Salim*, 17 Jahre, erster Bart, ist über ein orangenes Buch gebeugt, Die Physiker von Friedrich Dürrenmatt. Er soll eine Textanalyse darüber schreiben, alle anderen Tische sind leer. Es ist der letzte Schultag vor den Pfingstferien Ende Mai. Vor über zehn Jahren war schon sein großer Bruder hier, um Hilfe bei den Hausaufgaben zu bekommen. Jetzt sitzt Salim an einem der Holztische in der Jugendeinrichtung LeLeKie im Berliner Wedding.

Vom Grundschulalter bis zum Abitur wird im LeLeKie (Leben und Lernen im Kiez) allen geholfen, die durch die beige Tür kommen, auf deren Glasscheibe eine lachende Sonne geklebt ist. Sogar einige Studierende kommen noch regelmäßig hierher, wenn sie Hilfe beim Lernen brauchen. "Schulaufgaben sind die Eintrittskarte", sagt Evelyn Blaschke, Anfang 60, lockiges graues Haar und türkisfarbene Bluse. Sie ist Sozialpädagogin und hier die Chefin. Der Verein der Arbeiterwohlfahrt (Awo) wurde 1980 von einem Ehepaar gegründet, das Kindern aus der Umgebung mit ihren Hausaufgaben geholfen hat. 2006 hat Blaschke die Leitung übernommen. Sie kommt selbst aus dem Wedding. Der Kiez sei etwas Besonderes, die Nachbarschaft, das familiäre Miteinander, Wedding eben, sagt sie. Wedding, das bedeutet aber auch Kinderarmut. Nirgendwo in Berlin leben so viele sozial benachteiligte Kinder wie in Mitte, Wedding ist inzwischen ein Teil davon.

Die Kinderarmut ist seit Jahren hoch

Anteil der Kinder in Hartz IV Familien in Berlin

Verhältnis zur Gesamtzahl der Kinder

Im November 2016 waren rund 26.700 minderjährige Kinder in Mitte Teil einer sogenannten Bedarfsgemeinschaft der Grundsicherung für Arbeitssuchende, anders ausgedrückt: Sie lebten von Hartz IV. Nur der Bezirk Neukölln hat ähnlich hohe Zahlen. In beiden Stadtteilen war fast jedes zweite Kind Teil einer Hartz-IV-Familie. Insgesamt lebten in Berlin mehr als 170.000 Kinder und Jugendliche in Armut, davon rund 77.500 bei einem alleinerziehenden Elternteil. Deutschlandweit lebten im Dezember 2016 rund 1,7 Millionen Kinder unter 15 Jahren von Hartz IV. Das sind knapp 100.000 mehr als vor drei Jahren. Die Zahl der betroffenen Kinder hält sich seit Jahren auf diesem hohen Niveau. "Wir sehen, dass die Chancengleichheit in Deutschland  nicht schlechter, aber auch nicht besser wird", sagt Reinhard Pollak vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Er hat seine Dissertation zum Thema Chancengleichheit durch Bildung verfasst.

Die soziale Benachteiligung hat weitreichende Folgen: Insbesondere Kinder mit Migrationshintergrund sind von einer Bildungsungleichheit betroffen. Dabei würde eine gute Ausbildung vielen helfen, sozial aufzusteigen. Pollak sagt: "Was den Bildungsaufstieg betrifft, ist Deutschland vergleichsweise starr. Einerseits sind die Bildungsungleichheiten stark ausgeprägt. Das Elternhaus hat großen Einfluss auf die Bildung der Kinder. Andererseits spielen die Abschlüsse in Deutschland eine entscheidende Rolle für das weitere Leben."

Eine Analyse des Bundesamts für Statistik aus 2016 kam zu dem Ergebnis: Je niedriger das Ausbildungsniveau der Eltern ist, desto seltener besuchen die Kinder eine höhere Schule, wie zum Beispiel ein Gymnasium. Dieser Zusammenhang zeigt sich bei allen Bildungsniveaus. Initiativen wie der LeLeKie in Wedding können zwar helfen, die Ungleichheit zu verringern, aber ihre Möglichkeiten sind begrenzt.

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