Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für DIE ZEIT über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne "Fischer im Recht" finden Sie hier – und auf seiner Website."

Sehr geehrte Leser!

Vor zwei Wochen ereignete sich, was Deutschland noch niemals zuvor zugestoßen war. In Worten der Presseberichterstattung: eine vollständig neue Form des Verbrechens; eine bislang unvorstellbare kriminelle Verderbtheit; eine – wie die Bundeskanzlerin unter dem Logo eines Heizungsherstellers dem Land mitteilte – "widerwärtige Tat"; ein Verbrechen neuer Dimension.

Sachverhalt

Ich spreche selbstverständlich nicht von dem Versuch, nach dem Genuss eines Stücks Schokoladenkuchen 59 wunderschöne Raketen in den Irak zu schießen. Oder in irgendeinen einen anderen Staat, dessen Name uns im Moment entfallen ist. Das war zwar nicht wirklich völkerrechtskonform, begründet also vielleicht so eine Art Anfangsverdacht der "Aggression" im Sinne des ganz neuen Paragrafen 13 des Völkerstrafgesetzbuchs, was dann wiederum schreckliche Folgen für Befürworter und Verharmloser hätte (Paragraf 140 StGB), falls es solche denn gäbe und falls sie bei der gewiss fieberhaften Suche der Experten gefunden werden könnten.

Ich meine auch nicht den schrecklichen Anschlag auf die Fußball-Nationalmannschaft von Togo am 8. Januar 2010, die Ihnen, liebe Fans, gewiss noch heute vor Augen steht. Die uneingeschränkte Solidarität aller deutschen FußballfreundInnen hat die Mannschaft von Togo seither begleitet.

Nein, ich meine den Sprengstoff-Anschlag vom 11. April 2017 auf einen Omnibus, in dem Angestellte des börsennotierten deutschen Unternehmens Borussia Dortmund AG (Geschäftsfeld Berufssport) von einem Hotel zu einer Wettkampfstätte gefahren werden sollten. In dem Omnibus befanden sich aber nicht die Mitglieder des Vorstands eines Dax-Unternehmens, sondern junge Menschen, deren Einkommen im Schnitt deutlich über demjenigen solcher Habgierhälse liegen, die aber gleichwohl Arm in Arm mit ihren etwa ein Prozent davon verdienenden "Fans" durchs Leben und die Fankurven gehen dürfen und zur Strafe oder Belohnung jeden Tag gefragt werden, ob ihnen ihr Knie ein bisschen wehtut, was sie letzte Nacht geträumt haben und ob sie sich vorstellen könnten, mit einem schwulen Torwart zusammenzuspielen.

Ermittlung

Über den – tatsächlichen oder angeblichen – Gang der Ermittlungen weiß inzwischen jede(r) fast alles, was veröffentlicht und 30-mal pro Tag wiederholt wurde. Die Meldung, "erste Verhaftungen" seien erfolgt, durfte nicht fehlen; zweite und weitere blieben allerdings aus. Man bestaunte tagelang das immer gleiche Foto eines Busses und las, die Sprengsätze seien "eine Sekunde zu spät" gezündet worden – ein merkwürdiges Detail, dessen Verortung zwischen digitalem Versagen (?) und analoger Reaktionsverzögerung (?) im Folgenden ungeklärt blieb, aber die Grundlage für die erwünschten Ausführungen darüber bilden konnte, was geschehen wäre, wenn alles ganz anders und vor allem: viel schlimmer gewesen wäre.

Die FAZ (nur beispielhaft) analysierte am 13. April unter der Schlagzeile: Warum der Sport zum Terrorziel wurde: "Es gibt Gründe, warum Sportveranstaltungen im Fokus der Täter stehen." Das ist unzweifelhaft ein wahres Wort. Man kann seine Überzeugungskraft schon daran erkennen, dass die Negation nicht wirklich sinnvoll erschiene.

"Unabhängig davon, welche Motive hinter dem Anschlag, der nach Behördenansicht die Mannschaft als Ziel hatte, stecken. Am Mittwoch wurde ein Islamist festgenommen (...). In jedem Fall aber ist auch dieses Attentat als Angriff auf die freie Lebensweise des aufgeklärten Europas zu werten" (FAZ).

Na ja. Es folgten – hier und anderswo – Hinweise auf "Blutbäder" von München 1972 bis ultimo: Leichen über Leichen, Verstümmelte und Schwerverletzte, die es gegeben hat, hätte geben können oder – zur größten Erleichterung der Autoren – zum Glück nicht gab. Das ist eine wirklich schwere Aufklärungsarbeit der Presse: neutral und sachlich zu imaginieren, wie schlimm es hätte werden können.

In engem zeitlichen Zusammenhang mit dem Bus-Anschlag von Dortmund ereignete sich übrigens – an Ostern – in Syrien, also dem Aktionsfeld des in den Irak geschleuderten Schokoladenkuchens und unserer uneingeschränkten Solidarität – noch ein weiterer Anschlag auf einen Omnibus. Dabei wurden 126 Berufs-Flüchtlinge zu Fleisch- und Knochenfetzen zersprengt, die Hälfte davon Kinder. Sie hatten allerdings weder Tribünen-Tickets noch Put-Optionen, sondern vermutlich eine Mischung von Angst, Hoffnung, Ahnungslosigkeit und Illusionen an Bord. Frau Bundeskanzlerin hat sich unter dem Logo des großen deutschen Heizungsbauers dazu nicht geäußert, fand es aber, wie ich hörte, jedenfalls gut vertretbar, dass man kürzlich mit neun Komma fünf Tonnen TNT ungefähr 36 vergrabene Mordgesellen töten konnte in Nordkorea. Oder in Afghanistan.