Offenbar war es eher so: Verdachtsmitteilung einer Online-Bank, die an Privatpersonen Options-Scheine verhökert. Person, die kurzfristige Optionen auf BVB-Kurssturz gekauft hatte, erweist sich als a) Kreditnehmer, b) Hotelgast, c) knapp bei Kasse, d) technisch ausgebildet. Beschuldigter eher naiv, was die Spuren-Legung betrifft. Nicht so superschwierig also für die "mit Maschinenpistolen schwer bewaffneten Kräfte", die am Tag nach der Tat den Tatort bewachten, mit Hubschraubern kreisten und das Erdreich detektierten.

Es folgt eine dramatisch überhöhte Aktion aus dem Tagebuch innenministerieller Heldentaten: "Tagelange intensive Beobachtungen" des Verdächtigen, kein Zugriff in der Wohnung (wegen Sprengfallen-Gefahr), schließlich "Überwältigung" durch GSG-9-Kämpfer auf dem Weg zur Arbeit. Es war wohl eher eine ruhige Festnahme; von Kampf- und Überwältigungshandlungen hörten wird jedenfalls bislang nichts. Der Focus berichtet von spontanen Geständnisworten des Beschuldigten; das BKA dementiert das als erfunden; der Focus bleibt dabei.

WDR-Aktuell meldet am 21. April: "Die Bundesanwaltschaft hat Haftbefehl erlassen." Zu dieser Meldung sagen wir: Eine saubere Recherche! Es geht auch beim Fernsehen nichts über eine solide staatsbürgerliche Grundlagenbildung.

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Unerhört. Einmalig. Unvorstellbar. "Ein beispielloses Verbrechen in der deutschen Kriminalgeschichte" (WDR). "Eine besonders widerwärtige Art von Habgier und erfüllt voll den Mordparagrafen" (Bundesinnenminister); "eine neue Art an Verbrechen" (Handelsblatt).

Der BVB ist eine Aktiengesellschaft. Einer Aktiengesellschaft (AG) ist es wurst, ob sie in Dortmund wohnt oder in Tahiti, ob sie Schokoladenkuchen herstellt oder Cruise Missiles oder ob sie sich damit befasst, zweihundertzwanzig Kapitalgesellschaften aus aller Welt, die Anteile an zweiundzwanzigtausend anderen Kapitalgesellschaften halten, zu Steuerrückerstattungen aus nicht gezahlter Kapitalertragssteuer zu verhelfen. Der Aktie ist, anders gesagt, alles egal; das ist ihre Natur.

Nun ist der menschliche Geist bekanntlich von kosmischer Größe und Differenziertheit, was jede(r) bestätigen wird, der/die in den letzten Monaten einmal ein völlig unverbindliches Gespräch mit einem Front-Office-Manager seiner Sparkasse oder der Beraterin eines international engagierten Finanzdienstleistungsinstituts hat führen dürfen. Man lernte dort, dass die schlechten Nachrichten über Derivate vollkommen übertrieben und nicht begründet seien, und dass schon für geringste Einsätze ab 20.000 Euro – im nicht gemanagten Onlinemodus – Renditen zu holen sind, die dem faulen Griechen die Tränen in die Augen treiben.

Also gibt es nicht allein "Papiere" (sagen wir: Garantiescheine), die virtuelle Anteile am Wert von juristischen Personen simulieren, deren Existenz aus nichts als den Hoffnungen der Papier-Käufer bestehen, beflügelt von "fundamentalen Daten", die ihrerseits aus Gerüchten bestehen und im allabendlichen Satire-Format "Pörse-vor-Acht" dahinfantasiert werden.

Sondern wir haben natürlich auch Papiere von Papieren und Papiere von Papieren von Papieren und von alldem auch das Gegenteil. Sie können – ZEIT-LeserInnen wissen das – irgendwo eine verbriefte Option darauf kaufen, dass in sieben Jahren eine Verkaufsoption auf einen koreanischen Autohändler in Chile mehr oder weniger als fünf Prozent unter dem Kursgewinn des kanadischen gegenüber dem amerikanischen Taler gestiegen ist. Dafür wird es schon irgendwo einen Markt geben. Es gibt ja auch einen für Kinderpornografie. Der ist allerdings deutlich übersichtlicher und auch für Verbraucher und Verbraucherinnen verständlich.

Wenn man ein Fonds-Manager ist, macht man so etwas an einer Termin-Börse. Da kann man um 17.00 Uhr das Recht kaufen, am 1. November 2017 zwei Millionen Barrel Öl für jeweils 76 Dollar an den freundlichen Wettpartner verkaufen zu dürfen. Um 17.02 Uhr kann man dieses Recht mit null Komma zwei Cent Aufschlag an einen anderen verkaufen. So geht es dahin, das schöne Öl! Und irgendwann wird es dann vielleicht auch einmal verkauft werden. Garantiert nicht an den, der die Kaufoption gezeichnet hat – der hat dieses abstrakte Konstrukt längst zwölfmal neu "verbrieft", "Derivate" erzeugt und in Parallel-Gesellschaften gegen sich selbst "gewettet". Am Ende kratzen irgendwo in der Wüste von Saudi-Arabien irgendwelche Sklaven-Arbeiter bei 50 Grad Hitze Öl aus dem Sand. Wenn sie es nicht täten, zerfielen alle papiernen Träume zu Staub.