Diese "Türkisierung" in den Statistiken und im Alltag fördert und hemmt bei den Kurden die Konzentration auf eine starke Identität. Der gleichzeitige Abgrenzungs- und Integrationsdruck macht es für sie noch schwerer, ein entspanntes Verhältnis zu finden. So gibt es neben einer breiten Mitte solche Kurden, die sich "türkischer als die Türken" fühlen und verhalten, und solche, deren "Kurdischsein" das Zentrum ihrer Identität bildet. Und es gibt Menschen wie Emine, die mit der kurdischen Seite ihrer Identität am liebsten nichts zu tun haben wollen.

Emine, die eigentlich gar nicht so heißt und etwa so alt ist wie Elif, beantwortet die ständigen Fragen nach ihrer Herkunft einfach nicht. Ihre Familie stammt aus einem Ort nicht weit entfernt von der Stadt, aus der auch Elifs Verwandte kommen. Auch Emine lebt in Berlin, auch sie trifft sich mit deutschen, kurdischen und türkischen Freunden zum Kaffeetrinken, aber sie reagiert genervt, ausweichend, verständnislos wenn eine ihrer kurdischen Freundinnen über ihre Identität spricht. Kurdisch zu sein gehört nicht zu ihrem Alltag, sie spricht deutsch und türkisch, isst deutsch und türkisch, lebt deutsch und türkisch. Über dieses Thema will sie nicht reden. So ist es einfacher für sie.

Eine Schätzung geht von 1,2 Millionen Kurden in Deutschland aus

Die Heterogenität erschwert eine repräsentative Erfassung der Kurden. Die Vielfalt geht oft verloren, in den Köpfen und Medien dominieren Bilder von PKK-Flaggen und Autobahnblockaden.

Metin Incesu hat diese Entwicklung jahrzehntelang beobachtet. Er ist Vorsitzender und Gründungsmitglied von Navend, einer deutsch-kurdischen Einrichtung für kurdische Studien. Das Büro liegt in der Bonner Innenstadt, an den Türen und Flurwänden hängen Filmplakate und eine alte Landkarte, die Wände verschwinden hinter Regalreihen aus Ordnern, Akten und Büchern zu nahezu allen Bereichen der kurdischen Kultur und Geschichte und ihrem Kontakt mit Deutschland. Geboren im zentralanatolischen Malatya floh Incesu nach dem Militärputsch 1980 nach Deutschland, seither lebt er in Bonn.

Von seiner Einrichtung stammt eine der wenigen Statistiken über die Zahl kurdischer Menschen in Deutschland aus dem Jahr 2002. Sie ermittelten die Zahlen über Analysen zu den Herkunftsorten der sogenannten Gastarbeiter und Asylbewerber seit den 1990er Jahren. "Natürlich unterliegt unsere Arbeit einer gewaltigen Fehlerquote", sagt er. Mittlerweile dürfte die Zahl seiner Berechnung zufolge bei etwa 1,2 Millionen liegen. Darunter fallen auch Menschen, die sich selbst nicht als kurdisch definieren. Die Arbeit ist extrem mühsam. "Es gibt kaum Feldforschung, keine Förderung", sagt Incesu. Außerdem sei die Repräsentation ein großes Problem, also die Frage, wer öffentlich für oder über die Kurden sprechen kann. "Die Deutschen denken scheinbar immer noch, Türken seien Experten für Kurden", so Incesu. Dabei könnten ja nicht mal Kurden selbst für alle Mitglieder dieser so heterogenen Gruppe sprechen.

Bilder statt Statistiken

"Es gibt nicht DIE kurdische Erfahrung", sagt Elif, die Fotografin aus Berlin. Jede einzelne, meist geprägt von Leid und Gewalt, sei verschieden. Es gebe keine Eindeutigkeit. Wie auch in anderen Bevölkerungsgruppen existieren auch unter Kurden multiple Identitäten. Je nach Kontext kehren sie unterschiedliche Seiten ihrer Person nach vorn.

In ihrer Arbeit als Fotografin komponiert Elif Bilder, die im medialen Strom unsichtbar bleiben, denen die Eindeutigkeit fehlt. Der Ansatz sei von ihrer Biografie gefärbt, denn auch ihr fehlt die Eindeutigkeit einer fixen Identität. Kurdischsein ist eigentlich nicht ihr Hauptthema. Derzeit plant sie aber eine Porträtserie zu kurdischen Frauen in der Diaspora. Auf die Frage "Wer bist du?" will sie keine eindeutigen Zahlen oder Statistiken, sondern Bilder sprechen lassen. "Ich will eine Idee von Tiefe und Variation erschaffen", sagt sie. Mit Bildern, hofft sie, gelingt das eher als mit Statistiken.