Die "Empathie für den Täter", über die ich spreche, meint übrigens keineswegs freundliche oder mitleidige Identifikation. Diese ganz auszuschließen wäre aber sehr unklug: Denken Sie an die beispielhaften Lebens-Scans vom Anfang dieser Kolumne und an das Verhältnis von Tätern und Opfern.

Abspann: Empathie auf höchstem Niveau

In der Beilage Plan W – Frauen verändern die Wirtschaft der Süddeutschen Zeitung vom 15. April hat die Bundesministerin der Verteidigung unter der Headline "Über Verantwortung und wie sie diese eroberte" auf die Frage "Frau Bundesministerin, Sie entscheiden im Ernstfall über Leben und Tod. Sie haben sieben Kinder. Können Sie bei so viel Verantwortung noch schlafen?" geantwortet: "Tief und fest. (…) Ich schlafe komatös (…)." Wir wollen hier nicht über die Einfalt der Frage nachsinnen und nicht über das Koma der Ministerin. Wir meinen nur: Was hätte die Redaktion der SZ wohl gesagt, hätte Herr Trump, Herr Kim Jong Un oder Herr Assad der Jüngere diese Antwort (und die weiteren) gegeben?

SZ: "Gab es ein Schlüsselerlebnis, bei dem Ihnen klar geworden ist, welche Verantwortung dieser Job mit sich bringt?" Von der Leyen: "(Ich) denke an meinen Afghanistan-Besuch (…). Dieses Camp, die Soldatinnen und Soldaten, und dann kommt eine mobile Vorführung: Eine Patrouille wird angesprengt, Rettungshubschrauber und Sanitäter gehen rein. Da wurde das auf einmal ganz konkret: Das ist das scharfe Ende."

Da müsste man wohl sagen: Frau Ministerin, da ist das scharfe Ende aber noch sehr weit weg, wenn die "mobile Vorführung" kommt! Nur der imitierte Slang ist schon scharf: "Sanitäter reingehen", "ansprengen" und so weiter – knallhart! Wir dachten allerdings, das scharfe Ende seien die Frau Mutter aller Bomben oder Brigadegeneral Klein oder 59 Luftballons – Verzeihung: Tomahawks, die, "ein wunderschönes Bild", mit Ihrer uneingeschränkten Solidarität über das weite Meer flogen. Neun Komma fünf Tonnen TNT für 36 vergrabene verrückte Mordgesellen! Als "scharfes Ende" könnte eine Kriegsministerin, die nach den Eckpunkten von Verantwortung ("und wie sie sie eroberte") gefragt wird, ohne Weiteres auch 400.000 getötete Zivilisten in Syrien bezeichnen oder, wenn sie auch vor dem niedersächsischen Reiter die empathische Kümmerin geben möchte, wenigstens die überaus miese Behandlung, die den verstörten SoldatInnen in dem von ihr verantworteten Wirtschaftsbetrieb zuteilwird, wenn sie von der deutschen Verteidigungsfront am Hindukusch zurückkehren.

"(…) Syrien war eine bittere Lektion. Dann kommen die Probleme bis an unsere Haustür", sprach die Ministerin zur SZ. Vermutlich meinte sie damit auch irgendetwas: vielleicht die Flüchtlingswelle, vielleicht ein Bombenattentat, vielleicht das schlechte Abschneiden syrischer Flüchtlingsmädchen im Pisa-Test – wir wissen es nicht. Denn den SZ-Redakteuren fiel auf die Stichworte "bittere Lektion" und "Haustür" tatsächlich nur diese Frage ein: "Ruft die Bundeskanzlerin Sie an, oder rufen Sie die Bundeskanzlerin an?" Hierauf Frau Ministerin: "In diesem Fall habe ich mich bei der Bundeskanzlerin gemeldet, die sich auch schon eigene Gedanken gemacht hatte (…)." Das war eine glatte Drei plus, Frau Kanzlerin! Apropos Bundeskanzlerin: "(Ich) meide rote Teppiche. Ich will nicht dekolletiert und behängt auf irgendeinem Ball sein, wenn die Sicherheitslage von einem Moment auf den nächsten kritisch wird." SZ: "Da ist die Kanzlerin offensichtlich entspannter (…)." Von der Leyen: "Ja. Ihre Gelassenheit und Ruhe sind ihre großen Stärken." Schön gesagt!

Und in der Bandbreite dessen, was die Empathie unter Primaten und Primatinnen ausmacht: Lerne Freund und Feind verstehen, und du wirst ein besserer Freund sein und ein gefährlicherer Feind. So viel zu Ostern. Pfingsten ist unvermeidbar.