Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland. Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Pop-up-Ressorts #D17, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen. 

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Rolf Hilse fühlt sich oft unverstanden. Sogar in seinem eigenen Bundesland, in Sachsen. Hilse spricht starken Dialekt, aber Sächsisch ist es nicht, auch wenn viele Fremde glauben, Sachsen klinge überall gleich. Nach "Nu" und "Weeßte", nach vernuschelten Vokalen und Konsonanten, denen jede Härte fehlt. Außerhalb der Landesgrenzen müht man sich schwer mit dem Verständnis. Schlimmer noch: Sächsisch wird regelmäßig zum unbeliebtesten Dialekt der Republik gekürt.

Bei einer Sprachreise durch den Freistaat im Osten hört man unter anderem Vogtländer, Erzgebirgler und Oberlausitzer – die Dialekte ländlicher Regionen. Und man trifft Sachsen, die sächseln. Warum der Dialekt von vielen schlicht als schrecklich empfunden wird, kann man Sprachwissenschaftler fragen. Aber man landet schnell auch bei gesellschaftlichen Debatten. Sächsisch ist auch ein Politikum.

Der Dachdeckermeister Hilse hat zwar nichts gegen Sächsisch, aber so sehr er sich auch anstrengt, es will ihm einfach nicht über die Lippen kommen. Denn der 61-Jährige ist von einem anderen Zungenschlag: ein geborener Oberlausitzer Roller. Wie sich das anhört? Wie ein Amerikaner, der mit schwerem Akzent Deutsch spricht. So wird Hilse jedenfalls immer mal verwechselt, wenn er in der Ferne ist.

Die Oberlausitz ist ein ländliches Gebiet, das sich über weite Teile Ostsachsens erstreckt. Eine Gegend mit Identität. Das fängt bei den uralten Umgebindehäusern an, die man in vielen Dörfern sieht, und hört beim Essen auf. Das regionale Leibgericht ist Kartoffelbrei, der hier "Abernmauke" heißt. Dieses Wort kennen die meisten, weil es in den Dorfgasthöfen, die in der Gegend übrig geblieben sind, auf der Speisekarte steht. Viele andere Oberlausitzer Vokabeln verstehen nur noch Eingeweihte, denn die Mundart stirbt langsam aus. Nicht nur in dieser Ecke Sachsens. In ganz Deutschland hört man weniger Dialekte. In Städten noch seltener als auf dem Land. Aber auch dort bewahren vor allem Ältere dieses Erbe. So wie Rolf Hilse, der über den Oberlausitzer Kartoffelbrei sogar Lieder singen kann.

Ebersbacher Edelroller, so nennt sich der Chor, mit dem er regelmäßig durch die Nachbarschaft tingelt. Siebzehn Herren, allesamt in der Region verwurzelt, früher Bäcker, Lehrer, Gärtner oder Bürgermeister, inzwischen sind die meisten pensioniert. Gut möglich, dass sie eine der letzten Generationen sind, die noch richtig rollen können. Beziehungsweise "quirlen", wie sie das auch nennen.

Stolz sind alle auf den Dialekt, deshalb pflegen sie ihn, aber leicht hat es kein Chormitglied damit. Jedenfalls nicht, wenn sie auf Ahnungslose treffen. Rolf Hilse hat ein paar Mal versucht, sich das "Quirlen" abzutrainieren. "Abor dos ging ni. Mein Mund is ni gemacht dafür." Jeder Edelroller hat sich schon mal als Außenseiter gefühlt. Der eine erzählt von einem beruflichen Vortrag, eigentlich ein ernstes Thema, bei dem aber der ganze Saal zu lachen begann, sobald er, der einzige Oberlausitzer, den Mund aufmachte. Der nächste berichtet von seiner Armeezeit, bei der er den Spitznamen "Waaaaas?" bekam, weil niemand seine Sätze verstand.

