melkt Kubitschek in Gummistiefeln schon einmal seine Ziegen vor der Kamera. Inszenierung ist wichtig für die Neue Rechte, die ja nicht zuletzt ein neues Lebensgefühl schaffen will, oder genauer: ein altes wiederbeleben. 

Doch was heißt es für die Einwohner Schnellrodas, wenn das eigene Dorf plötzlich zum von der Neuen Rechten verehrten und verklärten Treffpunkt wird? Was macht das mit der "Freundschaft übern Gartenzaun"?

Schnellroda ist ein Dorf ohne Laden, aber mit Traditionsverein, Pfingstburschen und Erntedankfest. Ein Ort, von dem nicht einmal das statistische Landesamt genau sagen kann, wie viele Menschen dort wohnen. In Urkunden soll das Dorf schon 1142 erwähnt worden sein, zu DDR-Zeiten bewirtschaftete eine LPG die Felder. Heute zieht sich die Hauptstraße 700 Meter an der Kirche, einem backsteinernen Wasserturm außer Betrieb, dem Friedhof und einem Fußballplatz vorbei. Die Modernisierung der Kanalisation hat vor einigen Jahren die Europäische Kommission bezuschusst und auch ein Schild aufgehängt, auf dem das steht. In Vorgärten von Einfamilienhäusern stehen Vogelhäuschen, manche Fassade ist grau verwittert, Mauern sind mit gelber Flechte bewachsen. Hinter einem Holztor bellt ein Hund, jemand hält ein paar Schafe mit dicken Wollelocken im Garten, woanders picken Hühner auf einer Wiese herum, zwei Katzen schleichen durch eine Seitenstraße. Die mobile Internetverbindung ist meist stabil.

Mitten im Ort steht ein gelb gestrichenes längliches Haus. "Zum Schäfchen" steht auf dem Schild der einzigen Kneipe. Heiko Zinke, Bartstoppeln, Mütze mit Krempe, steht davor und trinkt Glühwein aus einem braunen Plastikbecher. Ringsum haben sich noch einige weitere Männer an weißen Stehtischen versammelt. Es gibt heiße Würstchen mit Senf und Kartoffelsalat, die aus dem Fenster des "Schäfchen" gereicht werden. Drinnen ist an diesem Tag geschlossene Gesellschaft: Das Institut hat zur "Winterakademie" geladen, rund 120 Teilnehmer sind gekommen. Draußen ist der Glühwein kostenlos, das Bier muss man bezahlen, sagt Zinke.

Schnell geht es um Flüchtlingspolitik und die AfD

Eine linke Demonstration gegen das neurechte "Institut für Staatspolitik" auf der Hauptstraße von Schnellroda. © Martín Steinhagen für ZEIT ONLINE


Zinke und die anderen Dorfbewohner sind gekommen, um ein bisschen auf die Dorfkneipe aufzupassen. Linke Antifaschisten haben zur Demonstration aufgerufen, gegen das Institut für Staatspolitik und die Neue Rechte. Die Polizei wird vorsichtshalber die Kneipe mit ihren Autos abschirmen und die Hauptstraße kurzzeitig sperren. Auch ein Grüppchen Neonazis aus der Region stellt sich später vor das Gasthaus, bis die Demonstranten vorbeigezogen sind.  

"Der Götz", der sei in Ordnung, sagt Zinke. Er könne den Vorträgen zwar nicht immer ganz folgen, aber es sei ihm auch nicht so wichtig, was da genau erzählt werde. Kubitschek störe niemanden, brülle nicht herum, habe sogar Leute aus dem Ort angestellt. Gegen Ausländer habe er aber nichts, schiebt der Mann gleich hinterher, nur die Flüchtlingspolitik der vergangenen Jahre halte er für falsch und dass ehemaligen Wehrmachtssoldaten bis heute Vorwürfe gemacht würden.

"Häufchen Elend"

Wenn man in Schnellroda Menschen auf Kubitschek und seinen Verlag anspricht, geht es schnell um die Flüchtlingspolitik und um die AfD. "Ja, aber", sagen dann viele und: "Die meisten hier wollen einfach ihre Ruhe." Auch vor den Demonstrationen. Eine Frau schiebt einen Kinderwagen in Richtung Felder, ein älterer Mann zieht ein Kubitschek-Flugblatt aus dem Briefkasten, zerknüllt das Papier und stopft es in die Jackentasche. 

