Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland. Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Pop-up-Ressorts #D17, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen. 

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Manchmal, wenn wieder ein Stein durch die Scheibe eines Stalls fliegt, versteht Adolf Tebel die Welt nicht mehr. Was haben die Leute nur gegen ihn? Was ist bloß so schlimm an seiner Arbeit? Tebel, ein hagerer Mann mit schütterem Haar, hat zum Frühstück erst mal ein Schinkenbrot gegessen. Jetzt streift er sich die Hausschuhe ab, zieht sich Hose und Pullover aus und schlüpft hinein in den grünen Kittel und die Gummistiefel.

Vorsichtig schiebt er die Tür zum Stall auf und schaltet das Licht an. Für einen Moment ist es still. Dann blinzeln die Schweine empor zu den Neonröhren an der Decke, grunzen und schieben sich mal links, mal rechts an die Eisenstäbe, die sie umgeben. Es klackert metallisch, die Schweine machen Lärm. 

Tebel schreitet eine Reihe von Sauen ab. 70 Zentimeter hat jede von ihnen in der Breite Platz. Früher waren es mal 60 Zentimeter. "Jetzt redet die Politik von einem Meter", sagt Tebel. Der Plan steht seit einiger Zeit im Raum, verfasst von Leuten, die keine Ahnung von Landwirtschaft hätten, sagt Tebel. Wenn die Tiere einen Meter Platz hätten, könnten sie sich umdrehen und in ihren eigenen Trog scheißen. Wer kann so was wollen? Und wer müsste das dann am Ende ausbaden? Tebel, der Ferkelzüchter natürlich.

Im niedersächsischen Dorf Prezier, direkt an der Grenze zu Sachsen-Anhalt, zieht seine Familie kleine Schweine heran. 200 Sauen stehen in den Ställen. Alle drei Wochen, immer montags, verkaufen die Tebels die Ferkel an Mäster, die die Tiere fett machen. Nach einem halbjährigen Leben werden die Tiere zum Schlachter und dann als Schnitzel ins Kühlregal gefahren.

Die Tebels sind mit einigem Stolz Teil dieser Erzeugungskette. Ihre Landwirtsdynastie ist nachgewiesen bis ins Jahr 1770. Adolf Tebel lebt seit seiner Geburt vor 54 Jahren auf dem Hof mit dem prächtigen Vierständer-Haupthaus, sein Vater verbrachte dort 83 Jahre. Sohn Gunnar ist 25 und will den Hof eines Tages übernehmen.

Das wusste er schon mit fünf Jahren. "Gunnar kann den Hof machen", sagte er, als er gerade sprechen konnte. So erzählt es sein Vater. Im Kinderzimmer baute Gunnar sich mit Spielzeugtraktoren einen Bauernhof. Inzwischen ist er Agrarbetriebswirt und Teil der elterlichen GbR. Gerade baut er sich mit seiner Freundin die erste Etage aus. "Die oben, wir unten", sagt Adolf Tebel. Das Geschäft läuft, und auch die Übergabe des Hofes.

Es könnte alles einfach sein, wären da nicht die vielen Gegner. Die Menschen, die sich heute mehr Gedanken machen als vor 40 Jahren. Die Menschen, die eine andere Landwirtschaft wollen als die intensive, durchindustrialisierte, computergesteuerte, wie sie Tebels betreiben. Menschen, die keine Ahnung von Landwirtschaft haben, so sehen es zumindest die Tebels.

Adolf Tebel sagt: "Was ist bloß los mit den Leuten?"

Die Leute, sagt Tebel, wollten einerseits viel Platz und Liebe für die Schweine. Sie verlangten nach Zuchtmethoden in Bioqualität, nach Bauernhöfen, die in das romantische Bild von Landwirtschaft passen. Wenn sie aber in den Supermarkt gingen, kauften sie kiloweise konventionelles Fleisch. 60 Kilogramm Fleisch essen die Deutschen pro Kopf und Jahr im Durchschnitt. Der Marktanteil für Biofleisch liegt lediglich bei rund 1,5 Prozent. Warum, fragen die Tebels, sollten die Bauern Fleisch für einen Markt produzieren, den es nicht gibt? Wenn der Markt eben schnell und billig verlangt, warum sollten die Bauern nicht schnell und billig produzieren? "Solang die Bevölkerung so einkauft, produzieren wir so", sagt Tebel und zuckt mit den Schultern. Eine tragfähige Alternative ist nicht in Sicht, Platz für Bauernhofromantik schon gar nicht, sagt Tebel. Die Bauern stünden ziemlich dumm da zwischen einem knallharten Markt und den hohen Ansprüchen der Konsumenten.

Tebel lässt den Eber aus seinem Verschlag und an den Sauen vorbeilaufen. Der Landwirt drückt mit einer Hand auf die Rücken der Tiere, schaut, wie sie auf den Eber reagieren. Er will wissen, ob die Sauen bestiegen werden wollen, ob sie rauschig sind, wie er das nennt. Er schüttelt mit dem Kopf. Nein, sind sie nicht. Tebel lädt einen Spaten voll mit Ebermist und lässt ihn in eine Schubkarre fallen. Scharf beißt es in der Nase, es riecht sauer und kotig.