ZEIT ONLINE: Herr Forsell, Sie forschen zur Berliner Stadtplanung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Wie sahen die Schulen damals aus? 

Håkan Forsell: Wie militärische Kasernen. Die Schulen befanden sich oft in Randgebieten. Auch heute findet man noch große Schulgebäude aus der Zeit um 1880 in Berlin. Mittlerweile haben sie eine prominente Lage in der Stadt, zu damaliger Zeit lagen sie aber fernab. Wo eine Schule gebaut wurde, hing von der Gesellschaftsschicht der Schüler ab. Insbesondere neue Migranten und Familien aus der Arbeiterschaft mussten sich schon damals mit den schlechtesten Bedingungen zufrieden geben. Ihre Schulen waren oft in schlechter Lage, beispielsweise neben ehemaligen Industriegebieten.

ZEIT ONLINE: Sie betonen in diesem Kontext vor allem die Bedeutung des Berliner Chefarchitekten um 1900, Ludwig Hoffman. 

Forsell: Nach der Jahrhundertwende war Berlin bereits relativ dicht besiedelt, das war ein Fehler des damaligen Baurechts. Die meisten Stadtbezirke waren nicht auf die vielen Zuwanderer vorbereitet, die als Folge der Industrialisierung nach Berlin kamen. Die Nachfrage nach Grundstücken war enorm. Schulen konnten nur da gebaut werden, wo der Marktwert des Baulands niedrig war. Hoffman gelang es, auf Grundstücken, die niemand wollte, funktionale und schöne Schulen zu entwerfen. Man sieht sofort, wieso sie billiger waren. Sie lagen, wie gesagt, neben Bahnhöfen, Fabrikgeländen oder in Hinterhöfen. Aber dadurch wurden sie Teil eines Wohngebiets. Plötzlich war die Schule im Zentrum des Stadtteils. Außerdem integrierte Hoffmann Schulen in Gebäudekomplexe, sogenannte Ensembles. Die Schule wurde Teil einer städtischen Anlage, beispielsweise zusammen mit einem öffentlichen Bad und dem Steueramt. Das war brilliant. 

ZEIT ONLINE: Er veränderte aber auch die Architektur der Schulgebäude. 

Forsell: Ja, denn über die Architektur konnten sogar die Grundschulen zeigen, dass sie trotz ihres kleinen Budgets repräsentative Räume schaffen konnten. Grundschulen hatten nicht dieselben Privilegien wie beispielsweise Gymnasien oder Universitäten. Sie waren vielmehr eine teure Bürde für jede Stadt. Hochschulen hingegen konnten enteignetes Land oder staatliche Förderungen erhalten.

Der Jugendstil hat auch vieles in der Architektur geändert. Man versteckte neue technische Errungenschaften wie Elektrizität nicht mehr. Man integrierte sie in den Baustil und entwickelte daraus eine moderne Ästhetik. Davon haben viele Schulgebäude profitiert. Außerdem engagierte man junge Künstler, um kleine Ornamente zu entwerfen. Es gibt zum Beispiel das Motiv eines Berliner Bären, der einem Kind das Lesen beibringt. Den Pädagogen war es wichtig, eine Umgebung zu schaffen, in der sich die Kinder gerne aufhielten, die quasi mit ihnen sprach. Das war zu damaliger Zeit noch selbstverständlich. 

ZEIT ONLINE: Was kann man daraus für die heutigen Schulen lernen? 

Forsell: Diese kindgerechte Gestaltung der Schulumgebung ist wichtig. Das wurde um 1900 baulich in Form von Ornamenten umgesetzt, aber auch mit Trinkbrunnen oder Spielplätzen. Hoffmann achtete auf eine sehr detailreiche Gestaltung. Allerdings verstanden sich auch viele Lehrkräfte der Zeit als kreative Pioniere. Sie entwarfen eigene Schulmaterialien und suchten nach einer zeitgemäßen Didaktik.

ZEIT ONLINE: Wie sah die aus?

Forsell: Die damaligen Schulbücher zeigten oft das Landleben: Dörfer und Teiche, in denen Hunde schwammen oder Pferde, die die Ernte wegbrachten. Den Pädagogen war es wichtig, die Umgebung der Schüler in der Stadt abzubilden, die Moderne und den Alltag der Kinder zu verbinden. Dementsprechend sollte sich auch die Institution Schule offen mit dem Stadtteil austauschen. Die Reformer der Großstadtpädagogik wollten eine Community gründen, in der sich auch die Eltern einbringen konnten. Lehrkräfte sollten nach dem Unterricht Zeit im Schulgebäude verbringen und die Räume für andere Aktivitäten nutzen können. Einige der Berliner Schulen haben das gefördert. Beispielsweise wurden viele Schulen nach Unterrichtsschluss für die Erwachsenenbildung verwendet.