An diesem Nachmittag ist das kein Problem. Der Chor tritt vor einem Seniorenverein auf, in einem Oberlausitzer Dorf. Ein Heimspiel. Der schlichte Raum im Rathaus ist bis auf den letzten Stuhl besetzt, es gibt Kaffee, Streuselkuchen und für jeden Gast einen Piccolo. Viele Rentner haben die Lieder schon so oft gehört, dass sie jede Zeile mitsingen können, natürlich mit rollendem R. Weisen über Oberlausitzer Heimatgefühle, die Bimmelbahn im nächsten Ort, die grünen Wipfel der Hausberge.

Die Edelroller sind spezialisiert auf Satzgesang, nicht jeder Ton sitzt, dafür stimmt ihr Bühnencharme. Die Omas und Opas schunkeln selig. Star des Nachmittags ist aber keiner aus der alten Riege, sondern Max, mit Abstand der jüngste Sänger. Der 13-jährige Enkel von Rolf Hilse hat bei einigen Liedern einen Soloauftritt. Die Mundart kennt er seit der frühesten Kindheit. Beim Auftritt beherrscht er sie perfekt. Eine ältere Dame ruft verzückt: "Der Junge ist ja wunderbar. Aus dem wird mal was!"

Ja, aus dem soll mal was werden. Ein erfolgreicher Unternehmer, zumindest, wenn es nach Max geht. Nach dem Auftritt sitzt er mit Opa Rolf zusammen und erklärt in piekfeinem Hochdeutsch, wie er sich die Zukunft vorstellt. "Die Oberlausitzer Mundart ist wichtig. Ich finde es gut, dass man sie pflegt, denn ich mag meine Heimat. Aber bleiben will ich gewiss nicht. Ich will später in die Privatwirtschaft gehen, das kann man auf dem Land nicht so gut." Der Blick von Opa Rolf auf seinen Enkel kann sich nicht ganz entscheiden zwischen Staunen und Stolz.

Stigma Sächsisch

Dialekte verblassen, manche verschwinden. Fragt man Sprachwissenschaftler, zählen sie diese Gründe auf: veränderte Mediennutzung, bei der Dialekte eine geringere Rolle spielen, und wachsende Mobilität, die mit der demografischen Entwicklung zusammenhängt. Beat Siebenhaar, Dialektforscher an der Leipziger Universität, geht noch weiter in die Vergangenheit. "Schon seit dem 17. Jahrhundert, seit die Menschen begonnen haben, nach der Schriftsprache zu sprechen, gibt es große Stadt-Land-Unterschiede. In Städten wird weniger Dialekt gesprochen, weil sich dort Menschen aus allen Ecken treffen. Der ländliche Raum ist bei der Mobilität konservativer, aber auch das verändert sich zunehmend."

Siebenhaar, der aus der Schweiz stammt, hat einen Forschungsschwerpunkt: Sächsisch, der Außenseiter unter den deutschen Dialekten. "Der obersächsische Dialekt ist eigentlich ausgestorben. Den ursprünglichen Dialekt gibt es gar nicht mehr", sagt der Linguist. Zwar spreche man auf dem Land zum Teil noch sehr spezielle Mundarten, aber auch solche Sonderformen gingen hörbar zurück. Was man heute unter Sächsisch verstehe, sei eine Sprachfärbung, die sich hauptsächlich auf die Großstädte Leipzig, Dresden und Chemnitz und das Umland konzentriere. Dort werde ein Sächsisch-Mischmasch gesprochen, aber mit anderer Haltung als anderswo.

"In meiner Heimat, der Schweiz, haben Dialekte einen ganz anderen Stellenwert. Man hört sie sogar im Fernsehen", sagt Siebenhaar. "Aber auch in Süddeutschland geht man viel selbstbewusster damit um. Dort reden sogar Menschen in öffentlichen Funktionen mit Dialekt, während man das in Sachsen höchst selten erlebt. Da wird der Dialekt eher im Privaten gesprochen, auch aus Scham, weil Sächsisch stigmatisiert ist."