Ein Schild an der Hauptstraße teilt Schnellroda in Unterdorf und Oberdorf. © Martin Steinhagen für ZEIT ONLINE

Auch in den Nachbardörfern sorgen die Treffen der Neuen Rechten für Umsatz. Ein "Wirtschaftsfaktor" sei Kubitschek, heißt es in einer Pension. Während der Treffen des selbst ernannten Instituts, zu dem Rechte von überall her aus Deutschland und sogar Österreich anreisen, sind viele Betten belegt. Studenten, Burschenschafter in Hemd und Mantel, Aktivisten der Identitären Bewegung mit New-Balance-Sneakern, einige junge Frauen, aber auch Landtagsabgeordnete der AfD sind dann zu Besuch. Zum Austausch, zur Vernetzung. Sie laufen an diesen Tagen zwischen Rittergut und Gaststätte hin und her, viele mit weißen Papiertüten voller neuer Bücher, für die Antaios mit einem Slogan von Ernst Jünger wirbt. 

"Wenn Sie 100 Leute fragen, dann hören sie 80 verschiedene Meinungen", sagt Walter Wrede über die Diskussion im Ort. Er ist der Bürgermeister der Gemeinde Steigra, zu der Schnellroda seit sieben Jahren gehört. "Hier kennt noch jeder jeden, das finde ich gut." Der parteilose Wrede steht noch vier weiteren Dörfern vor. "Man hilft sich, nicht mehr so wie zu DDR-Zeiten, aber immerhin", sagt er. Wenn er donnerstags zur Bürgersprechstunde lädt, im Jugendclub beim Fußballplatz zum Beispiel, dann gibt es andere Themen als die Neue Rechte. Den Abwasserzweckverband beispielsweise, die gestiegenen Gebühren. Wrede ist auch stolz darauf, dass die Gemeinde es geschafft hat, den Kindergarten in Schnellroda zu halten, obwohl es mit dem Betreuungsschlüssel eigentlich nicht ganz aufgegangen ist. "Die Kinder sind die Zukunft", sagt Wrede.

"Das Dorf ist gespalten"

Was denkt der Bürgermeister über den Verlag und seine Besucher? Die Kubitscheks seien gut im Dorf integriert, antwortet Wrede. "Solange diese Parteien nicht verboten sind, werde ich nichts dazu sagen." Mit "diesen Parteien" meint Wrede auch die AfD, in der Kubitschek bisher nicht Mitglied werden durfte. Als im März 2016 in Sachsen-Anhalt der Landtag gewählt wurde, gewann der AfD-Kandidat das Direktmandat im Wahlkreis Querfurt, zu dem auch Schnellroda gehört. Die rechtspopulistische Partei wurde nach der CDU zweitstärkste Kraft und bekam dort rund 29 Prozent der Zweitstimmen. Landesweit waren es nur 24. 

Wenige Hundert Meter vor Schnellroda liegt der Hof von Bernd Bollmann. Jahrgang 1966, seit 23 Jahren im Gemeinderat, parteilos wie Wrede. Bollmann bewirtschaftet einen Teil der alten LPG-Flächen und ist mit seinen 17 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber im Ort. "Wir sind ein Dorf, das versucht, das dörfliche Leben aufrechtzuerhalten", sagt Bollmann. Sechs Jahre lang war er Vorsitzender des Traditionsvereins, der sich auch um die Feste im Ort kümmert. "Das Dorf ist gespalten", sagt er. Wer früher zusammen Bier getrunken und Fußball gespielt habe, sitze heute nicht mehr gerne an einem Tisch. Das vergifte die Stimmung. Bollmann hofft auf eine Entzauberung der AfD und so auf weniger Polarisierung im und weniger Aufmerksamkeit für das Dorf: "200 Einwohner, 200 Polizisten, 100 Rechte, 100 Linke – das taugt uns alles nichts."

Stützpunkt Schnellroda?

Auch Bollmann sagt, anfangs habe er nicht erkannt, welche Ideologie und welches "Geschäftsmodell" der neue Nachbar vertrete, der einen Männerchor mitgründete, als er ins Dorf kam. Das sei ihm erst in den vergangenen Jahren bewusst geworden. Mit "Deutschtümelei" könne er nichts anfangen, sagt Bollmann. Aber auch nicht mit dem "Gedankengut" der linken Demonstranten. 

Nicht alle, die im Dorf zu Kubitscheks Kritikern gehören, wollen mit ihrem Namen genannt werden. "Der Riss geht sogar durch Familien", sagt einer, der in Schnellroda aufgewachsen ist. Er wundert sich, dass "trotz antifaschistischer Grundhaltung in der DDR" heute so viele den Rechten nachliefen, der AfD ihre Stimme geben. Er sorgt sich auch, die Rechten könnten den Stützpunkt Schnellroda ausbauen. Im Ort ist ein Haus an der Hauptstraße zu verkaufen, außerdem ein Grundstück gegenüber vom Rittergut. Bürgermeister Wrede will sich nicht dazu äußern, ob daran auch Käufer aus der Neuen Rechten Interesse bekundet haben. "Es gibt viele Bewerber aus ganz Deutschland, wir beraten das in nichtöffentlicher Sitzung im Gemeinderat."