Etwas mehr als hundert Menschen kommen schließlich zusammen, um gegen das Treffen der Rechten zu protestieren. Dorfbewohner sind nur sehr wenige darunter. Ellen Kositza nennt diese auf der Website der Sezession kurz danach "ein linkes Häufchen Elend". Ihre Nachbarin Mirella Herfurth könnte damit gemeint sein. Sie ist mit den Demonstranten durch ihr Dorf gelaufen. 

"Was? Da haltet ihr es aus?" Diese Frage höre sie inzwischen oft, sagt die Frau mit den kurzen, grau melierten Haaren. Als "Braunroda" würde ihr Dorf sogar manchmal bezeichnet. Mirella Herfurth steht in ihrer Küche in einem alten Landhaus. Sie sanieren es nach und nach, so wie es eben geht, sagt ihr Mann, der dort schon als Kind gewohnt hat. Er wendet Thüringer Würstchen in der Pfanne. Aus dem Fenster blickt man in die Hofeinfahrt des Ritterguts.

"Wir machen unsere Arbeit"

Anfangs hätten sie sich mit den neuen Nachbarn gut verstanden, ihnen gezeigt, wie man Kartoffeln anbaut, erinnert sich Herfurth. Aber irgendwann habe Kubitschek ihr eine seiner Zeitschriften in die Hand gedrückt. "Das ist ja ein Rechter!", habe sie überrascht festgestellt und ihm deutlich gemacht, was sie davon hält. Der Anfang vom Ende der guten Nachbarschaft. Sie könne es nicht verstehen, warum man etwas gegen Ausländer haben sollte, sagt sie, woher der ganze Hass komme. In der DDR habe man doch auch zusammengelebt. Ihre eigene Familie sei "international", sagt Herfurth. Wie solle sie ihre Kinder da "deutsch erziehen", wie es der Nachbar ihr angeraten habe. "Was soll das überhaupt heißen?" 

Inzwischen engagiert sich Herfurth in einem lokalen Bündnis gegen rechts und ist trotz ihrer Zweifel wegen des SED-Erbes in die Linkspartei eingetreten. Sie werde nicht mehr von allen im Dorf gegrüßt, sei aus dem Traditionsverein ausgetreten, bleibe den Festen fern, berichtet sie. "Viele wollen nichts sagen", meint Herfurth. Sie schon. Man müsse sich damit auseinandersetzen, was vom Rittergut ausgehe, "man muss Kubitschek zwischen den Zeilen lesen". 

Wenn im Dorf diskutiert wird, dann in der Kneipe. Jörg Fritzsche, der Wirt des "Schäfchen", ist nicht nur Gastgeber, sondern auch Gegenstand der Auseinandersetzung. Immer wieder wird ihm vorgeworfen, er biete den Rechten einen Treffpunkt, weil er seinen Saal an sie vermiete. Andere stellen sich vor ihn, manche sogar im Wortsinne, wie die Männer an den Bistrotischen. Fritzsche selbst kann die Kritik nicht nachvollziehen. "Wir sind weder rechts noch links, wir machen unsere Arbeit", sagt er. Seit Jahren vermiete er an Kubitschek und sein Institut, es habe noch nie Probleme gegeben. 

"Das Dorf ist gespalten"

Ein Schild an der Hauptstraße teilt Schnellroda in Unterdorf und Oberdorf. © Martin Steinhagen für ZEIT ONLINE

Auch in den Nachbardörfern sorgen die Treffen der Neuen Rechten für Umsatz. Ein "Wirtschaftsfaktor" sei Kubitschek, heißt es in einer Pension. Während der Treffen des selbst ernannten Instituts, zu dem Rechte von überall her aus Deutschland und sogar Österreich anreisen, sind viele Betten belegt. Studenten, Burschenschafter in Hemd und Mantel, Aktivisten der Identitären Bewegung mit New-Balance-Sneakern, einige junge Frauen, aber auch Landtagsabgeordnete der AfD sind dann zu Besuch. Zum Austausch, zur Vernetzung. Sie laufen an diesen Tagen zwischen Rittergut und Gaststätte hin und her, viele mit weißen Papiertüten voller neuer Bücher, für die Antaios mit einem Slogan von Ernst Jünger wirbt. 

