Das Ergebnis stimmte uns zunächst euphorisch: 2.700 Paare hatten sich gebildet, nur 75 Leserinnen und Leser bekamen keinen Diskussionspartner, weil es im Umkreis von 20 Kilometern schlicht niemanden (mehr) gab, der ebenfalls diskutieren wollte.

Beim Blick in die Daten zeigte sich allerdings auch ein statistischer Effekt, den wir ebenso gefürchtet wie erwartet hatten: Es mag zwar stimmen, dass sich auch in Deutschland hermetische Filterblasen gebildet haben, in denen Argumente von außen nichts mehr zählen. Nur sind diese Filterblasen eben – zum Glück – nicht gleich groß, wie in manchen anderen Ländern, sondern eine ist sehr groß und die andere sehr klein. Es könnte also schwierig sein, allzu viele perfekte Paare zu vermitteln.

Ein Beispiel: In Deutschland würden jüngsten Prognosen zufolge rund sieben bis zehn Prozent der Wähler die Alternative für Deutschland (AfD) wählen, unter anderem, weil sie die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel kritisch sehen. Mehr als neunzig Prozent der Wähler aber würden die AfD nicht wählen. Für viele Deutsche mag das eine beruhigende Tatsache sein. Für uns aber, die wir eine Partnerbörse für politisch Andersdenkende bauen wollen, stellte es ein Problem dar: Die Leser, die sich beteiligen wollten, waren in ihren Meinungen ziemlich homogen. Extrempositionen kommen eben selten vor. Hinzu kommt: Auch ZEIT ONLINE selbst bildet wie jedes Medium eine Art Filter. Deshalb hatten wir zahlreiche Verbände angesprochen, den Feuerwehrverband etwa oder das Deutsche Rote Kreuz, die die Kunde von unserem Politik-Tinder in alle Teile der Gesellschaft trugen.

Von unseren 2.700 Paaren waren schließlich immerhin 1.100 in zwei oder mehr Fragen unterschiedlicher Meinung. Andererseits waren sich zwei Drittel der theoretisch möglichen Paare in vier der von uns gestellten Fragen völlig einig und nur in einer Frage uneins: der Frage nach dem fairen Umgang mit Russland.

Das war eine weitere wichtige Lektion: Strittig war unter den meisten unserer Leser (und unter den meisten Deutschen) nicht, ob Deutschland zu viele Flüchtlinge aufgenommen hat, und auch nicht, ob Schwule heiraten dürfen. Die polarisierendste Frage war jene nach dem Umgang mit Putins Russland. Dass uns das überrascht hat, zeigt nicht zuletzt, wie kurz unser Gedächtnis reicht. Noch vor drei Jahren schrieb der stellvertretende Chefredakteur der ZEIT, Bernd Ulrich, in einem Essay mit dem Titel "Wie Putin spaltet": "Was bei uns gerade im Streit um Russland und die Krim passiert, habe ich in dreißig Jahren Debattenerfahrung noch nicht erlebt." Der erbitterte Streit um den Umgang mit Russland wurde durch andere Themen überlagert – die Uneinigkeit aber ist geblieben.

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Wer der Meinung ist, dass Deutschland nicht zu viele Flüchtlinge aufgenommen hat, der neigt statistisch signifikant dazu, den Atomausstieg und die Homo-Ehe für richtig zu halten.

Hat sich unser Experiment Deutschland spricht gelohnt? Wir denken schon. Rund 50 Prozent der zusammengebrachten Partner haben uns am Ende zugesagt. Für jeden Teilnehmer beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass er wirklich mitmacht, also etwa 50 Prozent, wie beim Münzwurf. Damit sich ein Paar bildet, müssen aber beide Partner eines Paares zusagen. Man wirft sozusagen für jedes Paar zwei Münzen, und das Paar kommt zustande, wenn zweimal Kopf fällt. Diese Wahrscheinlichkeit ist das Quadrat der Wahrscheinlichkeit für Kopf, also 25 Prozent. So fanden nur 25 Prozent der Paare schließlich zueinander – rund 600.

Es zeigte sich, dass unsere Leserinnen und Leser wirklich Lust auf eine hitzige Debatte haben: Die Wahrscheinlichkeit, zuzusagen, war höher, je unterschiedlicher die Antworten ausgefallen waren. Mehr als 1.200 Menschen werden heute hoffentlich leidenschaftliche Gespräche mit Andersdenkenden führen, die so sonst niemals stattgefunden hätten. In Berlin am Prenzlauer Berg trifft sich ein Verleger mit einem Einwandererkind aus Ägypten, im Rheinland begegnet ein Student (zufälligerweise) seinem konservativen Professor außerhalb der Vorlesung zum politischen Diskurs, Beamte treffen auf Physiker, Ingenieure auf Polizisten, Schwiegertöchter (zufällig) auf ihre eigenen Schwiegerväter. Unser Chefredakteur Jochen Wegner, der sich ebenfalls angemeldet hat, debattiert mit einem Maschinen- und Anlagenführer, der die Welt in vier von fünf Punkten anders sieht als er. Mehr zu all diesen Begegnungen bald auf ZEIT ONLINE.

Allen Teilnehmern wünschen wir: einen schönen Streit!