"Wenn Sie 100 Leute fragen, dann hören sie 80 verschiedene Meinungen", sagt Walter Wrede über die Diskussion im Ort. Er ist der Bürgermeister der Gemeinde Steigra, zu der Schnellroda seit sieben Jahren gehört. "Hier kennt noch jeder jeden, das finde ich gut." Der parteilose Wrede steht noch vier weiteren Dörfern vor. "Man hilft sich, nicht mehr so wie zu DDR-Zeiten, aber immerhin", sagt er. Wenn er donnerstags zur Bürgersprechstunde lädt, im Jugendclub beim Fußballplatz zum Beispiel, dann gibt es andere Themen als die Neue Rechte. Den Abwasserzweckverband beispielsweise, die gestiegenen Gebühren. Wrede ist auch stolz darauf, dass die Gemeinde es geschafft hat, den Kindergarten in Schnellroda zu halten, obwohl es mit dem Betreuungsschlüssel eigentlich nicht ganz aufgegangen ist. "Die Kinder sind die Zukunft", sagt Wrede.

"Das Dorf ist gespalten"

Was denkt der Bürgermeister über den Verlag und seine Besucher? Die Kubitscheks seien gut im Dorf integriert, antwortet Wrede. "Solange diese Parteien nicht verboten sind, werde ich nichts dazu sagen." Mit "diesen Parteien" meint Wrede auch die AfD, in der Kubitschek bisher nicht Mitglied werden durfte. Als im März 2016 in Sachsen-Anhalt der Landtag gewählt wurde, gewann der AfD-Kandidat das Direktmandat im Wahlkreis Querfurt, zu dem auch Schnellroda gehört. Die rechtspopulistische Partei wurde nach der CDU zweitstärkste Kraft und bekam dort rund 29 Prozent der Zweitstimmen. Landesweit waren es nur 24. 

Wenige Hundert Meter vor Schnellroda liegt der Hof von Bernd Bollmann. Jahrgang 1966, seit 23 Jahren im Gemeinderat, parteilos wie Wrede. Bollmann bewirtschaftet einen Teil der alten LPG-Flächen und ist mit seinen 17 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber im Ort. "Wir sind ein Dorf, das versucht, das dörfliche Leben aufrechtzuerhalten", sagt Bollmann. Sechs Jahre lang war er Vorsitzender des Traditionsvereins, der sich auch um die Feste im Ort kümmert. "Das Dorf ist gespalten", sagt er. Wer früher zusammen Bier getrunken und Fußball gespielt habe, sitze heute nicht mehr gerne an einem Tisch. Das vergifte die Stimmung. Bollmann hofft auf eine Entzauberung der AfD und so auf weniger Polarisierung im und weniger Aufmerksamkeit für das Dorf: "200 Einwohner, 200 Polizisten, 100 Rechte, 100 Linke – das taugt uns alles nichts."

Stützpunkt Schnellroda?

Auch Bollmann sagt, anfangs habe er nicht erkannt, welche Ideologie und welches "Geschäftsmodell" der neue Nachbar vertrete, der einen Männerchor mitgründete, als er ins Dorf kam. Das sei ihm erst in den vergangenen Jahren bewusst geworden. Mit "Deutschtümelei" könne er nichts anfangen, sagt Bollmann. Aber auch nicht mit dem "Gedankengut" der linken Demonstranten. 

Nicht alle, die im Dorf zu Kubitscheks Kritikern gehören, wollen mit ihrem Namen genannt werden. "Der Riss geht sogar durch Familien", sagt einer, der in Schnellroda aufgewachsen ist. Er wundert sich, dass "trotz antifaschistischer Grundhaltung in der DDR" heute so viele den Rechten nachliefen, der AfD ihre Stimme geben. Er sorgt sich auch, die Rechten könnten den Stützpunkt Schnellroda ausbauen. Im Ort ist ein Haus an der Hauptstraße zu verkaufen, außerdem ein Grundstück gegenüber vom Rittergut. Bürgermeister Wrede will sich nicht dazu äußern, ob daran auch Käufer aus der Neuen Rechten Interesse bekundet haben. "Es gibt viele Bewerber aus ganz Deutschland, wir beraten das in nichtöffentlicher Sitzung im Gemeinderat."